Proteste in Frankreich und Spanien:Hippie-Kleinstadt: Puerta del Sol

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Frankreichs Außenminister Alain Juppé glaubt dennoch nicht, dass es zu einem großen Protest-Sommer kommt. Im Unterschied zu den Nordafrikanern lebten die Europäer bereits in Demokratien. Sie müssten nicht mehr darum kämpfen. Allerdings fordert er, Lehren aus den Protesten zu ziehen.

Angesichts der "grenzenlosen Geldgier der Reichsten" und der wachsenden Not der Ärmsten gebe es ein verbreitetes Gefühl der Ungerechtigkeit, sagte Juppé. Zudem sei fraglich, ob die repräsentative Demokratie funktioniere. Nötig sei eine "permanente Demokratie", in der die Menschen ständig an Entscheidungen beteiligt werden.

Die Initiatoren der spanischen Proteste debattieren derweil, wie es weitergehen soll. Sie halten seit zwei Wochen den Platz an der Puerta del Sol besetzt. In der Nacht auf Montag entschied ihr oberstes, basisdemokratisches Entscheidungsorgan, die "Vollversammlung", die Besetzung vorerst aufrechtzuerhalten.

Am Wochenende hatte die Bewegung 15.Mai einen beachtlichen Erfolg verbucht, als sie ihre Initiative in die Stadtteile trug. An den Stadtteilversammlungen nahmen Abertausende Menschen teil und diskutierten unter anderem über die Frage, ob die Gefahr größer ist, den Elan vom "15. Mai" durch die Fortführung der Besetzung oder aber durch ihr Ende aufs Spiel zu setzen.

Die Sicherheitsbehörden in Madrid harren der Dinge, auch im Wissen darum, dass das harte Eingreifen in Barcelona den Protestlern Zulauf bescherte. Aus dem Besetzerlager wird andererseits auf Probleme beim täglichen Zusammenleben, Kleinkriminalität und Sicherheitsbedenken hingewiesen.

An der Puerta del Sol ist inzwischen eine regelrechte Hippie-Kleinstadt aus Sperrmüll und Trekking-Zelten entstanden. Unter blauen Planen findet man Reiki-Kurse, Saharaui-Zelte, Bastelstuben, Rechtsberatung und Lese-Ecken, in denen Buchspenden säuberlich archiviert werden.

Von den Anrainern ist ein unterschiedliches Echo zu vernehmen. Einzelhandelsverbandssprecher, die der konservativen Regionalregierung nahestehen, klagen über schwere Umsatzeinbußen. Aus einigen Geschäften aber ist zu hören, die Lage sei längst nicht so schlimm wie zu Zeiten der gerade erst überwundenen Bauwut der örtlichen Behörden.

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