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NSU-Prozess:"Unser Mandant ist Nationalsozialist"

André E.

André E. ist bekennender Neonazi, was er auch durch zahlreiche Tattoos ausdrückt. So hat er auf seinem Bauch die Worte "Die, Jew, Die" (Stirb, Jude, Stirb) tätowiert. Er hat den ganzen Prozess über nicht geredet und ließ seinen Verteidiger im Plädoyer mitteilen: "Unser Mandant ist Nationalsozialist, der mit Haut und mit Haaren für seine politische Überzeugung steht." Zunächst sah es so aus, dass André E. nichts Schwerwiegendes nachzuweisen ist, obwohl er ein enges Verhältnis zu den NSU-Männern und Beate Zschäpe pflegte. Er war es auch, der Zschäpe nach dem Selbstmord ihrer Freunde bei der Flucht geholfen hat.

NSU Prozess

Der Angeklagte Andre E. sitzt im Gerichtssaal in München an seinem Platz neben seinem Anwalt Michael Kaiser.

(Foto: picture alliance / Peter Kneffel)

Dann aber forderte die Bundesanwaltschaft im Herbst 2017 überraschend zwölf Jahre Haft für ihn - die Ermittler halten es für erwiesen, dass E. in die Mordpläne des NSU eingeweiht war und das Wohnmobil anmietete, mit dem die NSU-Männer im Jahr 2000 zu einem Bombenanschlag nach Köln fuhren. Als eine Art Geständnis wertet die Anklage, dass André E. zu Hause quasi einen Altar mit den Bildern von Böhnhardt und Mundlos mit der germanischen Rune "Unvergessen" eingerichtet hat. Die Bundesanwaltschaft will ihn wegen Beihilfe zum versuchten Mord verurteilt sehen. André E. wurde wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen.

Seine Verteidigung sieht die Lage völlig anders und fordert Freispruch für ihn und die sofortige Aufhebung des Haftbefehls. Nur weil André E. überzeugter Nationalsozialist sei, könne man ihm nicht alles zutrauen. Zu der Zeit, als der NSU den Bombenanschlag in Köln verübte, für den er das Fahrzeug besorgt haben soll, sei er - mit damals 21 Jahren - noch keine ausgereifte Persönlichkeit gewesen. Er habe sein eigenes Leben geführt, ohne zu wissen, dass Mundlos und Böhnhardt durch das Land zogen und Menschen umbrachten.

Holger G.

Er ist der wichtigste Belastungszeuge gegen Beate Zschäpe. G. schilderte Zschäpe als durchsetzungsstark und dominant. Sie sei es gewesen, die sich um die Finanzen des Trios gekümmert habe. Der 44-Jährige hat früh gestanden, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach deren Untertauchen geholfen zu haben. Er hat ihnen einen Reisepass, einen Führerschein, eine Krankenkassenkarte und eine scharfe Waffe übergeben - die jedoch nicht für einen Mord genutzt wurde. Sonst stünde auch Holger G. wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht. Mit seinem Pass und seinem Führerschein mieteten die mutmaßlichen NSU-Terroristen Wohnmobile, mit denen sie zum Morden fuhren. Holger G. traf die Untergetauchten immer wieder. Von den Morden und Bomben will er nichts gewusst haben.

Fortsetzung NSU-Prozess

Holger G. (r), Mitangeklagter, und sein Anwalt Pajam Rokni-Yazdi sitzen im Oberlandesgericht München im NSU-Prozess.

(Foto: picture alliance / Tobias Hase/d)

Holger G. habe bloß seinen Freunden helfen wollen, sagten seine Verteidiger in ihrem Plädoyer. Dass seine Freunde Terroristen sein könnten, habe er niemals auch nur geahnt. Die Verteidiger bezweifelten zudem, dass der NSU nach dem letzten Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 noch eine Terrorvereinigung gewesen sei. Danach folgten noch Raubüberfälle.

Aus der terroristischen sei eine kriminelle Vereinigung geworden, meinen die Anwälte. Somit habe sich Holger G. nur der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung schuldig gemacht. Dann bliebe als strafbare Handlung nur übrig, dass Holger G. seinen Reisepass 2011 Böhnhardt überließ. Alles andere sei verjährt. Eine Freiheitsstrafe von weniger als zwei Jahren fordern die Verteidiger deshalb für Holger G.

Holger G. hat genau gewusst, dass seine Freunde bereit waren, ihre rechtsextremen Ziele mit Gewalt durchzusetzen, sagt hingegen die Bundesanwaltschaft. Die Ankläger haben eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren beantragt. Spätestens bei der Übergabe der Waffe müsse G. klar gewesen sein, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt auch vor Mord nicht zurückschreckten. Warum hat er ihnen trotzdem geholfen? Die Antwort der Bundesanwaltschaft: "Holger G. war die Freundschaft zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt immer wichtiger als das Leben von Ausländern."

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