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Radikalisierung:"Wir müssen die Jugendlichen erreichen, bevor die Salafisten es tun"

In Frankreich leistet der Staat kaum Präventionsarbeit, um Jugendliche vor Radikalisierung zu schützen. In Deutschland ist das anders.

Was waren das für Leute, die in Paris mordeten? Woher kamen sie und woher nahmen sie den Hass, der sie zu ihren Taten verleitete? Je mehr über die Attentäter von Paris herauskommt, umso klarer wird, dass es sich bei ihnen um Einheimische handelte, die irgendwann auf die schiefe Bahn gerieten. Um junge Männer aus Frankreich und Belgien, die erst Kleinkriminelle waren und sich dann radikalisierten - ohne dass jemand etwas dagegen unternahm.

Dschihadismus-Forscher Asiem El Difraoui überrascht die Herkunft der Attentäter nicht. Frankreich habe sich nach Anschlägen in den 1990er Jahren (1994 entführten islamistische Terroristen ein französisches Flugzeug, zuvor wurden in Paris mehrere französische Diplomaten ermordet) stark auf den Sicherheitsaspekt konzentriert. Strengere Gesetze wurden erlassen, Überwachungsmaßnahmen ausgebaut. Die Strategie schien aufzugehen, in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts blieb Frankreich vom Terror weitgehend verschont.

"Die Regierung ging vor allem unter Nicolas Sarkozy davon aus, die Sicherheitsbehörden hätten alles im Griff", sagt El Difraoui. Eine andere Form der Terrorismusbekämpfung sei deshalb lange vernachlässigt worden: Präventivarbeit in gefährdeten islamischen Milieus.

Das habe auch mit dem politischen System zu tun: Im laizistischen Frankreich werden Kirche und Staat strikt getrennt. Religion ist Privatsache. An staatlichen Schulen gibt es deshalb in der Regel keinen Religionsunterricht. Das führt dazu, dass sich andere berufen fühlen, die Auslegung des Glaubens zu übernehmen. "Wenn es Religionskunde gäbe, könnte man dort extremistische Ansichten widerlegen", sagt El Difraoui. "So ließe sich den jungen Leuten zeigen: Dschihadisten haben kein Anrecht auf den Islam." Auch die Imam-Ausbildung staatlich zu regeln, wie es inzwischen in Deutschland der Fall ist, wäre eine Maßnahme. Aber auch das ist in Frankreich schwierig.

Eine Chance sieht El Difraoui in Langzeitprogrammen für junge Menschen mit Radikalisierungstendenzen. Staatliche Programme, die sich mit dem Thema beschäftigen, gibt es in Frankreich nicht, zivilgesellschaftliche Vereine viel zu selten - dabei wäre dieses Engagement essenziell wichtig, wie der Blick nach Deutschland zeigt.

Präventionsarbeit in Deutschland - den Salafisten zuvorkommen

In der Bundesrepublik wurde der Bedarf an Präventionsangeboten erkannt. Anfang 2012 hat das Bundesamt für Migration (Bamf) die Beratungsstelle Radikalisierung eingerichtet. Vier etablierte Organisationen, darunter "Hayat" aus Bonn und das "Violence Prevention Network" aus Berlin, kümmern sich in Kooperation mit der Beratungsstelle um radikalisierte Jugendliche - und darum, dass es im Idealfall gar nicht erst zu einer Radikalisierung kommt. Die vorbeugende Arbeit sei das effektivste Mittel, sagt Terrorismusexperte Ahmad Mansour, der bei Hayat als Familienberater tätig ist: "Wir müssen die Jugendlichen erreichen, bevor die Salafisten es tun."

Die jungen Leute, von denen Mansour spricht, stammen aus den unterschiedlichsten Milieus - aus prekären aber auch aus intakten Verhältnissen, aus muslimischen aber auch aus christlichen Familien. Die Lehrertochter kann genauso in Gefahr sein wie der Sohn arbeitsloser Eltern mit Migrationshintergrund. Auch die Gründe, warum Jugendliche auf die Anwerbeversuche radikaler Islamisten eingehen, sind vielfältig. "Sie können in der Radikalität eine Identität suchen oder eine Vaterfigur - oder auch nur etwas, das ihren Alltag strukturiert", sagt Mansour.

Die meisten verbinde, dass sie vorher unzufrieden waren - und die Ideologie ihnen auf den ersten Blick die Möglichkeit bietet, sich zu befreien und neu anzufangen. Viele seien außerdem "Religionsanfänger", haben also wenig Ahnung vom Islam.

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