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Paradise Papers:Nelson Mandela, der geheime Trust und Geld für Margot Honecker

MANDELA EXPRESS CONDOLENCES TO KAUNDA FAMILY DURING A MEDIA BRIEFING

Weltweit auf der "guten Seite" einsortiert: Nelson Mandela

(Foto: Juda Ngwenya/Reuters)

Hat der Freiheitskämpfer Margot Honecker Geld überwiesen, als sie im Exil in Chile lebte? In den Paradise Papers taucht ein ungewöhnlicher Rechtsstreit mit Mandelas Erben auf.

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Gut und Böse liegen oft näher beieinander als man denkt, und manchmal mögen sie sich sogar - oder so etwas in der Art. Genau lässt sich das für diesen Fall kaum rekonstruieren, zu lange ist alles her, aber an eines erinnert sich Ismael Ayob, Anwalt aus Südafrika, noch genau: Nelson Mandela, damals Präsident Südafrikas und wohl einer der wenigen Menschen, die weltweit zu den Guten gezählt werden, kam zu ihm - und bat ihn, Geld nach Chile zu überweisen. An Margot Honecker, auch "lila Hexe" genannt, die damals im Exil lebende Witwe des DDR-Staatschefs Erich Honecker. Sie war als langjährige "Ministerin für Volksbildung" verantwortlich dafür, dass gnadenlos Kinder aus nicht regimetreuen Familien gerissen und zwangsadoptiert wurden. Margot Honecker würde, zumindest in Deutschland, zweifellos von einer klaren Mehrheit auf der bösen Seite einsortiert werden.

"Aber Nelson Mandela hatte Mitleid mit ihr", sagt Ismael Ayob der Süddeutschen Zeitung am Telefon, "er kam zu mir und sagte, Margot Honecker sei alleine in Chile gestrandet, ohne Ehemann, ohne Geld, ohne Pension. Er bat mich, ihr Geld zu überweisen." Daran erinnere er sich auch deswegen so gut, sagt Ayob, weil es eine "ungewöhnliche Bitte" gewesen sei. Immerhin war Honecker ja nicht irgendwer. Ayob sagt, er wisse noch, dass Mandela ihm - damals dessen Finanzberater - in den Neunzigerjahren persönlich die Bankverbindung Margot Honeckers und die Adresse der Bank in Chile gegeben habe. "Vermutlich hat er mir einfach einen Zettel in die Hand gedrückt", sagt Ayob, "so hat er das öfter getan, es muss auf jeden Fall etwas Schriftliches gegeben haben".

Die Geschichte dieser überraschenden finanziellen Verbindung kommt jetzt, nach so vielen Jahren, an die Oberfläche, weil sich in den Paradise Papers etliche Unterlagen finden, die einen Rechtsstreit zwischen jenem Ismael Ayob und den Erben Nelson Mandelas dokumentieren. Diesen Fund machten Journalisten der südafrikanischen Zeitung Financial Mail erst kurz vor der Veröffentlichung der Paradise Papers Anfang November.

Ayob, mittlerweile 75 Jahre alt und immer noch Anwalt in einem Vorort von Johannesburg, nur einen Steinwurf von Mandelas letztem Wohnsitz entfernt, war lange Zeit einer seiner engsten Vertrauten. Er war einer der wenigen, die ihn im Gefängnis besuchen konnten. Die beiden kannten sich seit den Siebzigerjahren. Das Zerwürfnis kam um 2004. Eine Spätfolge ist der Streit um ein Bankkonto mit einem Millionen-Guthaben und um einen Trust auf der Isle of Man, einer Steueroase. Wobei die Auseinandersetzung schon bei der Frage beginnt, ob der Trust, "Mad Trust" genannt, je existierte, ob er ordentlich zustande gekommen ist, und ob Ayob dabei wirklich den Willen Mandelas umgesetzt hat - oder nur seinen eigenen.

Ganz nebenbei gewähren die Gerichtsdokumente einen erstaunlichen Einblick in die Finanzen Mandelas. Von einem Konto dieses angeblichen Trusts jedenfalls will Ayob auch Geld an Margot Honecker geschickt haben. Ob das tatsächlich geschehen ist, lässt sich nicht überprüfen. Es gibt dazu keinerlei Dokumente.

Nelson Mandela und Margot Honecker - allein schon die Kombination klingt absurd. Hier Nelson Mandela, einer der berühmtesten und beliebtesten Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts, dort Margot Honecker, die bis zu ihrem Tod das unterdrückerische Regime der DDR verteidigte. Aber es ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Südafrika war in den Achtzigerjahren ein typischer Schauplatz des Kalten Krieges, in dem die USA und die Sowjetunion ihren Konflikt über Stellvertreter austrugen. Westliche Politiker wie US-Präsident Ronald Reagan standen fest zum südafrikanischen Regime, auch prominente CSU-Politiker fanden wenig Skandalöses am Apartheid-Staat. Etliche Staaten östlich des Eisernen Vorhangs unterstützten dagegen Südafrikas Opposition, den African National Congress (ANC). Die DDR empfing wiederholt Vertreter des ANC, auf einschlägigen Webseiten ist sogar zu lesen, mehr als 1000 ANCler wären 1976 bis 1980 zu militärischen Trainings nach Teterow in Mecklenburg gereist.

Damals war Nelson Mandela ein Gefangener, während Margot Honecker mit ihrem Mann an der Spitze der DDR stand. Doch bereits in den Neunzigerjahren hatten sich die Rollen so gut wie umgedreht: Mandela hatte das Ende der Apartheid besiegelt und stieg zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes auf. Margot Honecker setzte sich nach Chile ab, nachdem ihr Regime untergegangen war. Stur verteidigte sie bis zuletzt Mauerbau und Unrechtsstaat. In ihrer Zeit als Ministerin für Volksbildung, 1963 bis 1989, habe sie, erklärte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, durch ihre Umerziehungs- und Zwangsmaßnahmen "Biografien beschädigt und den Menschen die Selbstbestimmung genommen". Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sagte über sie, sie sei bis zum Tod eine "böse, verstockte Frau" gewesen.

Mandela aber machte keinen Hehl daraus, dass ihn Margot Honeckers tiefer Sturz empörte. In einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger lobte Mandela einst die Deutschen zwar für die friedliche Wiedervereinigung, fügte aber mahnend hinzu: "Wobei ich doch an Margot Honecker erinnern möchte, die heute in Chile lebt, wie ich höre, in ärmlichen Verhältnissen. Ich will mich jetzt nicht über Taktlosigkeiten auslassen, aber: Erich Honecker war immerhin ein Staatschef und Margot Honecker die First Lady. Und ich weiß nicht, ob das den Entscheidungsträgern in Deutschland noch bewusst ist."

Die Überweisung nach Chile war möglicherweise gar nicht so absurd

Mandela soll, das erzählte er laut eines früheren Botschafters der DDR angeblich einer ostdeutschen Delegation am Rande einer Konferenz in Südafrika, in der Führung des ANC gesammelt haben, um die Honeckers in Chile zu unterstützen. Die absurde Überweisung war möglicherweise also gar nicht so absurd, jedenfalls aus damaliger Innensicht Südafrikas.

Der Trust auf der Isle of Man entstand laut den Paradise Papers am 21. Januar 1995, etwa ein Dreivierteljahr, nachdem Mandela als Präsident vereidigt worden war. Mandelas damaliger Anwalt Ayob richtete offenbar den Trust ein; in der 17-seitigen Gründungsurkunde für das stiftungsähnliche Konstrukt heißt es, das Vermögen solle gespendet werden, an Einzelpersonen sowie für "bildungs- und wohltätige Zwecke". Der Trust hieß laut Urkunde "Mad Trust", eine Anspielung auf "Madiba", Mandelas traditionellen Clannamen. Es ist unklar, warum Ayob damals die Isle of Man auswählte, womöglich gab die fehlende Transparenz den Ausschlag: Es gab dort weder ein einsehbares Trustregister noch eine Pflicht, Informationen mit dem Ausland zu teilen. In den Grundzügen ähnelt der Mad Trust damit einer schwarzen Kasse.

Ayob sagt dazu, es sei damals schwierig gewesen, Geld von Südafrika aus zu bewegen, da sei die Isle of Man eine kluge Lösung gewesen. Aber es sei Mandela nur um Wohltätigkeit gegangen, sagt Ayob: "Mandela wollte mit dem Geld hier und da schnell etwas anweisen lassen, zum Beispiel eine Überweisung an eine junge Athletin, die in der Schweiz einen Preis gewonnen hatte, sich aber den Flug nicht hätte leisten können."

Als sich Nelson Mandela und sein langjähriger Finanzberater Ayob 2004 überwarfen, hatte Mandela die Präsidentschaft schon verlassen. In dem Streit, der sich entspann, spielte auch der Mad Trust eine Rolle. Wer die Gerichtsdokumente des Streits liest, stellt fest, dass im Grunde so gut wie nichts belegt ist, was mit dem Trust zu tun hat. Bei der Bank sind Nelson Mandela und seine Frau als Stifter eingetragen, aber es ist nicht klar, wer sie eingetragen hat.

Und woher kam das Geld für den mysteriösen Trust überhaupt? Ismael Ayob behauptet in einer gerichtlichen Aussage, es stamme von ausländischen Geldgebern und sei Mandela zugeflossen, als er auf seinen "zahlreichen" Auslandsreisen gewesen sei. Wenn es stimmt, was Ayob außerdem vor Gericht erklärte, bekam Mandela immer wieder Millionen Euro aus Quellen, die mal eher problematisch, mal ziemlich interessant sind. Da kamen demnach zehn Millionen Dollar von der indischen Regierung, zehn Millionen Dollar von Oprah Winfrey und zehn Millionen vom libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi. Über solche Gelder, so Ayob in seiner schriftlichen Aussage, habe Mandela "frei verfügt", sie gingen demnach in diverse Stiftungen, aber eben auch in Häuser für Mandela, seine Kinder und Enkel.

Im November 2003 prüfte die Beratungsfirma Deloitte Mandelas Finanzen, und äußerten unter anderem Zweifel an der Existenz des Trusts - auf dessen Konto damals rund zwei Millionen Dollar lagen. Handschriftlich notiert ein Deloitte-Mitarbeiter auf einem Kontoauszug: "Der Besitzer dieses Kontos ist Mr. N.R. Mandela. Es gibt keinen MAD-Trust als solchen, es wird nur der Name verwendet." Ismael Ayob bestreitet das.

Mandela wiederum schrieb damals an Ayob, das Geld sei dem ANC zuzurechnen. Auch dafür gibt es keine Belege. Die Deloitte-Prüfer setzen das Konto am Ende aber als Mandelas persönliches Konto an, und noch mehr: Sie empfehlen eine Selbstanzeige, als sie angeblich feststellen, dass die Erträge darauf in Südafrika nie versteuert wurden. Damals gewährte Südafrika eine Amnestie für reuige Steuerhinterzieher.

Mandelas Erben sagen: Die ganze Konstruktion passe nicht zu ihm

Der nächste Streit folgte nach Mandelas Tod Ende 2013. Als der Nachlass gesichtet wurde, tauchte der Mad Trust wieder auf, offenbar hatten selbst enge Vertraute nichts davon gewusst. Die Erben zogen vor Gericht und verlangten das Trustvermögen, das noch immer von Anwalt Ayob verwaltet wurde, damals etwa eine Million Euro. Sie argumentierten, der Trust sei nicht rechtmäßig aufgesetzt worden, folglich handele es sich bei dem Geld um Mandelas Privatvermögen. Dieser Ansicht schloss sich die Kanzlei Appleby an, die als eine Art Gutachterin fungierte. Appleby erklärte, der Trust sei fehlerhaft, weil bei der Gründung keine Begünstigten benannt worden seien. Die Erben machen zudem geltend, dass die ganze Konstruktion nicht zu Mandela passe. "Es würde mich sehr überraschen, wenn Mandela ein Offshore-Vermögen hätte anlegen lassen", sagt der Anwalt Michael Katz, der den Nachlass verwaltet. Es sei bezeichnend, heißt es außerdem, dass Ayob nichts belegen könne, weder dass er den Trust auf Bitten von Nelson Mandela errichtet habe, noch wo, wann oder wie Mandela die Anweisung gegeben hätte.

Im November 2015 entschied eine südafrikanische Richterin schließlich, das Geld aus dem Mad Trust gehöre zum Nachlass Mandelas. Ayob dürfe nicht darüber verfügen. Mandelas Nachlass stellt die Nachwelt noch immer vor Rätsel, etliche Millionen sollen fehlen.

Ein neues Rätsel ist nun durch Ismael Ayobs Aussage hinzugekommen: Wie viel Geld bekam Margot Honecker von dem Konto des mysteriösen Trusts auf der Isle of Man - wenn sie denn je etwas bekam, wenn sich Ismael Ayob die Geschichte nicht komplett ausgedacht hat. Auch das lässt sich nicht ausschließen, so lange es undokumentiert bleibt. Ayob sagt der SZ, es sei keine größere Summe gewesen, eher eine von symbolischer Bedeutung: "Es sollte ein gutes Gefühl vermitteln, das Gefühl nicht vergessen worden zu sein."

Margot Honecker kann die Frage nicht mehr beantworten. Sie ist im Mai 2016 in Santiago de Chile gestorben. Bei der Trauerfeier zierte eine DDR-Flagge ihren Sarg, und es wurde die Internationale gesungen. Ihre Tochter Sonja war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mitarbeit: Rob Rose

© SZ.de/bbr

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