Situation in Ostdeutschland:Petra Köpping, sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration: "Gehör finden"

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"Es gibt Menschen, die das Gefühl haben, dass sie nicht mehr stattfinden. Nicht mehr Gehör finden. Dass sie vielen egal sind." Die 59-jährige Köpping schaut auf die Welt nicht als Intellektuelle; sie kümmert sich um die sogenannten einfachen Leute. Vor allem die im Osten. Ihre Beschreibung der Lage ist gleichwohl nicht weniger eindeutig. "Ja, die Politik wird vom Westen dominiert. Und das ist ein großes Problem."

Köpping: Die Ostdeutschen müssen sich organisieren

Petra Köpping

(Foto: picture alliance/Arno Burgi/dp)

Köpping wurde 1958 in Nordhausen geboren, erlebte die Wendezeit als Bürgermeisterin einer kleinen Gemeinde, arbeitete anschließend für die Deutsche Angestellten-Krankenkasse, wurde Landrätin und wechselte 2009 für die SPD in den Sächsischen Landtag.

Die Staatsministerin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie verweist auf fest gefügte Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschaft. Und sie zeigt sich demonstrativ froh darüber, dass das Problem endlich ins Bewusstsein dringe. Ausgrenzung habe es immer gegeben. Aber heute würden sich die Betroffenen äußern; sie würden sich endlich trauen, sie hätten durch Pegida und AfD einen Raum und ein Forum dafür bekommen. "Es ist gut, dass dieses Problem jetzt offen vor uns liegt."

Köpping ist darüber bekannt geworden, dass sich bei ihr viele ostdeutsche Männer gemeldet haben mit der Forderung, bevor man Flüchtlinge integriere, solle man erst mal sie integrieren. Was wie eine Provokation klang, erlebte Köpping als Hilferuf. Deshalb zitiert sie dieses Beispiel oft, um wachzurütteln und den Blick auch auf die Lage dieser Leute lenken.

Dabei beschränkt sie ihren Blick keineswegs auf Ost oder West. "Das Problem geht darüber hinaus, siehe Spätaussiedler, siehe arme Regionen und Stadtteile in Westdeutschland. "Es gibt Menschen, die das Gefühl haben, dass sie vielen Menschen egal sind." Das treffe auf Ostdeutsche zu, aber auch auf Migranten. Diese würden "ganz ähnliche Muster der Nichtanerkennung, der Abschätzung, der Benachteiligung erleben".

Fragt man sie nach Beispielen für diese Art der Geringschätzung, dann verweist sie nicht nur auf Renten und Löhne. Sie erzählt von den Eisenbahnern und Bergleuten im Osten. Die Eisenbahner hätten bei der Wiedervereinigung das gleiche geleistet und eingebracht wie die Westkollegen. Trotzdem erhielten sie nicht ihren Betriebsrentenanteil, und das, obwohl man es ihnen zugesagt hätte.

Ähnlich sei die Lage bei denen, die früher in bergbauverarbeitenden Betrieben gearbeitet hätten. Laut Sozialversicherung seien sie Bergleute gewesen; trotzdem habe die Knappschaft die Anerkennung von jetzt auf nachher gestrichen. Die Folge für die Betroffenen: 400 Euro Rente weniger, und zwar jeden Monat. "Das erleben die Menschen als Betrug", sagt Köpping.

Ihr Wunsch ist klar: "Politik muss das ändern, muss es heilen." Dazu gehöre auch, dass die westdeutsche Dominanz ende. Parteien und Regierungen müssten "ein Signal setzen, indem sie Ostdeutsche und Migranten in wichtige Positionen aufnehmen".

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