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Politische Morde:Die CIA verfasst Handbücher für gezielte Tötungen

Zuletzt wurde die gezielte Tötung von Gegnern im Kampf gegen den Terror als staatlich verordneter Mord kritisiert. Handbücher der CIA beschreiben ausführlich Bedeutung und Durchführung sogenannter High Value Target Operations - gezielter Tötungen wichtiger Personen im Anti-Terror-Kampf.

Endlos auch die Liste der Opfer, die dem sowjetischen und später russischen Geheimdienst oder deren einstigen Satellitendiensten zugeschrieben werden. Spektakulär war der Schirmmord am bulgarischen Regimekritiker Georgi Markow, der auf der Londoner Waterloo Bridge durch eine Rizin-Injektion getötet wurde. Der Attentäter jagte 1978 eine Giftkapsel mithilfe eines in der Schirmspitze versteckten Gasdruckzylinders in Markows Bein. 40 Jahre später haben sich die Methoden wenig geändert. Der Fall des Ex-Agenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia, die mit Gift attackiert wurden, zeugt von der heutigen Skrupellosigkeit der Auftragsmörder.

Gerade in Territorien mit großer Willkür und geringem Rechtsstaatsverständnis schnellt die Rate der politischen Morde hoch. Selten haben sich Morde dieser Art so häufig ereignet wie Anfang der 2000er-Jahre in Russland. Einer der bekanntesten Fälle: die Erschießung des Duma-Abgeordneten Sergej Juschenkow im Hof vor seiner Moskauer Wohnung. Juschenkow war damals der neunte tote Abgeordnete seit dem Machtumbruch zehn Jahre zuvor. Statistiken zählten in dieser Zeit bis zu 5000 Auftragsmorde in Russland auf, unter den Opfern fanden sich Gouverneure, regionale Abgeordnete, Beamte.

2006 wurde mitten in Moskau die Journalistin und Tschetschenien-Kritikerin Anna Politkowskaja im Treppenhaus ihres Wohnblocks erschossen, sieben Jahre später der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ganz in der Nähe des Kreml - die Spur führte in beiden Fällen in den tschetschenischen Machtapparat, an dessen Spitze Ramsan Kadyrow ein Schreckensregime führt. Seine Rachehand wird überall in Europa gefürchtet.

Morde im Namen des Staates, oft bewusst offen ausgeübt, sollen nämlich auch abschrecken und Furcht verbreiten. Saudische Regimekritiker haben mit dem Fall Khashoggi auch eine andere Botschaft vernommen: Seht euch vor. Als in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine mysteriöse Verbrechenswelle unter Jugoslawen in Deutschland registriert wurde, tat sich die Bundesanwaltschaft schwer mit der Aufklärung. Vier Morde, acht Mordversuche, 20 versuchte oder tatsächlich verübte Sprengstoffanschläge: Die Botschaft der Killerkommandos von Jugoslawiens Staatschef Tito an vor allem kroatische Separatisten war eindeutig. Deutschland diente nur als Operationsraum, die Tat war die Botschaft.

Heute tun sich Staaten erheblich leichter mit der Aufklärung der Fälle - was potenzielle Täter jedoch nicht wirklich abzuschrecken scheint. Das Detailwissen der türkischen Behörden über die Vorgänge im Generalkonsulat Saudi-Arabiens und in der Wohnung des Konsuls geben auch einen Einblick in die Aufklärungsarbeit der türkischen Dienste. Entweder sind die Gebäude bis in den letzten Winkel verwanzt, oder die elektronische Kommunikation wird lückenlos abgefangen. Vermutlich beherrschen die Türken beides.

Der Fall Skripal hat gezeigt, wie selbst nicht staatliche Ermittler und Rechercheure in Russland mithilfe simpler Techniken die mutmaßlichen Täter und ihr Leben ausforschen konnten. Die Kriminaltechnik hat bereits im Fall Alexander Litwinenko erstaunliche Details zutage gefördert: Die Mörder des mit dem radioaktiven Polonium vergifteten Ex-Agenten haben im Wortsinn eine leuchtende Fährte gelegt. Polonium-Spuren ließen sich auf ihrem gesamten Reiseweg nachweisen.

Ob der Mossad oder der vietnamesische Geheimdienst, ob CIA oder Russlands FSB, ob mithilfe halbseidener Leibwächter oder bezahlter Auftragskiller, ob über Mittelsmänner der Schattenwelt oder aufgepeitschte Fanatiker: Es wird weiter gemordet im Namen der Macht. Nur eines gelingt den Mördern immer seltener: Der Andersdenkende wird durch die Tat nicht ausgelöscht. Was in der Antike als "Damnatio memoriae", als Verdammung des Andenkens, bekannt war, funktioniert nicht mehr. Der Feind verschwindet nicht aus dem öffentlichen Gedächtnis. Im Gegenteil.

© SZ vom 20.10.2018
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