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Angriff auf Polizisten in Dallas:Schüsse in eine offene Wunde

Schon vor dem Heckenschützen-Angriff auf Polizisten in Dallas war die US-Gesellschaft verängstigt und zerstritten. Vieles spricht dafür, dass die Stimmung noch düsterer wird.

Kommentar von Matthias Kolb, Washington

Diese Bilder treffen jeden ins Mark. Bei einer friedlichen Demonstration mitten in Dallas, einer pulsierenden Großstadt, feuern zwei Heckenschützen aus erhöhter Position in die Menge. Als Opfer wählen sie vor allem Polizeibeamte aus - mindestens fünf Polizisten sterben.

Ein hinterhältiges Attentat in Dallas, das weckt sofort Erinnerungen an das Jahr 1963 und die Ermordung von Präsident John F. Kennedy. Diese Tat erschütterte die USA - und auch der 7. Juli 2016 wird lange Zeit in Erinnerung bleiben. Entweder, weil von nun an die Konflikte in den USA noch schlimmer werden, oder weil die zerstrittene Gesellschaft sich nach dem Schock aufeinanderzubewegt.

Bisher ist nichts über die Täter und deren Motive bekannt, doch ihre Tat trifft eine verunsicherte und polarisierte Nation ins Herz. Die unmittelbaren Folgen der tödlichen Schüsse dürften eine weitere Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen sein - nicht nur Großveranstaltungen wie die anstehenden Parteitage in Cleveland und Philadelphia könnten noch mehr geschützt werden, sondern auch ganz normale Demonstrationen. Die Angst vor Anschlägen ist gerade unter konservativen Amerikanern groß. Die allgemeine Verunsicherung wird weiter wachsen. Die Vorstellung lässt einen erschaudern: das Recht auf freie Meinungsäußerung nur noch in Gegenwart von bewaffneten Polizisten auszuüben.

"Black Lives Matter und "Blue Lives Matter"

Die Schüsse in Dallas fielen bei einer Protestaktion gegen die tödlichen Schüsse, die an den Tagen zuvor Polizisten in Louisiana und Minnesota auf Afroamerikaner abgegeben hatten. Die Debatte um Polizeigewalt ist neu entfacht - und bei diesem Thema ist die US-Gesellschaft wie so oft gespalten.

Viele Latinos und Schwarze (und nicht nur die Aktivisten von "Black Lives Matter") werfen manchen Polizisten Rassismus vor - auch US-Präsident Obama forderte mehr Reformen und Transparenz in den örtlichen Polizeidistrikten. Zugleich ist eine Mehrheit der US-Amerikaner davon überzeugt, dass es einen "War on Cops" gibt und die Beamten zu Unrecht beschuldigt und attackiert werden.

Bei Wahlveranstaltungen der Republikaner - nicht nur bei jenen von Donald Trump - ruft das Publikum "Blue Lives Matter", um seine Unterstützung für die Polizisten zu signalisieren, die ihr eigenes Leben für die Gemeinschaft riskieren. Nach einer solch schrecklichen Tat, die nicht nur im Kabelfernsehen, sondern auch via Social Media übertragen wurde, dürften nun die Emotionen wieder hochkochen und sich alle Beteiligten gegenseitig mit Anschuldigungen überhäufen. Bei Twitter finden sich jetzt schon grässliche, hasserfüllte Meinungsäußerungen.

Streit um Waffengesetze

Geklärt werden muss auch die Frage, wie sich die Täter mit Waffen und Munition versorgen konnten. Die Polizistenmorde werden also wieder den Streit um die Waffengesetze anheizen, der das Land seit Jahrzehnten entzweit.

Im November wählen die US-Amerikaner einen neuen Präsidenten, das Land steckt mitten im Wahlkampf. Noch haben sich die wichtigsten politischen Akteure nicht geäußert. Mike Rawlings, der Bürgermeister von Dallas, beschreibt sein Gefühl so: "Dieses Land sehnt sich danach, dass sich die Leute nicht mehr gegenseitig beschuldigen, sondern sich versichern: 'Wir stehen das gemeinsam durch.' Danach dürsten wir und wir fühlen uns wie in einer Wüste."

Zum Ende der nächtlichen Pressekonferenz sagt Rawlings noch: "Words matter, leadership matters." Es bleibt zu hoffen, dass die Spitzenpolitiker in Washington und die beiden Präsidentschaftskandidaten aus New York die richtigen Worte finden und ihrer Verantwortung gerecht werden. Und dass die Amerikaner bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören.

© SZ.de/ghe/lalse

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