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Parteitag der US-Demokraten:Die Angriffe auf Romney übernehmen andere

Offen bekennt Michelle, dass sie sich Sorgen gemacht habe, dass der Umzug ins Weiße Haus ihr Familienleben negativ verändern würde. Doch mittlerweile sei sie beruhigt: "Das Präsidentenamt ändert nicht den Charakter eines Menschen, sondern hebt ihn hervor." Auch als Präsident nehme sich Obama fast jeden Abend Zeit, um mit ihr und den Töchtern Sasha und Malia zu essen, sich nach der Schule zu erkundigen und über deren Sorgen zu reden.

Die Botschaft ist klar: Auch als mächtigster Mann der Welt glaubt Obama noch immer an Fleiß und daran, dass Bildung der Schlüssel zum Aufstieg ist. "Barack kennt den amerikanischen Traum, weil er ihn gelebt hat - und er will, dass alle in diesem Land die gleichen Chancen haben", ruft Michelle den jubelnden Delegierten zu. An den Traum vieler Migranten, dass es den Kindern und Enkeln besser gehen werde, hatte auch Julian Castro, der 37-jährige Latino-Bürgermeister aus San Antonio, in seiner keynote speech erinnert.

Auch wenn die First Lady den republikanischen Herausforderer Mitt Romney nicht namentlich nennt und sich strikt überparteilich gibt, wird der Gegensatz zur Familie des Multimillionärs deutlich. Wie seine Gattin Ann wuchs Romney in privilegierten Verhältnissen auf, sein Vater George war Manager bei einem Automobilunternehmen und Gouverneur von Michigan. Wenn Michelle den Delegierten im Saal und vor allem den Amerikanern vor den Fernsehern zuruft: "Barack Obama ist ein Mann, der weiß, was es heißt, wenn eine Familie kämpfen muss", dann schwingt stets der Vorwurf mit, dass Romney dieses Einfühlungsvermögen fehle.

Die offensichtlichen Attacken auf Romney hatten zuvor andere übernommen: Ted Strickland, der frühere Gouverneur des Autostaats Ohio, kritisierte den Republikaner für sein Plädoyer, die amerikanische Autoindustrie durch Staatsbeihilfen zu retten. "Er wollte Detroit pleite gehen lassen", donnerte Strickland. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts sei nur an Profit interessiert: "Wenn Romney der Weihnachtsmann wäre, würde er das Rentier rausschmeißen und die Elfen outsourcen". Die Amerikaner hätten am 6. November die Wahl zwischen dem "Wirtschaftspatrioten Obama" und dem "Outsourcing-Pionier" Romney.

Doppelte Liebeserklärung

Deval Patrick, Romneys demokratischer Nachfolger in Massachusetts, versuchte an dessen Erfolgsbilanz zu kratzen: "Er wollte unbedingt Gouverneur sein. Nur war er nicht so scharf darauf, den Job dann auch zu machen." Deswegen habe sich der Mormone nach vier Jahren nicht um eine weitere Amtszeit beworben. Martin O'Malley, Regierungschef in Maryland, sprach wie viele Redner über das Geld, das Romney im Ausland angelegt hat: "Schweizer Bankkonten haben noch nie Arbeitsplätze in Amerika geschaffen."

Ähnlich offensiv werden auch die übrigen Redner auftreten: An diesem Mittwoch steht Ex-Präsident Bill Clinton im Mittelpunkt, während Obama und sein Stellvertreter Joe Biden am Donnerstag im Footballstadion von Charlotte sprechen werden - wenn es das Wetter zulässt.

In der Multifunktionshalle, wo sonst die Charlotte Bobcats Basketball spielen, endet Michelle mit einer doppelten Liebeserklärung. Ihre wichtigste Funktion sei nicht jene der First Lady oder die der Ehefrau, sondern die Rolle der mom in chief: "Meine Töchter sind das Zentrum meiner Welt." Und sie bekennt vor aller Welt: "Ich liebe Barack heute mehr als ich ihn vor vier Jahren geliebt habe. Ich liebe ihn sogar mehr als vor 23 Jahren, weil er auch in der schwierigsten Zeit nicht vergisst, wo er hergekommen ist."

Während das Publikum "Four more years" skandiert, bittet sie die Amerikaner um ihre Unterstützung: "Wir müssen noch einmal zusammenkommen und zusammenstehen für den Mann, dem wir vertrauen können, dieses großartige Land weiter nach vorne zu bringen: meinem Ehemann, unserem Präsidenten, Barack Obama."

Ob der eindrucksvolle Auftritt von Michelle Obama all jene Amerikaner wieder für ihren Gatten einnehmen wird, die ihre Familien mit stagnierenden Löhnen durchbringen müssen oder sich bei mehr als acht Prozent Arbeitslosigkeit berechtigte Sorgen um ihren Job machen, wird sich im November zeigen. Der Mann, um den sich alles dreht, hat die Rede seiner Frau gemeinsam mit den Töchtern Malia und Sasha im Weißen Haus gesehen. Barack Obama dürfte mehr als zufrieden gewesen sein. Bei einem Wahlkampfauftritt in Virginia hatte er dem Publikum verraten: "Wenn Michelle zu reden beginnt, werden meine Augen feucht."