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Psychologie und Coronavirus:"Wenn ich mein Verhalten ändere, muss mir das möglichst viel bringen"

Schmuckfotos München. Menschenmassen draussen an der Isar trotz Ausgangsbeschränkung. Fotografiert von der Wittelsbacher Brücke.

Abstandhalten ist das oberste Gebot, aber nicht immer leicht einzuhalten - wie hier an der Isar in München.

(Foto: Florian Peljak)

Viele Menschen sind der Corona-Maßnahmen überdrüssig. Sozialpsychologe Florian Kutzner über den Nachteil von Lob und warum die Regierenden nicht nur ihre Kommunikation dringend ändern sollten.

Nach gut zwei Monaten werden die Corona-Maßnahmen immer mehr gelockert. Die Verantwortung des Einzelnen steht nun stärker im Vordergrund. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft vieler, sich an Hygiene- und Abstandsregeln zu halten. Wie kann die Politik diese Menschen erreichen und von deren Notwendigkeit überzeugen?

Florian Kutzner forscht und lehrt an der Universität Heidelberg über kognitive Sozialpsychologie und berät Organisationen, wie sie nachhaltiges Verhalten fördern können.

SZ: Am Pfingstsonntag haben etwa in Berlin um die 3000 Menschen auf und neben dem Landwehrkanal eine Raveparty gefeiert, in Sichtweite eines Krankenhauses. Wie erklären Sie sich solches Verhalten?

Kutzner: Wir sind in Deutschland in der nächsten Phase der Reaktionen auf die Corona-Maßnahmen angekommen. Ein wachsender Teil der Bevölkerung wird durch die Kommunikation nicht mehr erreicht. Nun kommt es darauf an, dass die Politik eine andere Haltung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt.

Dabei hat die Umsetzung der strengen Kontaktbeschränkungen, Abstands- und Hygieneregeln zu Beginn der Pandemie ja überraschend reibungslos funktioniert. Inzwischen ist auch bei vielen, die keine Partys feiern, eine gewisse Unlust zu beobachten.

Einige der nötigen Verhaltensweisen, wie Distanz zu anderen, machen unser Leben schlicht weniger schön. Das durchzuhalten ist aus psychologischer Sicht anstrengend. Damit solches Verhalten während einer Pandemie dennoch auftritt, müssen laut Gesundheitspsychologin Susan Michie drei Punkte erfüllt sein.

Legen Sie los.

Der erste klingt banal, wird aber oft vernachlässigt: Die äußeren Umstände müssen es zulassen. Wer in einem überfüllten Wohnheim lebt, kann nicht Abstand halten. Wenn es in Schulen kein warmes Wasser und keine Seife gibt, ist es unmöglich, sich dort ordentlich die Hände zu waschen.

An dieser Stelle hat sich in den vergangenen Wochen viel getan.

Zweitens muss ich genau verstanden haben, was zu tun ist. In diesem Fall: Wie setze ich einen Mund-Nasen-Schutz richtig auf? Was muss ich tun, wenn ich Krankheitssymptome habe, was genau bedeutet Quarantäne? Auch in diesem Punkt stehen wir inzwischen relativ gut da, die meisten Leute sind ausreichend informiert. Die Unlust, von der Sie sprechen, resultiert aus dem dritten Punkt.

Und zwar?

Ich muss einen Grund haben, der mich wirklich überzeugt. Wenn ich mein Verhalten ändere, muss mir das möglichst viel bringen.

Vielleicht das gute Gefühl, dass man dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch schwächere Mitglieder der Gesellschaft schützt.

Dieser altruistische Gedanke wirkt sofort und zunächst sicher bei vielen. Auf lange Sicht bestärkt er wohl aber nur diejenigen, die die Schwächeren im Blick behalten können.

Florian Kutzner

Florian Kutzner forscht und lehrt an der Universität Heidelberg über kognitive Sozialpsychologie und berät Organisationen, wie sie nachhaltiges Verhalten fördern können.

(Foto: Angelika Loeff)

Was könnte stattdessen motivieren?

Soziale Anerkennung von denen zu bekommen, die Regeln aufstellen, wirkt auch sofort. Die Bundeskanzlerin bedient das, wenn sie wie bei ihren letzten Reden auffällig viel Zeit damit verbringt den Leuten für ihr Verständnis und ihr vernünftiges Verhalten zu danken. Das hat zu Beginn der Pandemie sehr gut funktioniert. Langfristig ist es aber nicht zielführend.

Warum nicht?

Wer lobt, bewertet was getan wird. Das bringt die Angesprochenen in eine untergeordnete Position. Sie werden nicht behandelt wie mündige Bürger, sondern wie Kinder, die gelobt werden, weil sie brav waren. Wenn sich die Regeln dann auch noch häufig ändern, wie es momentan der Fall ist, entsteht schnell Frust.

Was ist mit Strafen? Die Bundesländer haben zügig Bußgeldkataloge für verschiedene Delikte eingeführt.

Auch Strafen bringen uns in eine unmündige Position. Sie wirken nur, solange ich glaube erwischt zu werden, was bei Distanzregeln zweifelhaft ist. Und Bußgelder werden im schlimmsten Fall als "Ablass" verstanden, um Übertritte zu rechtfertigen.

Wir sind also an einem Punkt angelangt, an dem viele Menschen nicht mehr sehen, warum sie sich weiter an Abstandsregeln halten und ihre Kontakte einschränken sollten. Wie kann man sie dennoch bewegen mitzumachen?

Bei allem, was nicht zur Routine werden kann, tun Menschen längerfristig nur, wovon sie überzeugt sind. Um das zu erreichen ist für Politiker in meinen Augen der einzige Weg sich das Vertrauen der Menschen zu verdienen.

Das ist sehr optimistisch. Die Zustimmungswerte von Merkel, Söder und Co. sind zwar während der letzten Wochen gestiegen, doch insgesamt sinkt das Vertrauen in die Politik seit Jahren.

Um Vertrauen zu schaffen, müssen Politikerinnen und Politiker viel besser kommunizieren. Damit meine ich nicht, rhetorisch geschickter zu formulieren oder mehr in sozialen Netzwerken präsent zu sein. Sie müssen zum einen mehr Integrität zeigen, wahrhaftiger sein. Es ist zum Beispiel ganz wichtig, die eigenen Fehler zu benennen und auch über das zu sprechen, was man nicht oder noch nicht weiß. Wenn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sinngemäß verkündet, dass nach einem schwierigen Start alles super laufe, schafft er damit kein Vertrauen.

Worauf kommt es noch an?

Entscheidungsprozesse müssen offengelegt und erklärt werden. Warum haben wir im März die Grenzen geschlossen? Nur weil alle anderen Länder das auch getan haben oder gibt es wissenschaftliche Gründe dafür? Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wollte oder konnte diese Frage auf einer Pressekonferenz beispielsweise nicht beantworten. Oder was wissen wir über die Dunkelziffer der Erkrankten und was folgt daraus? Diese Frage wird momentan nur in geschlossenen Gremien diskutiert.

Eine solche Offenheit wäre ungewöhnlich.

Es ist ein Reflex von Politikern, Wissen für sich zu behalten. Das ist verständlich, denn so behalten sie die Interpretationshoheit. Doch wer die Karten auf den Tisch legt, schafft nicht nur Vertrauen in die eigene Kompetenz, sondern beugt auch der Verbreitung von Verschwörungsmythen vor. Diese sind ja ein Versuch, Leerstellen zu füllen, wo Menschen das Gefühl haben, ihnen werde etwas Entscheidendes verschwiegen.

Viele Menschen, etwa Eltern von Schul- und Kindergartenkindern, fühlen sich derzeit mit ihren Sorgen nicht gesehen.

Auch das wäre ein wichtiger Teil gelungener Kommunikation. Selbst wenn es noch keine konkrete Lösung gibt sollte die Regierung unbedingt zeigen, dass sie die Nöte aller Bevölkerungsgruppen wahrnimmt. Dass sie erkannt hat, dass es neben Unternehmensinteressen auch andere Bedürfnisse gibt. Eltern brauchen Kinderbetreuung, um ihrer Erwerbsarbeit nachzugehen, Kinder brauchen für ihre Entwicklung gleichaltrige Spielkameraden, Menschen in gewaltgefährdetem Zuhause brauchen Schutz. Diese Differenzierung geschieht aber viel zu wenig.

Was Sie fordern, ist nicht nur eine andere Kommunikation, sondern eine andere Haltung den Menschen gegenüber.

Genau, wenn ich versuche einseitig von einer Strategie zu überzeugen oder versuche, das ein oder andere Verhalten unauffällig anzustoßen, verliere ich früher oder später Wohlwollen. Bürgerinnen und Bürgern sollten von der Politik als ebenbürtig verstanden werden, dann werden sie zu Verbündeten.

Im Juni soll nun endlich die Corona-App kommen. Wie schafft man es, dass möglichst viele Menschen sie installieren und dadurch im Falle einer Erkrankung ihre Kontaktpersonen anonym informieren?

Man muss auch hier die Leute durch radikale Transparenz überzeugen, anders geht es nicht. Was passiert mit den Daten, warum hat die Entwicklung so lange gedauert, was sagt man zu den einzelnen Kritikpunkten. Datenschutz ist in Deutschland vielen sehr wichtig, allerdings handeln die meisten nicht dementsprechend. Erfahrungsgemäß steht und fällt die Akzeptanz einer App vor allem damit, ob sie einfach zu bedienen ist. Hängt sie sich bei der Installation auf oder schickt oft nervige Nachrichten, ist ein Teil der eigentlich willigen Benutzer ganz schnell weg.

Kritiker befürchten, dass viele nur mitmachen werden, solange sie selbst gesund sind und Informationen über ihre Umgebung erhalten. Sobald sie erkranken, befürchten sie stigmatisiert zu werden.

Deshalb ist es so wichtig, dass die Politik Vertrauen in die Sicherheit der App schafft. Auch hier vermute ich, dass die Informationsweitergabe eher an praktischen Problemen scheitern könnte. Wer einen positiven Test erhält, ist höchstwahrscheinlich in einer emotionalen Krisensituation. Da vergisst man schnell, dass man in einer App noch den roten Knopf drücken soll.

Was, wenn es in nächster Zeit wegen einer zweiten Infektionswelle zu neuen strengen Ausgangsbeschränkungen kommt?

Das Gute ist, dass wir davon auf keinen Fall so überrascht sein werden wie im März. Wir würden dann auf unsere Erfahrung mit dem ersten "Lockdown" zurückgreifen können, das schafft viel Sicherheit. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns einigermaßen routiniert von Freunden und Familie verabschieden würden, im Wissen, dass wir uns in zwei, drei Monaten wiedersehen werden. Vorausgesetzt wir haben Vertrauen, dass dieses Verhalten Sinn macht.

© SZ.de/ghe

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