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Prantls Blick:Der Mephisto und der Finsterling

Dieser angebliche Mephisto war also nun vor hundert Jahren einer der entschlossensten Akteure nach der Ausrufung der Republik. Carl Legien verhandelte mit den Großindustriellen unter Hugo Stinnes den großen Zukunftspakt für die Arbeiter, das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918. Es ist bis heute die Basis für die Tarifautonomie, es ist bis heute eine Grundlage für die soziale Marktwirtschaft, das Fundament für den Erfolg des deutschen Wirtschaftsmodells.

Hugo Stinnes, der Verhandlungspartner von Carl Legien, war einer der wichtigsten Industriellen Deutschlands. Er war eine eher finstere Gestalt, er gehörte zu den ersten, die im Ersten Weltkrieg Zwangsarbeiter ins Reich verschleppten, er war ein Demokratieverächter, der die Volksherrschaft allenfalls als notwendiges Übel betrachtete. 1923 nannte ihn das Magazin Time den "neuen Kaiser von Deutschland".

Mit diesem Mann also handelte Carl Legien ein Abkommen aus, das November-Abkommen, das vieles, fast alles brachte, was sich Gewerkschaften und Arbeiter bisher allenfalls erträumt hatten: die Anerkennung der Gewerkschaften als berufene Vertreter der Arbeiterschaft, die Koalitionsfreiheit, die Anerkennung von Tarifverträgen, die Einsetzung von Arbeiterausschüssen in allen Betrieben mit mindestens fünfzig Beschäftigten; das waren die Vorgänger der Betriebsräte. Und schließlich noch eine Sensation: die Einführung des Acht-Stunden-Tags bei vollem Lohnausgleich.

Auf Verstaatlichung verzichtet

Das alles bekamen Legien, die Arbeiter und die Gewerkschaften natürlich nicht umsonst. Die Gewerkschaften verzichteten dafür auf die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. Das stand zwar nicht ausdrücklich im Abkommen vom 15. November 1918, das war aber Geschäftsgrundlage, wie Michael Kittner, emeritierter Professor für Wirtschafts- und Arbeitsrecht und ehemaliger Justitiar der IG Metall, analysiert hat. Die Gewerkschaften akzeptierten "die Fortexistenz der Unternehmer als privatwirtschaftlich tätige Wirtschaftssubjekte"; sie akzeptierten die kapitalistische Wirtschaftsordnung - sozialstaatlich eingehegt.

Und die Industriellen akzeptierten nach dem Motto "Schlimmeres verhüten" nun Tarifverträge und was sonst noch so daran hing an Arbeiterrechten. Das November-Abkommen sicherte den Gewerkschaften auch wieder Einfluss und Macht unter den Arbeitern. Gegen Kriegsende hin hatten die Gewerkschaften die Kontrolle in den Betrieben mehr und mehr verloren, weil sich dort gewerkschaftsunabhängige Arbeiterräte gebildet hatten. Die Linie, gegen den Räte-Radikalismus und für eine engagierte Sozialpolitik zu kämpfen, wurde auf dem Kongress der freien Gewerkschaften (die Delegierten repräsentierten fast fünf Millionen Mitglieder) Mitte 1919 mit großer Mehrheit gebilligt.

Carl Legien starb Ende 1920, nur wenige Monate nach dem von ihm erfolgreich bekämpften Kapp-Putsch. Sein Grab ist auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin. Er gehört zu den Heldinnen und Helden von 1918.

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