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Islam:Fastenmonat im Bann des Virus

Ramadan: Zwei Frauen beim Fastenbrechen vor der Blauen Moschee in Istanbul

Zwei Frauen beim Fastenbrechen am ersten Abend des Ramadan, vor der Blauen Moschee in Istanbul.

(Foto: OZAN KOSE/AFP)

Zum zweiten Mal müssen viele der 1,9 Milliarden Muslime weltweit den Ramadan unter strikten Hygienevorgaben begehen. Am meisten vermissen die Menschen das besondere Gemeinschaftsgefühl.

Von Paul-Anton Krüger, München

Zum Sonnenuntergang am Dienstag donnerte ein Kanonenschuss von der Zitadelle in Kairo über Ägyptens Hauptstadt. Es war das Signal zum Fastenbrechen am ersten Tag des Ramadan, Iftar genannt. Nach fast 30 Jahren hat die Regierung diese Tradition wiederaufgenommen, die den Muslimen signalisiert, dass die Enthaltsamkeit des Tages eine Ende hat.

Üblicherweise folgt dem Verzicht auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang an für viele Gläubige abends ein feierliches Mahl mit der Familie, mit Freunden oder in der Moschee. In den Straßen von Kairo oder Jakarta werden Iftar-Tafeln für Bedürftige errichtet. Das Zusammensein mit der Familie, oft bis zum Sahur, dem Frühstück vor dem Morgengrauen, die Gemeinschaft auch beim Gebet, haben für viele Menschen große Bedeutung.

Zum zweiten Mal aber müssen die 1,9 Milliarden Muslime weltweit den heiligen Monat unter den Bedingungen der Corona-Pandemie feiern, was große Einschränkungen bedeutet. Kommen viele Menschen zusammen, geht damit eine erhöhte Infektionsgefahr einher. Schon vor Ostern warnte die Weltgesundheitsorganisation, religiöse Versammlungen sollten möglichst unter freiem Himmel abgehalten oder durch virtuelle Zusammenkünfte ersetzt werden.

Die Kaaba mit Sicherheitsabstand umkreisen

"Wir verzichten neben dem gebotenen Fasten während des Tages nicht auf die Verrichtung der zusätzlichen Gebete, denn diese werden wir wie im Vorjahr auch in unseren Häusern und Wohnungen durchführen, im engsten Kreis der Familie", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Die Stimmung in den Gemeinden sei aber gedrückt. "Der gesellige Teil des Ramadan fällt damit fast komplett weg", sagte Mazyek.

Die türkische Ärztevereinigung befürchtet eine Überlastung des Gesundheitssystems, auf den Intensivstationen sei kein Platz mehr. Und in Ägypten warnte die staatliche Zeitung al-Ahram vor einem möglichen Anstieg der Infektionszahlen im Zusammenhang mit Ramadan-Feiern. Öffentliche Zusammenkünfte sind auch in diesem Jahr verboten, die Moscheen dagegen geöffnet, ebenso Restaurants, Cafés und Geschäfte.

In Mekka, der heiligsten Stadt des Islam, dürfen Gläubige die Tarawih-Gebete, die nach dem Nachtgebet vollzogen werden, an der Kaaba im Innenhof der heiligen Moschee nur mit großem Sicherheitsabstand verrichten. Auf dem weißen Marmorboden weisen kreisförmige Linien ihnen den Platz an. Das Fastenbrechen und das Frühstück in der Moschee hat Saudi-Arabien untersagt, die Aufenthaltsdauer im Gotteshaus auf 30 Minuten begrenzt. An der kleinen Pilgerfahrt Umrah, auf die sich Muslime besonders im Ramadan begeben, dürfen nur Menschen teilnehmen, die bereits geimpft sind. Gleiches verfügte Israels Regierung für die Teilnahme am Freitagsgebet am Haram al-Scharif, dem Tempelberg, in Jerusalem.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sah sich angesichts rasant steigender Corona-Zahlen gezwungen, die landesweite Ausgangssperre um zwei Stunden auf 19 Uhr vorzuziehen, eine Dreiviertelstunde vor Sonnenuntergang. Besuchen von Verwandten steht ein weitgehendes Verbot von Reisen zwischen den Provinzen entgegen. Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sind untersagt, Cafés und Restaurants sind geschlossen bis auf Abhol- und Lieferservice. Das Gesundheitsministerium meldete fast 60 000 Neuinfektionen an einem Tag, in Istanbul liegt die Inzidenz bei 800 Fällen pro 100 000 Einwohner.

In Oman, wo der Fastenmonat erst am Mittwoch begonnen hat, verfügte die Regierung ein Verbot öffentlicher Versammlungen von neun Uhr abends an und eine Schließung der Geschäfte. Während in den Golfstaaten während des Ramadan tagsüber das öffentliche Leben eher träge dahinplätschert, erwachen Restaurants und Shoppingmalls nach Einbruch der Dunkelheit zu pulsierendem Leben.

Die Heimatreise fällt für Millionen Indonesier aus

Der Beginn des Fastenmonats richtet sich wie der gesamte islamische Kalender nach der Sichtung des Neumonds und kann deswegen von Land zu Land variieren, obwohl sich viele islamisch geprägte Länder an Saudi-Arabien orientieren. Der Ramadan verschiebt sich deswegen auch jedes Jahr nach dem gregorianischen Kalender gerechnet um elf Tage nach vorne.

In Marokko, Tunesien und Iran gelten Ausgangssperren. Die Islamische Republik verzeichnet mit 24 760 Corona-Neuinfektionen so viele wie noch nie. Das Gesundheitsministerium macht Reisen und Familienbesuche anlässlich des Neujahrsfestes Norouz Ende März dafür verantwortlich. Indonesien, wo weltweit die meisten Muslime leben, hat die Mudik genannten Reisen in die Heimatstädte und -dörfer verboten, wie Präsident Joko Widodo am Dienstag bekannt gab. Vergangenes Jahr hatten sich fast 20 Millionen der 260 Millionen Einwohner zu Familienbesuchen aufgemacht.

© SZ/bac
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