100 Jahre Republik Als der Traum Wirklichkeit wurde

Vor 100 Jahren wurde in Deutschland die Republik ausgerufen. Es ist zusammen mit dem Mauerfall ein Tag zum Feiern - allen Katastrophen zum Trotz, die auch auf diesen 9. November fallen.

Kommentar von Heribert Prantl

Vor hundert Jahren ging ein Traum in Erfüllung. Es war der Traum der frühen deutschen Demokraten, es war ein Traum, den ein Mann wie Friedrich Hecker träumte und von dem das Heckerlied singt. Dieses Lied war einst eine deutsche Marseillaise, eine Revolutionshymne gegen die Unterdrückung. Heute ist es vergessen, so vergessen wie der Mann, dessen Namen es trägt: Friedrich Hecker, Rechtsanwalt, Politiker, gescheiterter Revolutionär von 1848; er war seinerzeit die Ikone des Aufstands gegen die Monarchen, der Kämpfer für die Rechte des Volks. Er floh, wie viele revolutionäre deutsche Demokraten, in die Vereinigten Staaten von Amerika, von denen er dann rühmend schrieb, dass es dort keine Fürsten gibt und "jeder Esel Präsident sein kann".

Das Heckerlied ist, wie Revolutionshymnen es so sind, ein blutrünstiges Lied. Aber es hat einen anrührenden Refrain, in dem die Not, Verzweiflung und Hoffnung der Demokraten des 19. Jahrhunderts zum Reim und die Frage gestellt wird, ob "der Hecker" denn noch lebe. Und dann kommt eine ergreifende Antwort: "Ja, er lebet noch. Er hängt an keinem Baume. Er hängt an keinem Strick. Er hängt nur an seinem Traume von der deutschen Republik." Der Traum wurde vor hundert Jahren Wirklichkeit: In Deutschland fand die Fürstenaustreibung statt - zuerst in Bayern. Die Herrschaft der Wittelsbacher, Hohenzollern und der vielen anderen adligen Herrschaften war zu Ende. Sie endete im Volkszorn über das Völkermorden des Ersten Weltkrieges.

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Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief aus einem Fenster des Berliner Reichstags die Republik aus: "Alles für das Volk. Alles durch das Volk." Aber der Genosse Friedrich Ebert war schwer verärgert darüber; das war ihm viel zu forsch. Er verstand sich und die Mehrheitssozialisten nicht als Gründerväter der Demokratie, sondern als "Konkursverwalter des alten Regimes". Gleichwohl: Es war dies der Beginn der Demokratie in Deutschland.

Es war ein guter Beginn, trotz alledem, trotz allem Durcheinander; es gibt keine Revolution ohne Durcheinander. Die großen zehn Wochen vom 9. November 1918 bis zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 waren die Wochen des Wünschens und Wagens, des Aufbruchs und Zagens, des erbitterten Streits zwischen den Revolutionären. Warum wird das nicht groß gefeiert? Warum ist dieser Tag nicht Nationalfeiertag? Geniert sich die deutsche Demokratie ihrer Anfänge?

Ja, sie geniert sich - offiziell und offiziös. Sie hat sich in ihrem herablassenden Urteil über die deutsche Novemberrevolution anstecken lassen von denen, denen diese immer suspekt oder verhasst war, die von Ludergeruch redeten, vom Dolchstoß und den Novemberverbrechern. Die deutsche Demokratie geniert sich ihrer Herkunft, weil die von der Revolution geschaffene Weimarer Republik "zusammenbrach". Sie geniert sich, weil die 1918er-Revolution die Nazis nicht verhindert hat. Aber diese Vorwürfe sind ungerecht. Die Republik ist nicht zusammengebrochen, sie wurde von ihren Feinden umgebracht. Und die Weimarer Verfassung war besser, als es ihr Ruf heute ist. Sie hat nicht die Nazi-Diktatur ausgebrütet; sie hat aber die Verrohung der politischen Kultur nicht stoppen können. Das hätte die Verfassung auch dann nicht geschafft, wenn der liebe Gott sie geschrieben hätte.

Die deutsche Demokratie muss sich ihre Revolution zurückholen - ihre Kämpfe, ihre Helden, ihre Mythen. Im Staat des Grundgesetzes lebt mehr vom Geist der 1918er-Revolution, als man landläufig weiß. Der Geist der Revolution steckt im deutschen Sozialstaat. Zu den ersten Früchten der Revolution gehörte die Anerkennung von Gewerkschaften, Tarifverträgen und Betriebsräten, die Einführung des Achtstundentags. Das war sechs Tage nach Ausrufung der Republik. Und 21 Tage danach trat das Gesetz über das Frauenwahlrecht in Kraft. Es war Revolution - in kürzester Zeit wurde viel verändert. Gesetz für Gesetz hat diese Republik gleich zu Beginn den Sozialstaat entwickelt.

Kein Grund zum Feiern? Darf man am 9. November die Geburt der Demokratie deswegen nicht feiern, weil es noch ganz andere, beschämende 9. November gibt? An diesem Tag im Jahr 1848 wurde der Freiheitsheld Robert Blum vom Habsburger Militär erschossen. An diesem Tag im Jahr 1923 putschte Hitler in München. An diesem Tag im Jahr 1938 fielen deutsche Nazis in der Pogromnacht über die Juden her; der Weg Richtung Holocaust war eingeschlagen. An diesem Tag im Jahr 1989 wurde aber auch die Mauer geöffnet. In der friedlichen Revolution von 1989 kann man die Vollendung der unvollendeten Revolution von 1918 sehen. 1918, 1989: Glückstage; sie rahmen die furchtbarsten Tage ein.

Die glücklichen Tage lehren: Es ist nicht das Rad der Geschichte, das sich da auf einmal gedreht hat - es waren Menschen, die sich da auf einmal etwas getraut haben. Und die bösen Tage lehren das auch: Die Nazis waren kein unabwendbares Schicksal. Es gab nicht genügend Demokraten, die sich gegen sie stellten. Nicht das Schicksal schreibt Geschichte, Menschen machen das, gut oder schlecht.

Gustav Heinemann sprach 1969 von Deutschland als "schwierigem Vaterland". Der 9. November ist das Symbol dafür. Das Bekenntnis zu diesem Tag als Nationalfeiertag wäre ein Bekenntnis zu diesem schwierigen Vaterland. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der neunte Nachfolger Heinemanns, sollte das Bekenntnis bei seiner Rede am 9. November im Bundestag ablegen. Wer sagt, dass es an diesem Tag nichts zu feiern gebe, hat einen verengten Feierbegriff. Es geht nicht um noch einen Würstelbuden- und Knallkorken-Tag. Der Urgedanke des Feiertags im Juden- und Christentum kommt vom Sabbat. Und "schabat" heißt: aufhören, die Arbeit unterbrechen, ruhen. Der 9. November ist ein Tag des Feierns, Mahnens, Gedenkens. Er ist ein sperriger Feiertag. Holen wir uns die Revolution zurück.

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