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Rassismus:Obamas Ohnmacht

U.S. President Obama observes a moment of silence during the NATO Summit in Warsaw

Barack Obama hat es nicht geschafft, die USA zu versöhnen.

(Foto: REUTERS)
  • US-Präsident Obama äußert sich vom Nato-Gipfel in Warschau zu Gewalttaten in Falcon Heights, Baton Rouge und Dallas.
  • Er lässt keinen Zweifel daran, dass es immer noch stark von der Hautfarbe abhängt, wie hart ein Mensch von Polizei und Justiz angefasst wird.
  • Die Gräben, die die amerikanische Gesellschaft teilen, sind tief. Und Obama hat es nicht geschafft, sie zuzuschütten.

Analyse von Hubert Wetzel, Washington

Vielleicht klingt so ein Präsident, der eingesteht, dass er gescheitert ist: "Wenn solche Vorfälle passieren, dann haben viele unserer Mitbürger das Gefühl, wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt zu werden. Und das tut weh. Und das sollte uns allen Sorgen bereiten."

Barack Obama war gerade in Warschau zum Nato-Gipfel gelandet, da musste er sich wieder einmal zu zwei Fällen äußern, in denen weiße Polizisten ohne ersichtliche Gründe schwarze Männer erschossen hatten, dieses Mal in Minnesota und Louisiana. Das hässliche Wort "Rassismus" scheute Obama zwar. Doch dass es auch nach acht Jahren, in denen ein Schwarzer die USA regiert hat, immer noch ganz wesentlich von der Hautfarbe abhängt, wie hart Polizei und Justiz einen Menschen behandeln, daran ließ der Präsident keinen Zweifel.

Nur wenige Stunden später musste Obama wieder von Europa aus Stellung zu einer Bluttat nehmen, in der die Hautfarbe (oder zumindest die dunkelblaue Farbe der Uniform) eine entscheidende Rolle gespielt hatte: In Dallas feuerte ein Heckenschütze bei einer friedlichen Demonstration für die Opfer von Minnesota und Louisiana auf Polizisten, mindestens fünf Beamte starben, sieben weitere Polizisten wurden verwundet - eine in der US-Geschichte beispiellose Attacke, "ein niederträchtiger, geplanter, abscheulicher Angriff auf die Polizei", wie Obama sagte.

Weiße Polizisten, die wehrlose Schwarze erschießen; ein selbsternannter schwarzer Rächer, der zur Vergeltung weiße Polizeibeamte aus dem Hinterhalt niederstreckt - das ist noch kein "Bürgerkrieg", wie ihn das Boulevardblatt New York Post am Freitag ausrief, doch die Gewalt zwischen Polizei und Schwarzen in Amerika gerät offenbar außer Kontrolle. Und das ausgerechnet zum Ende der Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten des Landes, der versprochen hatte, einige der Gräben zuzuschütten, die Amerikas Gesellschaft zerteilen.

Obama hat die Probleme der Afroamerikaner nur zurückhaltend thematisiert

Dieses Versprechen blieb unerfüllt: Zwei Mal haben die Amerikaner Barack Obama mit deutlicher Mehrheit ins Weiße Haus gewählt. Zugleich ist Amerikas Gesellschaft zerrissener denn je, und von einer Aufwertung der schwarzen Bevölkerung ist wenig zu spüren.

Nach acht Jahren Obama, in denen mehrere Fälle von tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze die USA erschüttert haben, sind die Meinungsumfragen ernüchternd. Dem Institut Gallup zufolge ist die Zahl der Amerikaner, die sich "große Sorgen" um das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen machen, in diesem Jahr auf den Rekordwert von 35 Prozent gestiegen. 2010 lag er noch bei 13 Prozent. Zugleich sank die Zahl der Bürger, die "zufrieden" damit sind, wie schwarze Amerikaner im Alltag behandelt werden, von 62 Prozent im Jahr 2013 auf 49 Prozent zwei Jahre später; unter Schwarzen sind es sogar nur 33 Prozent.

Aus diesen Zahlen spricht vor allem enttäuschte Hoffnung. Im November 2008, am Tag nach Obamas historischem ersten Wahlsieg, hatten noch sieben von zehn Amerikanern gesagt, sie verbänden mit Obamas Amtszeit die Erwartung auf ein besseres Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen.

Obama selbst hat seine Hautfarbe und die Probleme der Afroamerikaner stets nur zurückhaltend thematisiert. Amerikas erster schwarzer Präsident wollte nie zu sehr als Präsident der Schwarzen auftreten. Dabei kennt er natürlich die Statistiken, nach denen für schwarze Männer die Wahrscheinlichkeit, getötet oder inhaftiert zu werden, deutlich höher ist als für weiße. Allerdings werden die meisten Schwarzen nach wie vor von anderen Afroamerikaner erschossen, viele werden Opfer von Bandenschießereien und Drogenkriminalität.

Der Angreifer hatte es vermutlich auf weiße Polizisten abgesehen

Das mag ein Grund sein, warum Obama - zumindest öffentlich - für die schlechte Lage vieler Schwarzer weniger Rassismus bei Polizisten oder Richtern verantwortlich macht, sondern vielmehr die laxen Waffengesetze und die harschen Regeln für Mindesthaftzeiten, die vor allem schwarze Ersttäter treffen. Obama hat versucht, die Waffenflut und das wahllose Einsperren von Schwarzen einzudämmen - ohne Erfolg.

Über Herkunft und Motive der Täter von Dallas wurden am Freitag nur stückweise Details bekannt. Ein Angreifer, der später getötet wurde, soll gesagt haben, er wolle aus Wut über die Polizeigewalt vor allem weiße Polizisten umbringen. Die öffentliche Debatte wird das weiter vergiften.

Dass Obama immer wieder ausdrücklich seine Unterstützung für die Polizei äußert, wird von seinen Kritikern zumeist unterschlagen. Sie werfen dem Präsidenten vor, zu Attentaten wie dem von Dallas geradezu einzuladen, wenn er Übergriffe auf Schwarze durch Beamte rügt. Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung, die friedlich gegen Polizeigewalt protestiert, dürfte nun von der politischen Rechten als eine Art rassistische Terrorgruppe diffamiert werden. Im Internet hat die Hetze schon begonnen.

© SZ vom 09.07.2016/mmm

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