Prantls Blick Der Philosoph der Entängstigung

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas wird am 18. Juni 90 Jahre alt.

(Foto: dpa)

Jürgen Habermas ist ein leidenschaftlicher Denker und Diskutant - ein engagierter Bürger und Weltgeist. Seine Diskurs- und Kommunikationstheorie vertraut der Kraft des Argumentierens.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Er ist einer der wirkmächtigsten Philosophen und Soziologen der Gegenwart, er ist ein leidenschaftlicher Denker und Diskutant - er ist ein engagierter Bürger und Weltgeist. Am kommenden Dienstag begeht der Philosoph Jürgen Habermas, wohnhaft in Starnberg bei München, seinen 90. Geburtstag. Habermas ist ein demokratischer, ein grund- und menschenrechtsgeprägter Weltphilosoph, ein glühender Kämpfer für Europa und ein glänzender Publizist; auch in der Süddeutschen Zeitung ergreift er, seit über sechzig Jahren, immer wieder das Wort: geschliffen und prägnant. Das passt zu einem, bei dem die Sprache im Zentrum des wissenschaftlichen Werkes steht.

Habermas ist in Düsseldorf geboren, in Gummersbach aufgewachsen, hat in Göttingen, Zürich und Bonn studiert, war Forschungsassistent bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt, habilitierte sich bei Wolfgang Abendroth in Marburg mit der bahnbrechenden Schrift zum "Strukturwandel der Öffentlichkeit", wurde 1964 Nachfolger Horkheimers auf dessen Lehrstuhl für Philosophie, wechselte 1971 nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. Er kehrte dann an die Uni Frankfurt zurück - und lehrte in aller Welt. Das sind die dürren äußeren Lebensdaten eines Gelehrten, der mit seinem philosophisch-politischen Denken, das auf Öffentlichkeit, Diskurs, Vernunft und Kant beruht, ein Global Player wurde.

Prantls Blick Putin, Europa und der riesige Riss
Prantls Blick

Putin, Europa und der riesige Riss

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer fordert ein Ende der Sanktionen gegen Russland. Das ist kein unanständiger Wunsch: Ein Hinausdrängen Russlands aus dem europäischen Raum ist eine Selbstverstümmelung Europas.   Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Zum Geburtstag habe ich Jürgen Habermas in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" - einer wunderbaren politischen Monatszeitschrift, deren Mitherausgeber Habermas seit 21 Jahren ist - einen Text gewidmet, den ich Ihnen hier in gestraffter Form nahebringen will. Mein Text will nicht zuletzt dem Urteil entgegentreten, die Diskurstheorie, die Habermas begründet hat, sei eine zu theoretische, eine zu abgehobene, gar eine zu verbissene Angelegenheit. Ihr Schöpfer ist es jedenfalls nicht.

Die Tonleiter des kommunikativen Handelns

Es ist allerdings wahr, dass in der Theorie des kommunikativen Handelns, die einen wichtigen Teil der wissenschaftlichen Arbeit von Habermas ausmacht, das Lachen keine Rolle spielt - obwohl man das Lachen nicht, wie das mit seinen philosophischen Werken geschehen ist, in vierzig Sprachen übersetzen müsste. Auf keine andere Weise funktioniert Verständigung so schnell, so gründlich und so voraussetzungslos wie auf diese Weise. Das Lachen ist ein Diskurs ganz eigener Art, es hat kommunikative Kraft und ansteckende Macht.

Die Rede ist hier nicht vom doofen Gekicher, auch nicht vom abfälligen Gegrinse und vom bösen Gelächter; das gehört zwar auch zum Stammbaum des Lachens, bildet aber eine Seitenlinie, ist eine Aberratio, eine Degeneration. Die Rede ist hier vom echten Lachen, vom großen befreienden Lachen, das manchmal mit einem Lächeln beginnt, das sich dann entfaltet und steigert, das den ganzen Menschen kitzelt und schüttelt und bisweilen erst nach einer Zeit der Seligkeit mit wohlig seufzender Mattigkeit endet.

So ein Lachen verwandelt Förmlichkeit in Fröhlichkeit; es macht aus Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, Freunde - manchmal für einen Abend, manchmal für Jahre. So ein Lachen kann, für ein paar Stunden jedenfalls, die Welt verändern. So ein Lachen ist eine Tonleiter, auf der man vom eigenen Sockel heruntersteigt. Es macht aus einem Philosophen, es macht aus einem Präsidenten einen normalen Menschen. Es ist dies der schönste Beginn eines herrschaftsfreien Diskurses, Lachen macht die Menschen in diesem Augenblick zu Freien und Gleichen.