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Russland und der Fall Skripal:Der Attentäter, der aus dem Aquarium kam

  • Die Rechercheplattform Bellingcat hat eigenen Angaben nach auch den zweiten Attentäter des Falls Skripal identifiziert.
  • Demnach soll es sich bei dem Mann um einen russischen Militärarzt handeln, der für den russischen Militärgeheimdienst GRU arbeiten soll.
  • Auch die wahre Identität des Komplizen des Mannes hatte die Plattform eigenen Angaben nach vor Kurzem enthüllt. Beide Männer sollen von der russischen Regierung für andere Dienste Orden bekommen haben.

Die Adresse, unter der Alexander Mischkin bis vor vier Jahren gemeldet war, ist keine gewöhnliche. An der Choroschowskoje-Chaussee 76B steht das wohl am strengsten abgeschirmte Gebäude der an abgeschirmten Gebäuden nicht armen russischen Hauptstadt. Ein drei Meter hoher Zaun aus armdicken Metallstäben umgibt das Gelände, dahinter ein asphaltierter Patrouillenstreifen und eine zweite Mauer aus Beton als Sichtschutz. Stacheldraht, Kameras, Flutlicht. Schilder warnen: "Verbotene Zone". Aber kein Schild weist darauf hin, dass es sich bei dem Bau mit der metallisch grauen Fassade und den verspiegelten Fenstern um das Hauptquartier des Militärgeheimdienstes GRU handelt, seit Sowjetzeiten bekannt unter dem Spitznamen "das Aquarium".

Den Recherchen des Netzwerks Bellingcat zufolge war der zweite Mann in jenem Agenten-Duo, das im März ins britische Salisbury reiste und dort aus einem Parfümflakon den Kampfstoff Nowitschok auf den Türgriff zum Haus des ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia sprühte, ein Arzt. Alexander Jewgenjewitsch Mischkin wurde 1979 in Lojga im Gebiet Archangelsk geboren und diente nach dem Medizinstudium an einer Militärakademie bei der russischen Marine. Der Geheimdienst warb ihn während des Studiums an, nach seinem Umzug nach Moskau erhielt er 2010 jenen Pass unter dem Decknamen Alexander Petrow, den die britischen Ermittler Anfang September veröffentlichten. Mehrere Bewohner aus Mischkins Geburtsort bestätigten auch Reportern, dass es sich bei Mischkin und Petrow um dieselbe Person handle.

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Eine Gruppe investigativer Journalisten will auch den zweiten Verdächtigen im Fall Skripal identifiziert haben. Er soll von Putin persönlich die höchste Auszeichnung der Russischen Föderation erhalten haben.

Bereits vor zwei Wochen hatte Bellingcat gemeinsam mit russischen Kollegen von The Insider die wahre Identität des ersten Beschuldigten offengelegt. Bei dem Mann, der unter dem Namen Ruslan Boschirow reiste, soll es sich um Anatolij Tschepiga handeln, einen 39 Jahre alten Oberst des GRU, der nach dem Abschluss der Militärschule mit einer Spezialeinheit in Tschetschenien kämpfte und 2014 für seinen Einsatz in der Ukraine von Wladimir Putin mit dem Orden "Held Russlands" ausgezeichnet wurde.

Die 90-jährige Großmutter des mutmaßlichen Agenten ist seit einigen Tagen verschwunden

Die höchste Auszeichnung, die sein Land zu vergeben hat, soll er Berichten russischer und ukrainischer Medien zufolge entweder damit verdient haben, dass er im Februar 2014 den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch außer Landes und ins russische Exil brachte, oder für seine Rolle bei der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim, die zur gleichen Zeit begann. In Lojga berichteten Verwandte und Jugendfreunde Mischkins, auch er sei mit dem Titel "Held Russlands" ausgezeichnet worden. Seine Großmutter bewahre ein Foto wie einen Schatz, auf dem Putin ihrem Enkel den Orden überreicht. Die 90-jährige Nina Fjodorowna Mischkina sei aber seit einigen Tagen verschwunden. Es wird vermutet, dass die Behörden sie vor den Medien abschirmen.

Mischkins Klarname sei schon länger bekannt gewesen, sagt Anastasija Kiriljenko, Journalistin bei The Insider in Moskau: "Wir wollten vor der Veröffentlichung erst in Lojga und in Sankt Petersburg mit Leuten sprechen, die ihn kannten." Ehemalige Kommilitonen der militär-medizinischen Kirow-Akademie in Sankt Petersburg wollten nichts zu Mischkin sagen. Andere räumten ein, sie seien gewarnt worden.

Eigentlich hätte der GRU in diesem Jahr Grund zu feiern: Der Militärgeheimdienst wird 100 Jahre alt. Gegründet ein Jahr nach der Oktoberrevolution, überdauerte er den Untergang der Sowjetunion, anders als der KGB, der in den Inlandsgeheimdienst FSB und den für Auslandsspionage zuständigen SWR aufgeteilt wurde. Die Abteilung 9 für den Schutz der Staatsspitze wurde in einen eigenen Dienst ausgegliedert, den FSO. Der GRU, die "Hauptverwaltung für Aufklärung" beim russischen Generalstab, wurde 2010 lediglich umbenannt in GU, Hauptverwaltung. Aber selbst Präsident Wladimir Putin benutzt bis heute noch die alte Abkürzung.

Außenminister Lawrow nennt den Besuch der IT-Experten in Den Haag eine "Routine-Reise"

Die Enttarnung der beiden Agenten ist der zweite große Skandal innerhalb weniger Wochen für den russischen Militärgeheimdienst. Ende vergangener Woche hatten die Regierungen der USA, der Niederlande, Großbritanniens und einer Reihe weiterer Staaten den GRU wegen Hacker-Angriffen auf Dutzende internationale Organisationen und auf sensible Infrastruktur beschuldigt. Darunter die Organisation zum Verbot Chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag, die Weltantidoping-Agentur Wada, die Fifa, die Metro in Kiew und den Flughafen der ukrainischen Hafenstadt Odessa.

Die Niederländer veröffentlichten Namen und Passkopien von vier Männern, die im April bei dem Versuch gestellt wurden, sich Zugang zum Netzwerk der OPCW zu verschaffen. Bei einem der Festgenommenen fanden die Ermittler eine Taxiquittung über eine Fahrt von einer Garnison des GRU in Moskau zum Flughafen Scheremetewo. Die US-Behörden nannten drei weitere Personen, denen Angriffe auf die Server der Demokratischen Partei vorgeworfen werden. Alle sieben Beschuldigten sollen Mitarbeiter des GRU sein.

Die Regierung in Moskau streitet alles ab. Außenminister Lawrow nannte den Besuch der IT-Experten mit Diplomatenpässen in Den Haag "eine Routine-Reise". Den Hackerangriffen ist gemeinsam, dass sie Ermittlungen zu früheren Operationen des russischen Militärs oder des Geheimdienstes im Westen behindern sollen. Im Falle des Wada-Hacks den Doping-Skandal bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi, die Ermittlungen zum Abschuss von MH17 über der Ostukraine, die Untersuchungen des OPCW zu Giftgas-Einsätzen in Syrien und zum Nowitschok-Angriff auf Sergej Skripal und seine Tochter.

Die Zahl der Mitarbeiter wie auch das Budget des GRU werden geheim gehalten. In den vergangenen Jahren habe sich die Rolle der Spezialkommandos gewandelt, sagt der britische Sicherheitsexperte Mark Galeotti, der über die russische "Speznas" ein Buch geschrieben hat: "Sie stehen für die neue Überzeugung im Kreml, dass Krieg und Politik ein und dasselbe sind. Sie werden zunehmend auch für verdeckte Operationen im Ausland eingesetzt, mit dem Ziel, hinterher jede russische Beteiligung abzustreiten", schreibt Galeotti im niederländischen Journal Raamoprusland. So hätten sie die Masse der "grünen Männchen" gestellt, die im Februar 2014 die Krim besetzten: "Ihre Rolle bei der Mobilisierung von bewaffneten Aufständen oder bei verdeckten Operationen, Provokationen bis zu Attentaten wächst."

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