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Radikalisierung junger Menschen:Woher kommt die Bereitschaft zum Mord an Unschuldigen?

Gerade Mitglieder einer Gruppe, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit darüber wähnt, was gut und böse ist, sind anfällig für die Entmenschlichung der Außenstehenden. "Alle, die nicht dem Weg des Erwachens und der Erneuerung folgen, sind in Wirklichkeit keine menschlichen Wesen - sie zu töten, ist kein Verbrechen, sondern sogar Pflicht", beschreibt Dounia Bouzar auf der Spektrum-Homepage die logische Konsequenz der radikalen Abgrenzung. Dazu kommt die eigene Entmenschlichung, "weil das Denken der Gruppe das Denken des Individuums ebenso ersetzt wie seine Emotionen".

In der Vergangenheit haben Massenmörder deshalb auch aus anderen Religionen - auch dem Christentum - und aus quasireligiösen Ideologien wie Nationalismus, Nationalsozialismus und Stalinismus die Rechtfertigung für ihre Verbrechen gezogen.

"Die ganze Geschichte hindurch und in sämtlichen Kulturen wurde Gewalt gegenüber anderen Gruppen von den Tätern als erhabener moralischer Akt dargestellt", sagt Scott Atran. "Denn ohne sich dabei Tugendhaftigkeit anzumaßen, ist es schwer, eine große Zahl von Unschuldigen töten zu wollen." Auch Voltaire hatte bereits festgestellt: "Wer dich veranlassen kann, Absurditäten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Gräueltaten zu begehen."

Utopie als Risiko

Es sind Utopien von einer vollkommenen Welt, für die Anhänger von Ideologien und Religionen in der Regel kämpfen - und gerade das macht sie besonders gefährlich für alle, die ihnen nicht folgen wollen. In einem Utopia wären schließlich alle für alle Zeiten glücklich, schreibt der Evolutionspsychologe Pinker. Deshalb sei dessen moralischer Wert für ihre Anhänger unendlich groß. Was aber ist mit jenen Menschen, die von der Versprechung einer vollkommenen Welt erfahren und sich dennoch dagegen aussprechen? Für die Anhänger der Utopie stehen sie einem Plan im Wege, der zum unendlichen Guten führen kann. Wie böse müssen sie also sein? Aus Sicht der Extremisten darf, ja muss man sie opfern, um das Ziel zu erreichen. Gerade der Westen mit seiner Religions- und Meinungsfreiheit ist übrigens "ein Frontalangriff auf eine Geisteshaltung, die sich eine Welt der Harmonie, Reinheit und organischen Ganzheit ausmalt", so Pinker.

Die Brutalität der Terroristen halten viele Menschen übrigens nur deshalb für unmenschlich, weil sie sie selbst nicht kennen. Dass Gewalt zum Verhaltensrepertoire des Menschen gehört, und es sogar eine Neigung dazu gibt, zeigt ein Blick in den fernen oder auch gar nicht so fernen Spiegel der Vergangenheit - gerade in Deutschland. Und grauenhafte Gewalt kann offenbar großen Spaß machen. Der Psychologe Thomas Elbert, der Beteiligte am Genozid in Ruanda 1994 befragt hat, berichtet in Report Psychologie: "Im Nachhinein beschrieben Beteiligte diese [Morde] als ein regelrechtes Volksfest, ein unerwartetes Vergnügen." Es war lediglich notwendig gewesen, die Opfer zu entmenschlichen, indem sie zu Unmenschen, Ungläubigen oder Verbrechern erklärt wurden, "zur Gefahr, die ausradiert werden muss".

Wege aus dem Terror?

Da die Ursachen, die in den Terrorismus führen können, sich auch in Zukunft nicht alle werden beheben lassen, wird es ihn wohl weiterhin geben. Solange die Angst schon nach einem geringfügigen Ausbruch von Gewalt im Zeitalter der globalen Medien so gewaltige Nebenwirkungen hat, bleibt er für Ideologen ein effektives Werkzeug. Deshalb, so schließt Arie Kruglanski, "wird es immer irgendwo einen Ideologen geben, der die Unzufriedenheit nährt und sich von der Aussicht, dass eine Investition in Terrorismus spektakuläre Renditen erbringen könnte, in Versuchung führen lässt. Ebenso wie es immer einen Bund von Brüdern geben werde, die bereit seien, für eine versprochene Kameradschaft und Ruhm alles zu riskieren.

Radikalisierung

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Vielleicht finden die westlichen Gesellschaften aber wenigstens Wege, Jugendlichen, die eine Identität suchen und gern Helden wären, für andere, tatsächlich wünschenswerte Werte einzunehmen. Denn "wir haben sehr wohl Werte, es sind nur nicht die, die diese Jugendlichen zu Hause oder in der Moschee vermittelt bekommen", sagt Ahmad Mansour in der FAZ.

So gibt es im Westen den Anspruch auf Menschenwürde, Gleichberechtigung, Meinungs- und Religionsfreiheit, Chancengleichheit und auf eine von Gewalt möglichst freie Gesellschaft. Auch diese Werte müssen immer wieder verteidigt werden. Es gibt viele Möglichkeiten, sich für eine gute Sache einzusetzen - ohne sein Leben zu riskieren oder jemanden den Kopf abzuschneiden.

Ein Teil der Aussagen von Scott Atran sind dem Buch von Steven Pinker "Gewalt" entnommen. Eine übersetzte Fassung seines französischen Artikels "État islamique: l'illusion du sublime?" ist auf der Spektrum-Homepage zu finden.