Anschlag in Nizza Das sind die Opfer von Nizza

Trauernde Menschen in Nizza.

(Foto: Getty Images)

Eine Mutter von sieben Kindern, ein Fußballtrainer, Vater und Sohn, die Geburtstag feierten: Nach und nach wird bekannt, wen der Attentäter in den Tod riss.

Von Barbara Vorsamer und Jens Schneider

Keine Bilder, keine Videos, keine Posts in den sozialen Netzwerken: Kurz nach dem Attentat in Nizza bat die französische Polizei darum, Respekt vor den Opfern zu zeigen und nichts ins Netz zu stellen. Das erste Bild ging zu dem Zeitpunkt bereits um die Welt. Es zeigt ein Kleinkind, das, von einer Decke bedeckt, mitten auf der Straße liegt, neben ihm eine Puppe.

Dutzende Menschen sind bei dem Anschlag auf der Strandpromenade in Nizza getötet worden. 50 Personen schweben noch in Lebensgefahr; mehrere Dutzend sind schwer verletzt. Unter den Todesopfern sind zehn Kinder und Jugendliche, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins, der die Ermittlungen leitet. Französische Zeitungen berichten, dass in der Nacht allein in das Kinderkrankenhaus Fondation Lenval 50 Kinder gebracht worden seien. Zwei von ihnen seien am Freitagmorgen während einer Operation verstorben. Noch immer würden sich viele Kinder in akuter Lebensgefahr befinden.

Der Attentäter hat genau das wohl beabsichtigt. Augenzeugen beschreiben, er sei "direkt auf ein Kinderkarussell zugefahren, deshalb gab es so viele verletzte Kinder. So viele ganz kleine Kinder." Das sagte eine junge Frau dem Bayerischen Rundfunk. "Wir dachten, jetzt ist es vorbei. Der Lkw ist mit einer enormen Geschwindigkeit die Straße entlanggefahren, ist über Menschen hinweggefahren und hat alles erfasst, was in seinem Weg war." Ein anderer Augenzeuge beschreibt, wie der Lastwagen seine Tochter gestreift habe. "Später habe ich dann Schüsse gehört. Ich weiß aber nicht, ob das alles stimmt, denn es war auch Feuerwerk. Er ist Zick-Zack gefahren, um möglichst viele Menschen zu erwischen."

Zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin mussten sterben

Auch Deutsche sind unter den Opfern. Das Bezirksamt von Berlin-Charlottenburg bestätigte auf seiner Internetseite den Tod von drei Teilnehmern einer Schulreise, darunter eine Lehrerin. "Wir sind zutiefst bestürzt über den Tod zweier Schülerinnen und einer Lehrerin des ersten Abitur-Jahrgangs der Paula-Fürst-Schule und trauern mit den Eltern, der gesamten Schule, Angehörigen und Freunden der Opfer", erklärte Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann. Die Berliner Senatsverwaltung hatte zuvor nur mitgeteilt, dass sich mehrere Schulklassen aus Berlin gerade in Nizza aufhielten. Einige Berliner Schulen gaben Entwarnung, ihre Reisegruppen seien in Sicherheit. Weitere deutsche Tote oder Verletzte konnte das Auswärtige Amt nicht ausschließen. Auch Innenminister Thomas de Maizière erklärte, die Regierung sei in großer Sorge.

Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Unsere Anteilnahme kann den Verlust so vieler Menschenleben nie aufheben. Und doch ist die Solidarität in solchen Stunden das Wertvollste, was wir haben: die Solidarität über Grenzen hinweg all derjenigen, die an die Freiheit und die Mitmenschlichkeit glauben und die sich dem blinden Fanatismus entgegenstellen, der uns beides nehmen will."

Auch Informationen über die anderen Opfer gelangen nur stückchenweise an die Öffentlichkeit. Einem Bericht der Regionalzeitung Le Bien Public zufolge soll der 60-jährige Robert M. zu den Toten gehören. Der Bürgermeister von Marcigny soll den Tod des 60-Jährigen bestätigt und erklärt haben, dass M. ein sehr engagierter Trainer des Leichtathletikvereins gewesen sei. Der Vizechef der Grenzpolizei aus Nizza, Jean-Marc L., soll einem anderen Medienbericht zufolge ebenfalls bei dem Attentat umgekommen sein.

Das amerikanische Außenministerium hat den Tod zweier US-Bürger bestätigt. Facebook-Posts zufolge soll es sich dabei um den 59-jährigen Texaner Sean C. und seinen elfjährigen Sohn Brodie handeln. Die beiden seien in Nizza gewesen, um einen Geburtstag zu feiern, schrieb eine Verwandte in dem sozialen Netzwerk.

Unter den Toten sind auch zwei Menschen aus Armenien, eine Person aus der Ukraine und eine 54-jährige Schweizerin. Das bestätigten die jeweiligen Ministerien ihrer Länder. Auch eine russische Studentin ist nach Angaben ihrer Moskauer Universität bei dem Attentat in Nizza gestorben, es soll sich um die 21-jährige Viktoria S. handeln. Nach Angaben des marokkanischen Konsulats in Marseille sind auch zwei Marokkaner unter den Opfern.

Und im Hintergrund glitzert das Meer

In Nizza beginnt am 14. Juli normalerweise die Hochsaison. Stattdessen suchen die Menschen in der gelähmten Stadt nach einem Ort, an dem sie ihre Blumen niederlegen können. Von Felix Hütten, Nizza mehr ...

Die iranische Journalistin Maryam Violet befand sich zufällig am Tatort, weil sie gerade in Nizza Urlaub machte. In mehreren internationalen Medien sprach sie davon, dass Muslime getötet worden seien: "Ich sah ihre Kopftücher, und sie sprachen Arabisch." Die Muslimin Fatima C. soll ihrem Sohn Hamza zufolge das erste Opfer des Attentäters gewesen sein. "Ich habe niemand anderen gesehen, der vor ihr erfasst worden ist", zitiert die französische Zeitung L'Express den 28-Jährigen. C. war demnach Mutter von sieben Kindern.

Angehörige suchen über soziale Netzwerke nach Vermissten

Trotz des Appells der französischen Polizei, sich mit Bildern und Videos zurückzuhalten, nutzten viele Menschen die sozialen Netzwerke, um mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen herauszufinden. Nur eine Stunde nach dem Anschlag wurden auf Twitter verschiedene Accounts zu diesem Zweck gegründet. Einer davon ist der Account @NiceFindPeople, der vom französisch-deutschen Kulturzentrum Nizza initiiert wurde. Innerhalb weniger Stunden posteten dort mehr als 170 Menschen Bilder von vermissten Freunden oder Angehörigen.

Hilfreich war das Internet für eine französische Familie, die in der Panik den Kinderwagen mit ihrem acht Monate alten Baby verloren hat. Verzweifelt veröffentlichte die Mutter kurz darauf ein Bild ihres Jungen auf Facebook und rief Zeugen zur Hilfe auf. Nur wenige Stunden später verkündete die Tante des Jungen im Netz, dass er gefunden worden sei. Eine junge Frau hatte den Kleinen im Chaos auf der Strandpromenade entdeckt und mit zu sich nach Hause genommen. Anschließend fand sie das Foto des Kindes im Internet und nahm Kontakt zu den Eltern auf.

Von dem Attentat kursieren eine Vielzahl von Handy-Videos im Netz, die meisten zeigen den fahrenden Lastwagen oder rennende Menschen. Von den Opfern gibt es nur wenige Bilder. Ein Grund dafür dürfte sein, dass fast alle Augenzeugen den Tatort rasch verlassen haben. Die Polizei - die wegen des Feuerwerks bereits am Ort war - sperrte das gesamte Gebiet schnell ab.