Rezension des Buches "Der revolutionäre Präsident":Emmanuel der Widersprüchliche

Paris, France, July 14, 2021 - French President Emmanuel Macron reviews French troops during the annual Bastille Day mi

Selbstbewusst, aber nicht gerade beliebt: Emmanuel Macron am Nationalfeiertag in Paris.

(Foto: Alexis Sciard/Imago)

Der Historiker Joseph de Weck hat ein anschauliches Buch über den französischen Präsidenten geschrieben, das auch eine Analyse der französischen Gegenwart ist. Und er kommt zu einem sehr klaren Schluss, der viele überraschen dürfte.

Von Nadia Pantel

Nach vier Jahren Amtszeit verlieren die Projektionen ihren Reiz. Emmanuel Macron ist nicht mehr der Retter Europas, den deutsche und angelsächsische Medien so intensiv feierten, dass viele Texte wirkten, als laute die heimliche Überschrift: Den wollen wir auch. Auf der anderen Seite halten besonders entschlossene Linke an ihrer tiefen Abscheu gegen Frankreichs Präsidenten fest. Doch jenseits der Gewissheiten der Festgelegten hat sich eine andere Erkenntnis durchgesetzt: Macron ist schwer zu greifen. Er ist weder die neoliberale Karikatur, die von ihm gezeichnet wird. Noch ist der Präsident so progressiv wie manche ihn sehen wollten; sobald jemand post-koloniale Theorien auspackt, scheinen sich ihm die Nackenhaare aufzustellen. Wer ist Macron also wirklich?

Die schlechte Nachricht zuerst: Joseph de Weck weiß auch nicht, was Macron antreibt, geprägt hat oder überfordert. Sein Buch "Emmanuel Macron. Der revolutionäre Präsident" hat er geschrieben, ohne Macron persönlich getroffen zu haben. Es ist also, anders als Aufmachung und Titel vermuten lassen, kein Porträt des Präsidenten. Doch, und das ist vielleicht ohnehin interessanter, es ist ein sehr lesenswertes Porträt Frankreichs. De Weck langweilt nicht mit den immer gleichen Anekdoten aus Macrons Kindheit, er verzichtet auf psychologische Ferndiagnosen, er prahlt nicht mit irgendwelchen Insidergesprächen.

"Zeremoniell der Selbstkrönung"

Stattdessen zeichnet er Macron als eine sehr französische Figur. Als ein Kind des Etatismus, der Elitenbegeisterung und einer politischen Tradition, in der zwar der König geköpft, der Thron aber nicht vor den Palast geräumt wurde. Macrons berühmter Gang zum Louvre am Abend seines Wahlsiegs grenzte, so de Weck, an ein "Zeremoniell der Selbstkrönung". Das Machtverständnis dieses Präsidenten bringt de Weck wie folgt auf den Punkt: "Von seiner hohen Warte aus besteht bei vielen Fragen gar kein Anlass mehr für eine legitime politische Debatte."

Das Buch analysiert klar, wie Macrons Selbstbewusstsein und das Gefühl des Niedergangs, das in weiten Teilen der französischen Gesellschaft zur dominanten Erzählung geworden ist, aufeinander krachen. Am eindrücklichsten geschah dies 2018, als die Gelbwesten-Bewegung auf die Straße ging. De Weck schreibt: "Die Revolte entlädt sich nicht etwa, weil der Präsident ein Wahlversprechen bricht, sondern weil er tut, was er angekündigt hat." Macron, der harte und ersehnte Reformer - so will es das präsidiale Selbstbild. Nur hat die Mehrheit der Bevölkerung in Macron nie den Retter gesehen: Lediglich 24 Prozent derjenigen Franzosen, die wählen gingen, hatten im ersten Wahlgang Macron ihre Stimme gegeben.

Schwächen und Stärken werden klar benannt

So klar der Historiker und Politikwissenschaftler de Weck Macrons Schwächen benennt, so fair bleibt er dennoch. Macrons Außenpolitik wird von Aktionismus und Spuren des Größenwahns durchzogen? Ja. Und doch ist ihm gelungen, bei den EU-Topjobs seine Wünsche erfüllt zu bekommen (Christine Lagarde als EZB-Chefin und Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin). Macron stärkt die Rechte der Unternehmer und schwächt die der Arbeitnehmer? Ja, aber er kämpft auch für die Besteuerung der Technik-Giganten und investiert zum sozialen Ausgleich in Bildung (halbe Klassenstärken in den armen Vorstädten).

Das Buch endet mit einer überraschend klaren Diagnose: "Eine zweite Runde Macron würde Frankreich und Europa wahrlich gut tun", schreibt de Weck. Doch anders als in den Macron-Jubeltexten ist dieses Fazit nicht Folge des Wunschdenkens, sondern der nüchternen Analyse der widersprüchlichen Bilanz Macrons. Und des Abwägens der Alternativen. "Frankreich könnte sehr schnell Ungarn oder Polen gleichen", schreibt de Weck über den möglichen Wahlsieg Marine Le Pens. Ob sie gewinnt oder nicht, haben für de Weck die Linken in der Hand. Le Pen hat dann eine Chance, wenn viele Linke lieber nicht wählen, als Macron ihre Stimme zu geben. Für de Weck unter anderem Zeichen von "Macron-Hass, der das Maß des Nachvollziehbaren übersteigt."

© SZ/rop
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