Prantls Blick Von Wackersdorf nach Hambach

Im Taxöldener Forst kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Allein bei der "Pfingstschlacht" im Mai 1986 wurden auf beiden Seiten mehr als 400 Menschen verletzt.

(Foto: dpa)

In den 1980er Jahren demonstrierten Tausende Menschen gegen die Errichtung einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz. Die Bilder erinnern stark an das, was heute in Nordrhein-Westfalen passiert.

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Manchmal hat man das eigenartige Gefühl, eine neue Situation schon einmal erlebt zu haben; es gibt dafür das schöne französische Wort Déjà-vu - schon einmal gesehen. Bei den Szenen von der Räumung des Hambacher Forstes geht es mir so. Dort, im großen Wald bei Köln, werden, nach dem Willen eines Energiekonzerns, Menschen von den Bäumen gepflückt. Sie kämpfen für einen Forst, der zur Braunkohlegewinnung gerodet werden soll. Sie werden geräumt, samt ihren Baumhäusern. Die alten Bilder, die mir bei diesen neuen Bildern eingefallen sind, gehören auch zu einem Braunkohlerevier - einem ehemaligen Braunkohlerevier, nicht in Nordrhein-Westfalen, sondern in Bayern gelegen. Schon einmal gesehen. Das ist 35 Jahre her.

Déjà-vu - schon einmal gesehen

Die alten Bilder, die den neuen so verdammt ähneln, sind Bilder aus Wackersdorf, es sind Bilder aus meiner oberpfälzischen Heimat, es sind die Bilder von den Polizeiaktionen gegen die WAA-Gegner damals. Die WAA, das war die Wiederaufbereitungsanlage, die in Wackersdorf im Landkreis Schwandorf gebaut werden sollte.

Es war dies das politisch umstrittenste Bauprojekt der 1980er Jahre, es war das Vorzeigeprojekt der CSU, das Symbol für die Atompolitik der bayerischen Staatsregierung. Wackersdorf zu verhindern, war ein Projekt und ein Erfolg der kleinen Leute, die sich auflehnten, als die CSU ihre Heimat zur strahlenden Heimat machen wollte.

Gestern Wackersdorf, heute Hambacher Forst

Wenn man 2018 nach den Wurzeln für die Kernfäule der CSU in Bayern sucht, dann stößt man auf die WAA. Damals, mit den Blendschockgranaten, den Gummischrotgeschossen und der "Pfingstschlacht" von 1986 gegen die Demonstranten begann die partielle Entfremdung der Volkspartei von ihrem Volk. Dutzende von Beamten schieden nach der Pfingstschlacht freiwillig aus dem Polizeidienst aus, weil sie das brutale Vorgehen gegen WAA-Kritiker nicht mehr mitmachen wollten. Zum "Anti-WAAhnsinns-Festival", einem der größten Rockkonzerte der deutschen Geschichte, kamen 100 000 Menschen. Und vor genau dreißig Jahren, am 1. Oktober 1988, demonstrierten 600 Ärzte aus Deutschland und Österreich gegen die WAA; sie marschierten in ihren weißen Kitteln vom Marktplatz in Wackersdorf zum WAA-Gelände.

Mitten durch die Familien

Ich war damals Staatsanwalt in Regensburg; diese Staatsanwaltschaft war zuständig für die "weiblichen Inhaftierten", die am stählernen Bauzaun von Wackersdorf (4,8 Kilometer lang, 15 Millionen Mark teuer) festgenommen worden waren - junge Demonstrantinnen aus den Großstädten und alte Bäuerinnen aus der Oberpfalz. In der Nähe des Bauzauns hielt mein früherer Religionslehrer Andachten, meine Freunde aus Kindertagen bevölkerten das Hüttendorf; und mein Bruder arbeitete als junger Chemiker für die Gesellschaft, die die WAA baute. Der Streit über die WAA ging in der Oberpfalz mitten durch die Familien, auch durch meine. Drei Tote gab es damals bei den Kämpfen im Wackersdorfer Wald. Ein Toter ist bisher im Hambacher Forst zu beklagen.

Widerstand damals, Widerstand heute

Das alles fällt mir bei den aktuellen Bildern aus dem Hambacher Forst wieder ein - Bilder von Räumaktionen der Polizei, Bilder vom Widerstand. Widerstand damals, Widerstand heute. Diese alten Bilder - und das ist ein Grund, warum ich das zum Inhalt dieses Newsletters mache - können Sie sehen in einem Film, der seit zwei Wochen in den Kinos läuft: Er heißt schlicht und einfach "Wackersdorf". Es ist ein grandioser Film, ein Heimatfilm im besten Sinn des Wortes, ein Film über den kleinen Widerstand, der manchmal ein großer ist.

Der wunderbare Wackersdorf-Film

Der Film beginnt mit Bildern einer kargen nächtlichen Landschaft, über der Nebelschwaden liegen. Der Aufklärer Johann Christoph Gottsched hat diese Oberpfalz vor 250 Jahren in seiner "Zornigen Ode" als das "wüste, raue Land" beschimpft. Das gilt immer noch ein wenig. Und rau ist auch die Sprache, die dort gesprochen wird. Man redet nicht so viel; man redet dann, wenn es was zu sagen gibt - so wird ein Münchner Politiker im Film belehrt. Der frühere SPD-Politiker Ludwig Stiegler sagt gerne: "Ich liebe Homer, weil der so oberpfälzisch ist." Stiegler, ein gelernter Jurist und ein leidenschaftlicher Altphilologe, meint, dass die lautmalerische Sprache Homers etwas Ländlich-Bäuerliches hat. Aber diese Dinge hört man wohl nur dann, wenn man selber ein Oberpfälzer ist.

In der Oberpfalz leben jedenfalls Menschen, die nicht schwadronieren und schwätzen, sondern zupacken und arbeiten, die sich nicht schnell einschüchtern lassen - Leute wie Hans Schuierer. Der ist die Hauptfigur des Wackersdorf-Films, prächtig verkörpert vom Schauspieler Johannes Zeiler; man kann ihm beim Nachdenken zuschauen. Man lernt in diesem Film, wie aus einem ordentlichen Landrat, dem die horrende Arbeitslosigkeit von zwanzig Prozent im Magen liegt, ein ordentlicher Widerständler wird. Sigi Zimmerschied spielt den Umweltminister.

Wie Zivilcourage kriminalisiert wurde

Wie gesagt, ich war damals Staatsanwalt. Natürlich gab es Straftaten in Wackersdorf. Aber es gab noch sehr viel mehr Zivilcourage, die kriminalisiert wurde - weil die Politik sich anders gegen die Solidarisierung der Einheimischen mit den auswärtigen Kernkraftgegnern nicht zu helfen wusste. Vor den Wirtshäusern, in denen sich WAA-Gegner trafen, schrieben Polizisten die Auto-Kennzeichen auf. Aus einem Protest von WAA-Gegnern wurde schnell ein krimineller Landfriedensbruch. Rustikale Kleidung galt als "Passivbewaffnung". Und wenn ein Demonstrant von der Polizei weggetragen werden musste, wurde er wegen "Widerstand" angeklagt, weil er sich dabei "schwer gemacht" hatte.

Wenn sich in der Gerichtsverhandlung aber alles im anderen Lichte darstellte, durfte der Staatsanwalt nicht einfach Freispruch beantragen und auch nicht einer vom Richter angeregten Einstellung des Verfahrens zustimmen. Der sonst so souveräne Sitzungsstaatsanwalt, der bei jedem Kapitalverbrechen die Freiheit hat, je nach dem Gang der Hauptverhandlung ganz selbstständig und nach Gutdünken auf Freispruch oder auf Lebenslänglich oder sonst eine Strafe zu plädieren, war strikt gehalten, bei seinem Vorgesetzten nachzufragen. Und der Oberstaatsanwalt fragte dann beim Generalstaatsanwalt nach, und der General sagte dann natürlich, dass es kein Pardon, keinen Freispruch und keine Einstellung gibt. So war das. Es waren aufgeregte Zeiten.

Ein Landrat als Widerständler

Hans Schuierer, SPD-Landrat von Schwandorf, war das Gesicht des Widerstandes; er war der Gegner des CSU-Chefs und Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der den Leuten weismachen wollte, so eine Wiederaufarbeitungsanlage sei "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik".

Schuierer, gelernter Maurer, Sohn kleiner Leute, hatte zunächst, als die WAA-Planungen begannen, keine Ahnung von Atomenergie; er ließ sich erst einmal beeindrucken von den versprochenen 3600 sauberen Arbeitsplätzen - wurde aber misstrauisch, als er merkte, "dass die uns nicht die Wahrheit erzählen". Auf den Plänen für die "saubere Fabrik" entdeckte er einen fast 200 Meter hohen Kamin. Als er die Vertreter der Betreiberfirma DWK fragte, wozu der denn gebraucht werde, sagte man ihm, "dass durch den hohen Kamin die radioaktiven Schadstoffe gleichmäßiger verteilt werden sollen". Da nahm Schuierer den Kampf gegen die WAA auf - und wie! Mit oberpfälzischer Kraft. Das ist der rote Faden des Films.

Er unterstützte die Bürgerinitiativen, trat als Gegner bei Protestveranstaltungen auf, stellte sich als Chef der Genehmigungsbehörde quer, legte sich mit der atombegeisterten Staatsregierung an, die gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten von Hubschraubern aus sogar CS-Reizgas einsetzen ließ. Der Landrat verweigerte die Baugenehmigung für die WAA, demonstrierte gemeinsam mit seiner Frau Lilo gegen das Projekt und unterstützte die Demonstranten beim Bau eines Hüttendorfes. Das kam für die Regierungspartei CSU einem Landesverrat gleich. Die Landtags-CSU verabschiedete ein Gesetz, das dem Staat über den Kopf des Landrats hinweg bei Genehmigungsverfahren ein "Selbsteintrittsrecht" sicherte. Man versuchte also, den Landrat politisch zu entmündigen. Und man versuchte auch, ihn mit Klagen vor dem Gericht zu disziplinieren, weil Schuierer kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Zu einem hohen Politiker, der ihn unter der Hand umstimmen und erpressen möchte, sagt Schuierer, es tue schon weh, wenn "so einer wie Sie in der Demokratie was werden kann".

Es stünde besser um die Demokratie in diesem Land, wenn mehr Politikerinnen und Politiker so wären, wie Hans Schuierer war.

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