Papst Franziskus Ein Mensch, was sonst

Seine Herkunft, seine Vergangenheit, seine Ordenszugehörigkeit: Niemand hatte Jorge Mario Bergoglio so recht auf dem Zettel. Doch das Verhältnis zum Papstamt ist nüchterner geworden - und das hat es Vorsichtigen wie Reformern leichter gemacht, für den ersten Kardinal aus Übersee zu stimmen. Für Franziskus, den Mann der Armen.

Von Andrea Bachstein und Matthias Drobinski, Rom, und Peter Burghardt, Buenos Aires

Um 19.07 Uhr ein kollektiver Schrei über dem Platz: weißer Rauch! Schon wieder also ein kurzes Konklave, kürzer, als die meisten Beobachter gedacht haben; im fünften Wahlgang schon haben sich die Kardinäle auf einen neuen Papst geeinigt, den 266. Nachfolger Petri.

"Habemus Papam" hallt es über den Petersplatz, und "Viva il Papa", wo schon seit Stunden Zehntausende dem Regen und der Kälte getrotzt haben - es ist der Tag der Schirme. Die Kurienkapelle spielt die italienische Nationalhymne. Die Leute singen mit. Der rote Vorhang bewegt sich. Es zeigt sich Kardinal Jean Louis Tauran auf der Loggia des Petersdoms und kündet den Wartenden auf dem Platz von großer Freude: "Annuntio vobis gaudium magnum - habemus papam!"

Und dann, um 20.10 Uhr, tritt er auf die Loggia. Der neue Papst: Franziskus. Schon der Name ist eine Sensation. Noch nie hat jemand gewagt, den Namen des Heiligen der Armen zu wählen, den Namen des Franz von Assisi. Jorge Mario Bergoglio, der Kardinal aus Argentinien, 76 Jahre alt, das ist die nächste Überraschung: Es ist ein Jesuit, wo es doch hieß, einer der eher liberalen Jesuiten würde nie Bischof von Rom werden. Und er ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt.

Argentinische Medien zur Papstwahl

Papa Argentino

Schon in den letzten Tagen vor dem Konklave war sein Name gehandelt worden: Bergoglio hatte mitreißend in der Kardinalsversammlung geredet und viele Mitbrüder begeistert. Den Vorsichtigen unter ihnen schien er alt genug, um die Kirche nicht völlig umkrempeln zu können. Den anderen aber, die sich etwas Neues wünschten, denen schien er ein Mann der Hoffnung zu sein: Der Nachkomme italienischer Auswanderer wohnt bescheiden in einer Wohnung statt im Bischofspalast, zur Arbeit fährt er auch mal mit dem Bus oder mit der U-Bahn. Er lebt und spricht mit den Armen seines Landes, und wo sich die Gelegenheit bietet, geißelt er Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Schwerwiegende Vorwürfe

1936 wurde der neue Papst als eines von fünf Kindern eines italienischen Einwanderers in Buenos Aires geboren, sein Vater arbeitete bei der Eisenbahn. Bergoglio trat in den Jesuitenorden ein. Er studierte Philosophie und Theologie am Colegio Máximo San José von San Miguel in Buenos Aires und wurde 1969 zum Priester geweiht. Das Institut leitete er später als Rektor, zwischendurch promo-vierte Bergoglio in Deutschland und führte den argentinischen Jesuitenorden. Die Armut am Stadtrand von Buenos Aires lernte er gut kennen. Papst Johannes Paul II. machte ihn 1992 zum Weihbischof und nach dem Tod des Kardinals Antonio Quarracino 1997 zum Erzbischof von Buenos Aires. 2001 wurde er Kardinal.

Ein makelloser Lebenslauf, wenn da nicht die Geschichte mit der Militärdiktatur gewesen wäre: 1976, es war die Zeit des täglichen politischen Mordens in Argentinien, verschwanden die beiden Jesuitenpatres Franz Jalics und Orlando Yorio. Als sie wieder freikamen, beschuldigten sie ihren Jesuitengeneral Bergoglio, er habe sie denunziert. Bergoglio bezeichnete dies als Verleumdung, tatsächlich fehlten die Beweise, ganz geklärt aber wurde die Sache nie. Vor acht Jahren scheint das noch gegen ihn gesprochen zu haben. Nun aber haben die Kardinäle entschieden, ihm zu glauben - und ihn zu wählen, schnell und eindeutig.

"Der Papst ist ein Mensch, was sonst?"

Franziskus - das ist ein Zeichen für die Kirche. Kann er, der antikapitalistische Gegner der Schwulenehe diese Kirche aus der Krise führen, aus Missbrauchsskandalen und Vatileaks-Affäre, aus der Modernisierungsfalle, in der sie steckt?

Was kann der Mann in Weiß bewirken, der nur wenig jünger ist als Benedikt vor acht Jahren, der selber kaum länger als zehn Jahre im Amt sein wird, dessen Kräfte vielleicht schon in vier, fünf Jahren schwinden werden? "Der Neue muss doch kein Superstar sein", sagt Kardinal Friedrich Wetter, der Münchner Alt-Erzbischof, von dem es heißt, er habe beim Vorkonklave lebhaft mitdiskutiert. "Der Papst ist ein Mensch, was sonst?", sagt er.

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Und wenn man solche Sätze hört, dann denkt man: Das war auch vielen Kardinälen recht so. Auch ihr Verhältnis zum Papstamt ist nüchterner geworden, und der Rücktritt Benedikts hat dazu sehr beige-tragen. Es muss kein Weltveränderer oder Weltdenker auf dem Thron Petri sitzen, kein Heiliger, vor dem die Welt, die katholische zumindest, auf die Knie sinkt. Das hat es ihnen vielleicht leichter gemacht, für den ersten Kardinal aus Übersee zu stimmen, den Mann der Armen.

"Morgen sehen wir uns wieder", sagt Papst Franziskus zum Schluss lächelnd. Er hebt an, auf Spanisch Gute Nacht zu wünschen, aber er korrigiert sich gerade noch zu "buona notte" und fügt hinzu: "Schlaft schön!"

Und der rote Samtvorhang schließt sich hinter ihm.

Die ausführliche Reportage lesen sie in der Donnerstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.