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NS-Verbrechen in Italien:Spuren in deutsche Seniorenheime

Sie ermordeten 560 Menschen: Soldaten der SS töteten am 12. August 1944 die Bewohner des toskanischen Bergdorfs Sant'Anna di Stazzema. Bis heute ist dieses schreckliche deutsche Kriegsverbrechen ungesühnt. Doch die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die greisen Beschuldigten eingestellt.

Acht Männer sind übrig geblieben nach 69 Jahren, acht greise Beschuldigte in einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Karl-Heinz B. war der jüngste von ihnen damals, 17, SS-Grenadier. 2003 ist er vernommen worden zu jenem 12. August 1944, dem Tag, als deutsche Soldaten im Morgengrauen zum toskanischen Bergflecken Sant'Anna di Stazzema hinaufstiegen. Seine Gruppe habe eine Mulde abgesichert, berichtete B. laut Ermittlungsakten, dort seien etwa fünfzig Personen zusammengetrieben worden. Keine Partisanen, sondern Frauen, Kinder und Alte. Sie seien mit Maschinengewehren erschossen worden. Seine Gruppe habe nicht geschossen, sagte Grenadier B. Nur gesichert.

560 Zivilisten hat die 16. SS-Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" unter dem strahlend blauen Himmel von Sant'Anna ermordet, manche mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib angezündet. Der Weiler in der Nähe von Lucca sah eines der schrecklichsten deutschen Kriegsverbrechen in Italien. Bis heute ist es nicht gesühnt. Wahrscheinlich wird es auch nie gesühnt werden: Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen die acht Männer im Herbst eingestellt. Begründung: Keine Belege für eine "von vornherein geplante und befohlene Vernichtungsaktion" gegen Zivilisten. Die Beteiligung an einem zufälligen, sozusagen spontanen Massaker gilt juristisch als Totschlag - und der ist im Gegensatz zu Mord verjährt.

2005 hat ein Militärgericht in La Spezia zehn Täter zu lebenslanger Haft verurteilt - in Abwesenheit, die Bundesrepublik liefert sie nicht aus. Gegen vier von ihnen wurde auch in Stuttgart ermittelt. Die Italiener halten die Entscheidung der Staatsanwaltschaft deshalb für beschämend. Aber was halten die Beschuldigten davon?

Karl-Heinz B. soll in Bad Bergzabern leben, einer Weinstadt in der Pfalz. Der Gärtner sagt, er kenne keinen Mann namens B. Seine Vermieterin sagt, er sei schon vor vier Jahren ausgezogen. Das Meldeamt sagt: nach Karlsruhe. Dort öffnet eine junge Frau die Tür: Karl-Heinz B.? Das könnte der Name gewesen sein, den sie vom Klingelschild kratzte. Die Vermieterin sagt: B.'s Sohn wohne gleich um die Ecke. Die Schwiegertochter ist zu Hause und sehr freundlich. Sie wisse von nichts, sagt sie, sie wisse nur: Karl-Heinz B. ist vor etwa einem Jahr gestorben.

Kritiker werfen der Staatsanwaltschaft Stuttgart Mangel an Sorgfalt und Engagement in Sachen Sant'Anna vor. Dass sie offenbar gegen einen Toten ermittelt hat, dürfte das Misstrauen nicht entkräften.

Kürzlich reiste Bundespräsident Joachim Gauck nach Sant'Anna. Eine Rede, ein Kranz, eine Umarmung mit dem italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano: eine Geste, immerhin. Gauck sagte: "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats dieses nun einmal nicht zulassen."

Oder reichen die Mittel des Rechtsstaats am Ende doch? Der Opferverband von Sant'Anna hat bei der Stuttgarter Generalstaatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt gegen die Einstellung des Verfahrens. Und ein neues Gutachten, auf das die Beschwerde gründet, könnte nun die Argumentation der Staatsanwälte erschüttern.