NS-Kriegsverbrecher Walter Rauff:Vom Gas-Mörder zum mittelständischen Unternehmer

Simon Wiesenthal, 1973

Der Nazijäger Simon Wiesenthal 1973 mit Bildern von Walter Rauff und von einem Vergasungswagen.

(Foto: AP)

Walter Rauff ist der Erfinder der mobilen Vergasungswagen, in denen schon vor dem Bau der KZ Tausende Juden ermordetet wurden. Nach dem Krieg wurde Rauff Mitarbeiter des BND.

Willi Winkler

Gegen Ende seines Lebens war er so berühmt, dass ihn Reisende wie ein Wundertier anschauen kamen. 1975 bestaunte der britische Schriftsteller Bruce Chatwin den Geschäftsmann, der sich am äußersten Ende der bewohnten Welt niedergelassen hatte, aber von den Wäldern daheim träumte und deren fröhlichen Lieder summte.

Als Fischverwerter hatte er es in Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, zu bescheidenem Wohlstand gebracht. "Überall um ihn herum sind scharlachrote Krebse, die erst zappeln und dann dampfen. Er hört, wie ihre Schalen aufplatzen und die Zangen zerbrechen, sieht, wie das süße Fleisch in Aluminiumdosen fest verpackt wird."

Chatwin kann gar nicht anders, als an die "früheren Erfahrungen im Produktionsprozess" zu denken, die der Unternehmer doch gewiss gemacht hat. Gut dreißig Jahre vorher hatte der Mann schon einmal sehr erfolgreich gewirkt. Mit nur drei eingesetzten Wagen, so lautet der stolze Aktenvermerk, seien "97.000 verarbeitet" worden, "ohne", und das scheint unserem Technokraten besonders wichtig zu sein, "ohne daß Mängel an den Fahrzeugen auftraten".

Walter Rauff, der 1984 im gesegneten Alter von 77 Jahren einem Krebsleiden erlag, gilt als Erfinder der mobilen Vergasungswagen, und die 97.000, die er so rationell zu "verarbeiten" verstand, das waren Juden. Rauff war von der Ausbildung her ein Marineoffizier, er wurde Kapitän, aber wegen einer Frauensache entlassen.

Die SS und das Reichssicherheitshauptquartier nahmen sich seiner an. So kam er noch weiter in der Welt herum, half Polen erobern und Russland und feierte Triumphe in Nordafrika. Im Gefolge des gern als Widerstandsheld gefeierten "Wüstenfuchses" Erwin Rommel zog auch der SS-Standartenführer Rauff mit und bereitete sich darauf vor, mit seiner technischen Fertigkeit nun auch noch die Juden in Palästina zu ermorden.

Nach dem Krieg entkam er aus Italien, wo er sich bei der Partisanenbekämpfung noch letzte Lorbeeren erworben hatte, nach Syrien, wo er einem weiteren Gewaltherrscher mit seiner Expertise dienen konnte. Nach einem Militärputsch wanderte er schließlich über Italien (und vermutlich mit Hilfe der alleinseligmachenden Kirche) nach Südamerika aus, wo er sich als Geschäftsmann niederließ.

Seit dem gestrigen Sonntag ist ein weiteres Kapitel in der arbeitsreichen Lebensgeschichte Rauffs bekannt. Im Jahr 1958 wurde er nämlich als z-Agent, als freier Mitarbeiter, für den Bundesnachrichtendienst (BND) angeworben, der ihn unter der bürokratischen Tarnbezeichnung V-7410 und mit dem spanischen Decknamen "Enrico Gomez" führte und ihm eine monatliche Pauschale von 2000 Mark zahlte.

Ganz neu ist die Enthüllung allerdings nicht; Jens Banach berichtete von Rauffs BND-Zuarbeit bereits 1996 in seiner Hamburger Dissertation über "Heydrichs Elite" und wusste auch schon, dass Rauff bereits 1962 wieder abgeschaltet worden war.

BND half bei Anwaltskosten

Neu ist, dass der BND derartig peinliche Unterlagen weitgehend ungeschwärzt freigibt. Neu, wenn auch nicht überraschend ist der Name des Mannes, der Rauff anwarb. Es handelt sich um den SS-Kameraden Wilhelm Beissner, Tarnname "Bertram", der seine eigenen Erfahrungen mit der Ausrottung von "Reichsfeinden" gemacht hatte, inzwischen als Waffenhändler tätig war und unter anderem die algerische Befreiungsbewegung FLN mit Material belieferte.

Agent V-7410 sollte den Aktionsradius des BND erweitern helfen, seine landeskundlichen Kenntnisse zum Besten der noch jungen Bundesrepublik einsetzen und Wichtiges oder auch nur Verdächtiges nach München melden. Der BND versorgte seinen Agenten tapfer mit dem notwendigen technischen Gerät.

Um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, wurde er wenigstens zwei Mal zur Fortbildung nach Deutschland geholt. Als ihm wegen seiner Vorgeschichte doch Konsequenzen drohten, half der BND auch noch ein wenig bei den Anwaltskosten.

Beim BND, heißt es in einem Vermerk von 1984, "wusste man von Anfang an, mit wem man es zu tun hatte, da RAUFF aus seiner Vergangenheit nirgends ein Hehl machte".

Das ehrgeizigste Unternehmen, eine Reise nach Kuba, wo Rauff ein halbes Jahr vor der dann peinlich gescheiterten CIA-Invasion in der Schweinebucht recherchieren sollte, wie weit sich Fidel Castro schon vom Westen entfernt hatte, misslang allerdings; Rauff erhielt so wenig ein Visum wie Enrico Gomez. Weil seine Erkenntnisse dann doch zu bescheiden waren, wurde dem freien Mitarbeiter erst die Pauschale gekürzt, dann ganz gestrichen.

Chance zur Auflärung über das braune Wurzelgeflecht

Was seinerzeit vielleicht nicht Recht, aber doch BND-Politik war, ist für Bodo Hechelhammer, den Leiter der Forschungs- und Arbeitsgruppe Geschichte des BND aus heutiger Sicht "politisch-moralisch nicht nachvollziehbar".

Die Beschäftigungspolitik des BND ist natürlich schrecklich peinlich, diese fragmentarische Freigabe von Akten könnte aber tatsächlich der erste Schritt sein, in dem der BND nicht nur über sich, sondern über das braune Wurzelgeflecht aufklärt, das in der Bundesrepublik fortbestand und nicht wenige Täter schützte.

Im Sommer 1960, wenige Wochen, nachdem Adolf Eichmann in Argentinien gefasst und nach Israel gebracht worden war, hielt sich Rauff mehrere Wochen in München auf, wo der französische Geheimdienst dann im Oktober einen Bombenanschlag auf den BND-Mann Beissner unternahm. Aus politischen und sonstigen Rücksichten verbat sich eine nähere Untersuchung.

Trotz Haftbefehls bleibt Rauff unbehelligt

Trotz eines seit 1961 bestehenden deutschen Haftbefehls blieb der Massenmörder Rauff unbehelligt. 1962 wurde Rauff für mehrere Monate in Haft genommen, dann aber doch wieder freigelassen. Die chilenische Regierung lehnte eine Auslieferung ab, denn schließlich habe sich der Bürger Rauff in Chile nicht strafbar gemacht.

Seine früheren Taten waren nicht bloß bekannt, Rauff leugnete sie nicht einmal. In einer Vernehmung, die 1972 in der deutschen Botschaft in Santiago stattfand, wusste er nicht nur Reinhard Heydrich als "liebenswürdigen und charmanten Gastgeber" zu loben, sondern bekannte ganz offen: "Von den Maßnahmen gegen die Juden in Russland habe ich von Anfang an Kenntnis gehabt."

Simon Wiesenthal appellierte an den Staatspräsidenten Salvador Allende, der ihm leise Hoffnung auf eine Auslieferung Rauffs machte, doch der Putsch von 1973 vereitelte alles.

Verschiedene Autoren, darunter auch der Wiesenthal-Biograph Tom Segev, halten es für möglich, dass Rauff auch deswegen unbehelligt blieb, weil er 1948/49 nicht bloß für Syrien, sondern auch für den israelischen Geheimdienst tätig gewesen sein soll. Das allerdings überstiege fast alle Vorstellungskraft, dass der Erfinder der mobilen Gaswagen mit denen zusammengearbeitet hätte, die er noch kurz zuvor möglichst effizient umbringen wollte.

Einen "tüchtigen Mann" nannte der Reisende Chatwin den zum mittelständischen Unternehmertum konvertierten Gas-Mörder in seiner Fischfabrik, in der es nach Meer riecht. "Erinnert er sich an jenen anderen Geruch, den Geruch von Verbranntem?" Das ist natürlich ein eher emotionales Argument, praxisfern, und spielte deshalb für den BND und seine Rekrutierungspolitik auch keine Rolle.

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