Digitale Kultur Avantgarde in der Filterblase

Die Digitalkonferenz Republica versteht sich als Treffpunkt der digitalen Avantgarde.

(Foto: dpa)

Die Republica in Berlin zeigt: Um die Debattenkultur im Internet ist es schlecht bestellt. Viele lassen sich von Gegenmeinungen in die Echokammer drängen. Das ist gefährlich - für das Netz und die Demokratie.

Kommentar von Karin Janker

Wie es um die digitale Kultur im Lande steht, lässt sich an der alljährlichen Republica-Konferenz recht deutlich ablesen. Das inoffizielle Motto der 13. Republica diese Woche in Berlin lautete "geordneter Rückzug". Die digitale Community wirkt erschöpft, verzagt und betet den inzwischen fünf Jahre alten Satz des Bloggers Sascha Lobo herunter, das Internet sei kaputt. Will man anhand der Veranstaltung ermitteln, wie es in diesem heiklen politischen Moment kurz vor der Europawahl und vier wichtigen Landtagswahlen um die Debattenkultur im Netz bestellt ist, so zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Auch jene, die sich als Verteidiger des demokratischen Diskurses im Digitalen begreifen, erliegen dem Reiz des Rückzugs in die Echokammer.

Dabei sind die Vorzüge einer Filterblase der Gleichgesinnten evolutionsbiologisch wie psychologisch nachvollziehbar: Der Mensch will Stress vermeiden. Wo man sich einig ist, bleiben einem Ärger und Frustration erspart. Auf Twitter ist das Phänomen zu beobachten. Es gibt kaum Debatten zwischen unterschiedlich Gesinnten. Statt Argumente und Perspektiven auszutauschen, blockiert man Tweets und Inhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen.

Das Fatale: Rechte Influencer beherrschen die Strategien im Netz so erfolgreich, dass sie die linke Netzcommunity in eine Ecke drängen. Dort ist es zwar kommod, Haltung zu zeigen, aber ein gravierender Nachteil der Echokammer wird evident: Die eigene Stimme verhallt, denn aus der Kammer dringt kaum etwas hinaus in die Öffentlichkeit. An der Republica ist dies abzulesen, sie ist zu einer Wohlfühlveranstaltung geworden, während ihr Beitrag zu politischer Kontroverse gegen null geht.

Die Versprechen des Digitalen haben sich nicht erfüllt

Das wäre zwar schade für die Veranstalter, aber noch kein Drama, stünde es nicht symptomatisch für die Debattenkultur im Digitalen. Der Konsens, in dem man sich einfindet, bleibt folgenlos. Schließlich bedarf Diskurs stets der Gegenseite. Die Echokammer wird zur bequemen Falle. Hier wird man nicht von Gegenmeinungen belästigt. Umgekehrt hat aber auch die eigene Meinung kein Gewicht mehr, weil sie dieses nur entfaltet, wenn sie sich dem Gegner stellt. Was auf diese Weise kaputtzugehen droht, ist nicht das Internet, sondern die Demokratie.

Das Digitale, als dessen Avantgarde sich die Republica immer noch versteht, hat sich nicht so entwickelt, wie es zu hoffen war. Stattdessen haben es Hass, Manipulation, Spaltung und Verflachung - die "tobenden Scheinriesen", wie sie der Bundespräsident in seiner Eröffnungsrede nannte - dort leichter als die Vernunft. Die Frustration rührt auch daher, dass die Diagnose zwar bekannt ist, es aber an Werkzeugen fehlt, all das zu reparieren. Es herrscht ziemlich viel Kulturpessimismus und ziemlich wenig Selbstreflexion.

Dabei ist das Netz seiner Struktur nach kein oberflächliches Medium, es sind Menschen, die Tiefgang, Komplexität und Stress meiden. Und so womöglich das Internet kaputtmachen. Es bedarf zur Verteidigung der Demokratie einer gehörigen Anstrengung, das Richtige im Falschen zu suchen: Die, die anders denken, nicht zu blockieren, sondern zu lesen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Für diese Anstrengung braucht es eine digitale Avantgarde, die in Schulen, Politik und Unternehmen ausstrahlt. Ansonsten bringt sie stets selbst hervor, was sie eigentlich hinterfragen wollte: Menschen, die während Vorträgen auf ihre Handys starren.

Leserdiskussion Diskutieren oder blockieren?

Leserdiskussion

Diskutieren oder blockieren?

Immer mehr Menschen erliegen dem Reiz des Rückzugs in die Echokammer, kommentiert Karin Janker. Dadurch drohe die Demokratie kaputtzugehen. Besser wäre es, die, die anders denken, nicht zu blockieren, sondern zu lesen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, findet die SZ-Autorin.