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Rechtsextremer V-Mann "Primus":"Mann ohne Hals"

Video des Nationalsozialistischen Untergrundes NSU

Szene aus der Bekenner-DVD des NSU. Auch auf dem Computer von "Primus" war die Paulchen-Panther-Melodie.

(Foto: dpa)

In Zwickau, der Stadt, in der sich der NSU versteckte, lebte ein umtriebiger rechtsextremer Skinhead. Zudem arbeitete er für den Verfassungsschutz. Was wusste V-Mann "Primus" von den Taten der NSU?

Von Hans Leyendecker und Tanjev Schultz

Die Paulchen-Panther-Melodie mögen Kinder gern, und die Erwachsenen freuen sich darüber. Sie hört sich ein bisschen unheimlich an, und doch so harmlos, so unbeschwert. Die Melodie hatte mal etwas unschuldig Verschmitztes. Die Unschuld ging verloren, weil die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) die Musik auf ihrem Bekennervideo verwendet haben. Warum mochten die Neonazis diese Musik?

Eigentlich passt sie auch nicht zu einem heute 42 Jahre alten Mann, der in einer Band sang, die "Westsachsen-Gesocks" hieß. Ein Mann, der Glatze und einen Kampfhund hatte und sich mit dickem, weißem Bauch und Pumpgun fotografieren ließ. Als "Mann ohne Hals" hat ihn ein anderer Neonazi bezeichnet. Lange Zeit lebte diese unangenehme Gestalt in Zwickau, wo zuletzt auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wohnten. Er war sehr gut vernetzt in der rechten Szene. Und auf einem seiner alten Computer entdeckten Ermittler eine interessante Musikdatei: die Paulchen-Panther-Melodie.

Er hing wie eine Spinne im rechten Netz

"Manole" war der Spitzname des Mannes in der rechten Szene. "Primus" hieß er beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Unter diesem Decknamen hat er ein Jahrzehnt lang, bis mindestens 2002, als Informant gearbeitet. Er kannte viele Leute aus dem Umfeld des NSU; 2008 zog er in die Schweiz. Im Oktober 2010 wurde seine Akte beim BfV geschreddert. Zweimal ist er später von Ermittlern zum NSU vernommen worden, und seltsamerweise wurde er dabei nicht nach der Melodie befragt.

Vielleicht hätten die Beamten eine ähnlich schnippische Antwort bekommen, wie er sie vor ein paar Tagen der SZ gab: "Ich habe viele Musikdateien auf meinem PC." Und: "Erwarten Sie von mir keine weitere Unterstützung." Was meinte er damit?

Wegen dubioser V-Leute wie Primus denken Abgeordnete der Grünen, der Linken und sogar der CDU mittlerweile darüber nach, ob es im Bundestag einen zweiten Untersuchungsausschuss geben sollte. Er könnte sich mit den offengebliebenen Fragen zur Rolle der Geheimdienste im NSU-Komplex beschäftigen. Im Mittelpunkt müsste das BfV stehen, das durch seine Schredderaktionen und durch erstaunliches Nichtwissen aufgefallen ist.

Bei der Suche nach den Ursachen des staatlichen Versagens stieß man auf Strukturfehler, auf Korpsgeist, Inkompetenz und Pech. War da vielleicht mehr? Wusste eine Behörde oder einer ihrer geheimen Informanten mehr über die Terroristen, als sie heute zugeben? Der Fall des Mannes, den die einen "Manole" und die anderen "Primus" nannten, macht besonders misstrauisch. Bereits 1992 wurde er als V-Mann vom Verfassungsschutz angeworben. Der rechte Mann am ganz rechten Fleck.

Verbindungen zum Neonazi-Netzwerk "Blood & Honour"

Er hatte Verbindungen zum Neonazi-Netzwerk "Blood & Honour", das die drei untergetauchten Neonazis aus Jena auffing. Er kannte erstaunlich viele der mutmaßlichen Helfer des NSU. Thomas S., der mit Zschäpe ein Techtelmechtel gehabt haben soll, kannte er von Konzerten und dem Vertrieb rechtsradikaler Musik. Thomas S. soll das Trio zunächst in Chemnitz untergebracht haben. Hat Primus davon nichts mitbekommen, wie er behauptet?

Vor Gericht, im Münchner NSU-Prozess, spielte vor Kurzem eine Zeugenvernehmung von Thomas S. eine Rolle. Er war gefragt worden, ob auch Manole das Trio kannte? Vielleicht sei mal die Telefonnummer weitergegeben worden, gab S. zu Protokoll. Er überreichte den Ermittlern alte Fotos. Auf einem Bild ist eine Frau in Bomberjacke zu sehen, die aus Blood & Honour-Kreisen stammt, daneben ein Skin-Mädchen, das zu Manoles Umfeld gehört habe; daneben Uwe Mundlos. Am Bildrand sind noch die Haare und die Nase einer Frau zu erkennen. Thomas S. meinte, das sei Beate Zschäpe gewesen.

Manole kannte auch Jan W. und Hendrik L., die sich im Umfeld des Trios bewegten. Jan W. sollte angeblich mal eine Waffe für die Terroristen besorgen (was er bestreitet). Manole hat mit ihm noch 2012 über Facebook kommuniziert.

Und der frühere V-Mann kennt auch die Familie E. aus Zwickau. André E. ist einer der Angeklagten im NSU-Prozess. Er ist der Mann, der sich auf den Bauch "Die Jew Die" tätowieren ließ - "Stirb Jude, stirb". Manole sagte den Ermittlern, er habe André E. in den Neunzigerjahren im Erzgebirge bei Partys kennengelernt. Es sei viel getrunken worden: "1000-Dosen-Partys".

Susann E., die Ehefrau, ist eine der Beschuldigten im NSU-Verfahren. Sie hielt offenbar ganz engen Kontakt zu Beate Zschäpe. Im Wohnzimmer der Familie E. fanden die Ermittler eine Art Schrein zum Gedenken an die toten Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt: eine Zeichnung mit den Gesichtern dieser beiden Mörder.

Zwickau ist nicht die Welt. Hier leben wenig mehr als 90 000 Menschen. Hat "Primus" wirklich keine Ahnung gehabt, dass die Untergetauchten dazugehörten? Er habe das Trio nicht gekannt, sagte er der Polizei. "Ich habe diese drei nie in meinem Leben gesehen", teilte er der SZ mit.

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