NS-Verbrechen in Italien:Ohrfeige für die deutschen Ermittler

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Der Kölner Historiker Carlo Gentile hat es verfasst, der renommierteste Kenner der Materie. Es ist eine Ohrfeige für die Ermittler. Diese hätten, schreibt Gentile, wichtige Dokumente und Zeugenaussagen "überhaupt nicht" berücksichtigt. Hätten "deutliche Fehler hinsichtlich der historischen Daten" begangen und bei ihrer Bewertung zu wenig "Rücksicht auf die Topografie und den zeitlichen Ablauf" der Gräueltaten genommen. Und vor allem: Das Verbrechen von Sant'Anna, so Gentile, dürfe nicht als "isoliertes Ereignis" betrachtet werden. Die SS-Division "Reichsführer SS" habe 1944 eine Blutspur durch Italien gezogen - angesichts der vielen anderen Gemetzel an Zivilisten spreche auch im Fall Sant'Anna alles für ein planvolles, kühl organisiertes Verbrechen.

Dass die SS zum Morden gekommen war, legt auch die Aussage von Ignaz L. nahe. In Schützenkette seien die Deutschen auf das Dorf vorgerückt, gab er 2004 zu Protokoll, er war als junger Grenadier dabei. Schon beim Aufstieg habe ein Unteroffizier zwei oder drei ältere Männer, keine Partisanen, mit Genickschüssen getötet. Ignaz L. ist 87 Jahre alt heute, er lebt in Baden-Württemberg, an ihm hängt das Stuttgarter Verfahren. Wenn er stirbt, würde es wohl zu lange dauern, an einem anderen Gerichtsort neu anzufangen. Ein Anruf bei ihm in Tauberbischofsheim. L. ist höflich am Telefon, er sagt aber nur, dass er "lieber nichts" sagt. Dann wünscht er ein schönes Wochenende.

Nächster Versuch, bei Gerhard S., er war Kompanieführer an jenem Augusttag in Sant'Anna. Es gibt da diese Szene aus der Doku "Todesengel", sie zeigt den weißhaarigen Mann beim Schneeschippen in seiner Einfahrt im wohlhabenden Hamburg-Volksdorf. Als die Filmemacher nach dem Massaker fragen, ruft er: "Ich weiß es nicht, ich bin nicht dabei gewesen." Und dass er sich keine Vorwürfe zu machen habe. "Für mich ist diese Zeit erledigt." Mehr als zehn Jahre ist das jetzt her.

Der weißhaarige Mann lebt heute noch, 800 Meter weiter, in einem Seniorenheim. Geziegelte Häuschen mit Spitzdächern und Balkonen, hinter Büschen versteckt. Betreten verboten für Fremde, für Journalisten sowieso. Vor Jahren soll die damalige Heimbeirätin vergeblich den Auszug von S. gefordert haben, vor der Anlage wurde gegen ihn demonstriert. Einer, der damals mitdemonstrierte, ist Peter Wilhelm Speckhahn. "Man sieht Herrn S. kaum noch in Volksdorf", sagt er, "es ist viele Monate her, dass ich ihm zuletzt über den Weg gelaufen bin. Er ging die letzten Male an einem Gehwagen."

Der Versuch, zumindest der Einrichtungsleiterin am Telefon Fragen zu stellen, endet nach wenigen Worten: "Guten Tag. Darf ich Sie kurz stören?" - "Das kommt darauf an", antwortet die Leiterin, worum es denn gehe? - "Um ihren Bewohner Gerhard S." Es tutet in der Leitung. Ohne ein weiteres Wort aufgelegt. Aber man weiß ja nie: Verbindung gestört? Ein zweiter Versuch, eine andere Dame hebt ab. Es dauert nicht lang, da tutet es wieder.

Auch Alfred Mathias C. hatte in einem Seniorenheim seine vorletzte Ruhe gefunden, in einem Haus im mittelsächsischen Freiberg. 2005, nach seiner Verurteilung in La Spezia, wurde die Ruhe gestört. Eine alternative Lokalzeitung verortete C. in Freiberg, kurz vor Weihnachten wurde eine Mahnwache vor dem Seniorenheim abgehalten. Eine Gruppe Rechtsextremer hielt gegen - die Polizei ging dazwischen, wenn auch spät.

Bei einer Vernehmung 2003 hat C. das Massaker von Sant'Anna als "große Schweinerei" bezeichnet. Er behauptete, er habe damals ein kleines Stück richtiges Leben im falschen geführt - und absichtlich vorbeigeschossen. Ihm hätten die Menschen leid getan. Später hat C. auch die Mahnwache eine Schweinerei genannt. Und ebenso, dass sich Rechtsextreme mit ihm solidarisieren. Ein Freiberger Pfarrer sagte, man solle ihn in Frieden sterben lassen. Die Staatsanwaltschaft hat ihn nicht mehr gestört: Im Herbst wurde C. die Einstellungsverfügung noch zugestellt - einen Monat später ist er gestorben.

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