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Regionalwahlen:Frankreichs Integrationsmodell ist gescheitert

Mehr und mehr Franzosen wähnen ihre Nation im ökonomischen Niedergang. Obendrein nähren die Attentate vom Januar und November das Gefühl, dass die Gesellschaft innerlich zerbricht. Es waren zumeist Nachfahren maghrebinischer Einwanderer und zugleich gebürtige Franzosen - mithin Kinder der Republik -, die da mordeten. Frankreichs Integrationsmodell, das in den elendsten Quartiers der Banlieues über dem Eingang jeder Schule das doch tagtäglich gebrochene Versprechen von "Égalité" und Chancengleichheit verkündet, ist längst gescheitert. Und der Laizismus, das einst fortschrittliche Gebot zur Trennung von Kirche und Staat, verkommt zum Knüppel, um gläubige Muslime auszugrenzen.

Es gibt in diesem französischen Wahlergebnis einen deutschen Treibstoff: "Merkels Migranten", wie man in Paris sagt, sind den Nachbarn längst unheimlich geworden. Zwar hat die Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten das Land westlich des Rheins kaum berührt. Die Zahl der Asylbewerber und politischen Flüchtlinge ist stabil, bei ungefähr 60 000 für 2015. Aber die "Willkommenskultur" der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hat gleichwohl neue Ängste vor noch mehr Muslimen geschürt.

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"Das ist nicht der Islam"

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Auch der Front National hat keine Lösungen zu bieten

Also haben die Franzosen - ungeduldig, verunsichert, frustriert - dem FN eine Chance eingeräumt. Was soll's, alle anderen versagen eh. Früher war solch ein Votum ein Zeichen des Protests. Inzwischen stimmen die Bürger für Le Pen aus verzweifelter, erbitterter Überzeugung.

Lösungen hat der Front National nicht zu bieten. Sein sozial-nationales Wirtschaftsprogramm weist in die Irre, gegen Europa und gegen den Rest der Welt. Und seine Tiraden gegen Ausländer und Muslime verraten urfranzösische Prinzipien wie Humanität und Menschenrechte.

Dennoch, der FN hat gewonnen. Frankreichs Premierminister Manuel Valls hatte noch am Sonntag arg martialisch gemahnt, seine Landsleute sollten ihr Wahlrecht bitteschön als Machtbeweis gegen Gewalt und Terror nutzen: "Unsere Waffe, das ist der Stimmzettel."

Dazu jedoch mochten sich die Franzosen nicht aufraffen. Sie gaben sich ihrer Mattigkeit hin. Die einst stolze Nation scheint vor den Extremisten in den eigenen Reihen zu kapitulieren. Nur jeder zweite Franzose war am Sonntag überhaupt bereit, sich aufzuraffen zur demokratischen Stimmabgabe. 22 Millionen wahlberechtigte Citoyens taten untätig so, als sei ihnen die eigene Republik schlicht egal.

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