Davidsterne in Paris:Die Spur führt nach Russland

Davidsterne in Paris: Diese Graffiti alarmierten viele.

Diese Graffiti alarmierten viele.

(Foto: Geoffroy Van der Hasselt/AFP)

Ende Oktober tauchten in Paris plötzlich Davidstern-Graffiti auf Hausmauern auf, viele sahen darin eine antisemitische Aktion. Doch die Ermittler halten ein ganz anderes Motiv für wahrscheinlicher.

Von Oliver Meiler, Paris

Diese Bilder, was waren sie für ein Schock. Am Morgen des 31. Oktober prangten im 14. Arrondissement von Paris plötzlich Davidsterne an den Mauern von Wohnhäusern, Läden und Banken. Ungefähr sechzig insgesamt, alle genau gleich groß, offensichtlich mithilfe derselben Schablone gesprayt. Die Bilder gingen um die Welt, sie wurden auch millionenfach verbreitet über die sozialen Medien. Sie weckten das Trauma aus finsteren Zeiten.

In der ersten, reflexhaften Deutung war diese Nachtoperation ein weiteres Anzeichen dafür, dass der Antisemitismus als Folge des Kriegs im Nahen Osten auch und gerade in Frankreich, dem europäischen Land mit der größten jüdischen und der größten muslimischen Gemeinde, gefährlich anwachse. Es sah so aus, als wären die Häuser und Geschäfte markiert.

Die Sender schickten Reporter in den 14. Stadtbezirk, die den Passanten einfach ihr Mikrofon hinhielten. Manche von ihnen weinten. "Fängt das jetzt wieder an?", fragte eine Frau, deren Eltern in einem KZ getötet worden waren, dann verlor sie die Stimme. Interviewt wurde auch Frankreichs Innenminister, der immer sehr resolute Gérald Darmanin. Er sagte, er werde nicht ruhen, bis die Leute, die das verbrochen hätten, gefunden seien. Falls es sich dabei um Ausländer handle, werde er sie aus dem Land ausweisen.

Die Ermittler hatten Zweifel

Allein die Fahnder hielten sich von Beginn an auffällig zurück mit einer klaren Interpretation - offenbar zu Recht, wie sich nun zeigt.

Fragwürdig kamen ihnen gleich mehrere Punkte vor. Die hingesprayten Davidsterne waren erstens nicht gelb, sondern blau, im Ton ähnlich wie eine der Nationalfarben Israels. Könnte es sein, fragten sie, dass die Tags womöglich gar keinen antisemitischen Hintergrund hatten, sondern dass sie im Gegenteil als Bekenntnis zu Israel gedacht waren? Und, zweitens: Die Mauern schienen zufällig ausgewählt, es ging nicht um Häuser, in denen bekannterweise jüdische Menschen leben oder arbeiten.

Nun, es war wohl alles anders, komplexer. Schon am 27. Oktober hatte die Polizei ein junges Paar aus Moldau festgenommen, weil sie im 10. Arrondissement einen Davidstern an eine Mauer gemalt hatten. Den Ermittlern erzählten sie, jemand aus Russland habe ihnen den Auftrag gegeben und sie bezahlt, ein paar Hundert Euro. Den Beweis dafür hatten sie auf ihrem Handy gespeichert. Sie leben ohne Papiere in Frankreich, nun werden sie abgeschoben.

Bei der Aktion vom 31. Oktober geht der Inlandsgeheimdienst von derselben russischen Regie aus, wie Le Monde berichtet. Die Aufnahmen von Sicherheitskameras aus dem 14. Arrondissement zeigen wieder ein junges Paar, offenbar ebenfalls Moldauer: Sie sprayen. Eine dritte Person fotografiert die besprayten Hausmauern. Sie haben das Land nach dieser Operation sofort verlassen. Die Fotos zirkulierten zu diesem Zeitpunkt bereits auf den einschlägigen Profilen auf Facebook, X und Telegram. Wie ein Lauffeuer.

Versucht hier Moskau ein neues Manöver zur Destabilisierung des Westens, diesmal eine Befeuerung politischer Animositäten in diesem ohnedies schon angespannten Klima? Die französischen Ermittler denken genau das. Die Davidsterne prangten nur ein paar Stunden, dann wusch der städtische Reinigungsdienst sie ab. Doch da hatten sie sich schon in die Köpfe gebrannt.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFrankreich
:Das wird man ja wohl nicht sagen dürfen

Emmanuel Macron sorgt sich um die anschmiegsame Sprache der Franzosen, also wettert er gegen das Gendern und den Zeitgeist. Wobei es ja eher wieder Zeitgeist ist, gegen das Gendern zu wettern.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: