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Plädoyers im NSU-Prozess:Angriff des Verschmähten

Fortsetzung NSU-Prozess

"Beate Zschäpe ist keine Terroristin", sagt ihr Verteidiger Wolfgang Heer. Links neben ihm sitzt seine Kollegin Anja Sturm.

(Foto: dpa)
  • Wolfgang Heer, einer der ersten Anwälte von Beate Zschäpe, hat sein Plädoyer gehalten.
  • Seine Mandantin sei keine Terroristin und keine Mörderin, sagte er.
  • Heer forderte zudem, Zschäpe sofort aus der U-Haft zu entlassen.

Beate Zschäpe war also an nichts beteiligt. Nicht an den zehn Morden, nicht an den 15 Raubüberfällen, auch nicht an den beiden Sprengstoffanschlägen in Köln, bei denen mehr als 20 Menschen verletzt wurden. "Frau Zschäpe hat keine Morde geplant. Sie hat keine Waffen beschafft. Sie hat an den Taten insgesamt nicht mitgewirkt. Sie war noch nicht einmal in der Nähe auch nur eines Tatortes und hat die Straftaten von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auch nicht vom Küchentisch aus gesteuert", hebt der Anwalt an, der sie von Anfang an vertritt. Und dieser Verteidiger, Wolfgang Heer, sagt gleich zu Beginn seines Plädoyers: "Beate Zschäpe ist keine Terroristin. Sie ist keine Mörderin und keine Attentäterin." So lautet seine Version. Und dann folgt auch schon seine Forderung: Zschäpe sei wegen aller angeklagten Staatsschutzdelikte freizusprechen und unverzüglich freizulassen.

Das Einzige, was Zschäpes Verteidiger gelten lässt: Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat ihren Unterschlupf in Zwickau angezündet. Aber auch das sei nur eine einfache und keine besonders schwere Brandstiftung. Auf die stehe im höchsten Fall zehn Jahre Haft. Und sechs Jahre und sieben Monate habe sie schon abgesessen. Kühl sagt Heer: "Dies ist alles, was von der Anklage des Generalbundesanwalts übrig bleibt." Zumindest aus Sicht der Verteidigung.

NSU-Prozess Verteidiger fordert sofortige Freilassung Zschäpes
NSU-Prozess

Verteidiger fordert sofortige Freilassung Zschäpes

"Beate Zschäpe ist keine Terroristin. Sie ist keine Mörderin und keine Attentäterin", erklärt Verteidiger Wolfgang Heer im NSU-Prozess. Schuldig habe sie sich nur wegen einfacher Brandstiftung gemacht.   Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Auf Zschäpes Laptop laufen Tierbilder in Dauerschleife: Pinguine und Koalabären

Am Dienstag hat der letzte Akt im seit fünf Jahren währenden NSU-Prozess begonnen: Die letzten Plädoyers stehen in dieser Woche an, die der Altverteidiger von Beate Zschäpe: Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm. Und sie gehen nicht nur die Ermittler scharf an, sondern auch den Senat. Bis zu dem Vorwurf: "Sie haben uns vorsätzlich hintergangen." Und die Verteidigung zudem insgesamt vorsätzlich geschwächt. Bis dahin, dass das Gericht Audioaufnahmen des Prozesses abgelehnt habe - unter dem Deckmantel, Zeugen nicht zu beeinflussen. In Wirklichkeit aber gehe es um etwas anderes: "Es ist eine Frage der Macht."

Beate Zschäpe hört aufmerksam zu, hin und wieder sieht sie verstohlen zu ihren alten Anwälten herüber. Denn sie hat sich vor drei Jahren mit ihnen zerstritten und ihr Vertrauen zwei neuen Anwälten geschenkt. Heer, Stahl und Sturm hatten ihr zum Schweigen geraten. Sie aber wollte reden. Seitdem würdigt sie ihre alten Verteidiger keines Blickes mehr. Sie hat den Kopf auf die Hände gestützt und blickt konzentriert gerade aus. Besucher, die von der Tribüne schauen, sind erstaunt. Auf ihrem Laptop laufen Tierbilder in Dauerschleife: Pinguine, Koalabären. Das beruhigt.

Mit allen miesen Tricks habe man die Angeklagte zum Reden bringen wollen, sagt der Anwalt

Zschäpe ist offensichtlich wichtiger, was ihre neuen Vertrauensanwälte Mathias Grasel und Hermann Borchert vor ein paar Wochen gesagt haben: dass sie aus Liebe ihren mörderischen Freunden in den Untergrund gefolgt sei, die Morde abgelehnt und immer erst im Nachhinein davon erfahren habe. Ihre neuen Anwälte sehen sie ebenfalls nicht als Mittäterin, und haben nicht mehr als zehn Jahre Haft für sie gefordert.

Warum reden dann Heer, Stahl und Sturm überhaupt noch? Die Antwort: Weil das Gericht sie nicht aus der Pflicht entlassen hat, Zschäpe zu verteidigen. Und weil die drei ihre Aufgabe ernst nehmen - auch wenn ihre Mandantin ihnen seit drei Jahren nur noch den Rücken zuwendet. Sie stellen Anträge, Fragen, sie sind jeden Tag dabei. Und in den Plädoyers von Heer, Stahl und Sturm geht es zwar in erster Linie um Zschäpe, aber es geht den Verteidigern auch um ihren eigenen Ruf. Dass sie sich nicht professionell verhalten oder nicht engagieren, das möchten sie sich nicht nachsagen lassen.

Mindestens drei Tage werden die drei Pflichtverteidiger sprechen, Stahl wird sich damit befassen, dass Zschäpe aus seiner Sicht keine Mittäterin von Mundlos und Böhnhardt war - denn so sieht das die Bundesanwaltschaft. Sturm wird versuchen, die drohende Sicherungsverwahrung abzuwenden. Dann haben die Angeklagten das letzte Wort. Und dann könnte - aber das wagt keiner einfach zu behaupten - das Urteil fallen.

Am Dienstag ist erst mal Heer dran. Und er macht das, was die neuen Verteidiger nicht konnten: Er geht noch einmal tief in die Beweisaufnahme, die die anderen Anwälte erst von dem 215. Tag an mitbekommen haben. Heer kritisiert, die Ermittler hätten Zschäpe immer wieder zu überrumpeln versucht - obwohl sie nicht reden wollte. Einmal wurden ihr Babymöhrchen angeboten, um ins Gespräch zu kommen, einmal wurde ihr eine Brille in die Haftanstalt gebracht, um mit ihr Small Talk halten zu können - in der Hoffnung, dass sie etwas preisgebe. Und besonders empört sich Heer über eine Fahrt von der Haftanstalt Köln nach Gera, wo Zschäpe im Jahr 2012 ihre Großmutter besuchen durfte. Da hatte ein hochrangiger Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) alle Kunst aufgewendet, um sie zum Reden zu bringen. "Rechtswidrige Ausforschung" sei das, mit den Tricks eines alten Hasen. Obwohl die Anwälte eigens an das BKA geschrieben hatten, dass Zschäpe nicht reden wolle. Aber man bearbeitete sie auf der Fahrt - acht Stunden lang. "Sie wurde gezielt gegen ihre Verteidiger aufgehetzt", kritisiert Heer. Der Kriminaldirektor, der damals Zschäpe begleitet hatte, war im Gericht sichtlich stolz auf seine Kunst gewesen.

Verteidiger Heer geht auch auf die Vorverurteilung ein, der Zschäpe ausgesetzt gewesen sei. So wurde sie als "Nazi-Braut", und "Teufel", der "sich schick gemacht" hat, sowie als "meistgehasste Frau Deutschlands" bezeichnet. Aber nicht nur die Presse habe Zschäpe vorverurteilt, sondern auch der damalige Generalbundesanwalt Harald Range und der ehemalige Präsident des BKA, Jörg Ziercke. Sie hätten früh erklärt, Zschäpe sei Mitglied der "Mörderbande NSU" gewesen. Der damalige BKA-Chef schuf 2011 den Begriff des "Zwickauer Mördertrios". Was die Behördenleiter vorgegeben hätten, sei dann von den Beamten zementiert worden - zu Lasten Zschäpes. Diese Ermittlungen seien dann in eine Maximal-Anklage eingeflossen. "Eine monströse Anklage", wie Heer findet.

Vier Jahre lang habe der Gutachter sie beobachtet, das sei "menschenunwürdig"

Die Bundesanwaltschaft sieht Zschäpe als Mittäterin bei allen Morden und Überfällen, weil sie ihren Männern die Tarnung geliefert habe. Sie fordert eine lebenslange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung. Ginge es nach ihr, käme Zschäpe erst als sehr alte Frau wieder frei. Auch der psychiatrische Sachverständige Henning Saß hatte Zschäpe als voll schuldfähig und als dominante Persönlichkeit bezeichnet. Vier Jahre lang hatte er sie beobachtet. "Menschenunwürdig" sei das gewesen, sagt Heer. Jedes Augenzwinkern der Angeklagten sei analysiert worden. Saß habe dann nur eine Art "Kaffeesatzleserei" geliefert.

Ungewöhnlich heftig wendet sich Heer gegen das Gericht. Es habe sich der Eindruck aufgedrängt, dass die Richter parteiisch seien. Der Senat habe die ursprünglichen Verteidiger nicht informiert, dass Zschäpe über ihren neuen Anwalt Borchert eine Aussage ankündigte. Das Gericht habe den Streit kalkuliert ausgenutzt und auch die neuen Verteidiger nicht ordnungsgemäß informiert. Weder die eine noch die andere Verteidigergruppe konnte so ordnungsgemäß verteidigen. "Sie haben uns absichtlich kaltgestellt", sagte Heer in Richtung Senat.

Harte Worte, die das Gericht vermutlich genauso kühl lassen werden wie alle Befangenheitsanträge und Gegenvorstellungen der Verteidigung in den fünf Jahren zuvor. Das Gericht thront auch an diesem Tag stoisch über dem Geschehen.

NSU-Prozess SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger zieht Bilanz

NSU-Bilanz

SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger zieht Bilanz

Mehr als fünf Jahre hat Annette Ramelsberger für die SZ den NSU-Prozess begleitet. "Der NSU ist nicht vorbei", sagt sie in einem ausführlichen Interview mit dem ARD-Magazin Panorama.