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Debatte zu NRW-Vorschlag:Früher Weihnachtsferien wegen Corona?

Coronavirus - Leben in Dortmund Dortmund, Deutschland 06.11.2020 - Coronavirus - Leben in Dortmund: Ein Schüler geht mi

Vor einer Schule in Dortmund: Nach dem Vorstoß von Armin Laschet debattiert NRW über frühere Schul-Weihnachtsferien.

(Foto: Kirchner-Media/imago images)

Die Weihnachtsferien sollen in Nordrhein-Westfalen zwei Tage früher beginnen. Der Vorstoß von Armin Laschet ist gut gemeint - trotzdem erntet die Idee viel Kritik.

Von Susanne Klein

Nordrhein-Westfalen will Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr zwei Tage früher als sonst in die Weihnachtsferien schicken. Ist das eine gute Idee? Womöglich sogar eine gute Idee für weitere Bundesländer?

Eine am Donnerstag veröffentlichte repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You Gov spricht dafür: Immerhin 63 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass die Weihnachtsferien in diesem besonderen Jahr bundesweit einheitlich bereits am 21. Dezember beginnen sollten, damit Schüler vor dem Familienfest eine längere Quarantäne-Zeit einhalten können.

Die Eingebung stammt vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU). Er sprach sich für den Fall, dass Corona auch im Dezember noch auf hohem Niveau grassiert, am Dienstag dafür aus, "Familien mit mehreren Generationen ein unbeschwerteres Weihnachtsfest zu ermöglichen". Sein Gedanke: Die Menschen sollen einige Tage vor Weihnachten ihre Kontakte beschränken können, damit sie sich bei Familienfeiern nicht gegenseitig anstecken. Gut gemeint, darf man annehmen. Doch die Idee provoziert vor allem Sorgen und Proteste - und in den meisten Bundesländern Schulterzucken.

"Hiobsbotschaft" für Alleinerziehende

In NRW, dem mit 2,5 Millionen Schülern schülerreichsten aller Bundesländer, kritisiert der Verband alleinerziehender Mütter und Väter das Vorhaben als "Hiobsbotschaft" für Alleinerziehende. Wenn es bei dem Beschluss bleibt, wäre der letzte Schultag dort Freitag, 18. Dezember - statt Dienstag, 22. Dezember. Berufstätige Eltern müssten zwei Werktage überbrücken. Wegen des häufigen Homeschoolings seit dem Frühjahr haben jedoch viele Mütter und Väter ihre Urlaubstage aufgebraucht.

"Aus Sicht der Familien kann die Maßnahme nur dann sinnvoll sein, wenn die Betreuung der Kinder gesichert ist und wenn sie wirklich die Zeit als vorgezogene Quarantäne nutzen, um zum Weihnachtsfest möglichst infektionsfrei zu sein", gab die Erziehungsgewerkschaft GEW deshalb am Donnerstag in NRW zu bedenken. Auch SPD und Grüne wollen die umstrittene Entscheidung der Landesregierung problematisieren. Dafür haben sie an diesem Freitag kurzfristig eine Aktuelle Stunde zur Schulpolitik in der Corona-Krise im Düsseldorfer Landtag beantragt. Dort soll sich Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) den offenen Fragen stellen.

Gebauer wird ausarbeiten müssen, was ihr Chef Armin Laschet in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger mal eben skizziert hat. Bei dessen Idee einer "Vorquarantäne" sei wichtig zu besprechen, sagte die Ministerin am Donnerstag, "wie wir eine Notbetreuung für Kinder und Jugendliche an diesen beiden Tagen sicherstellen können für Eltern aus systemrelevanten Berufen". Das klingt wie ein Echo aus der ersten Welle, als das Virus die Politik hinterrücks überraschte, woraufhin sie den kompletten Shutdown der Schulen verordnete. Außerdem versprach Gebauer zu überlegen, "wie der Ausfall fachlich kompensiert werden kann - besonders für diejenigen, die im kommenden Jahr ihre Abschlüsse machen".

Das dürfte sich vor allem auf Gymnasien beziehen. Auch der nordrhein-westfälische Philologenverband erinnert daran, dass Oberstufenschüler vor Weihnachten noch ihre Klausuren schreiben müssen und es im Corona-Schuljahr "kaum eine Verschiebemöglichkeit" gebe. Deshalb sei der Vorschlag "nicht dienlich".

Spahn honoriert die Idee

Doch nicht überall in der Republik weht ein harter Wind gegen Armin Laschets Idee. CDU-Parteikollege Jens Spahn honoriert sie als "pragmatischen Ansatz, den man diskutieren, den man machen kann". Für Eltern, Kinder und Lehrer sei Planbarkeit wichtig. "Das wäre mit so einer Maßnahme gegeben" - und könne auch Teil der Debatte sein, wenn die Länderchefs und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am kommenden Montag über die weiteren Schritte zur Pandemiebekämpfung beraten. Der Bundesgesundheitsminister mahnt generell zur Vorsicht: Selbst wenn die Infektionszahlen in Kürze zurückgehen sollten, heiße das nicht, Weihnachten zu feiern, als wäre nichts gewesen. Die Lage verlange Geduld, so Spahn, und findet für ebendiese Lage ein Sprachbild, das dem Verkehrsministerium entlehnt sein könnte: "Dieses Virus hat sehr lange Bremsspuren."

Auch aus Baden-Württemberg kommt Zuspruch. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) lobte am Donnerstag den Plan als "kluges Vorgehen, für das vieles spricht". Zugleich will sie den Schulen nichts vorschreiben und zieht sich damit in sichere Gefilde zurück: "Eine solche Maßnahme von oben verordnet könnte organisatorische Fragen auslösen und zahlreiche Eltern vor Betreuungsprobleme stellen", sagte sie. Schulen, die zwei Tage früher in die Weihnachtsferien starten wollten, könnten dafür mit Einverständnis des Elternbeirats bewegliche Ferientage einsetzen, "auch dafür kann es gute Gründe geben", so Eisenmann.

Andere Bundesländer dagegen wollen sich dem Vorgehen in Nordrhein-Westfalen lieber erst gar nicht anschließen. Niedersachsen erinnert daran, dass zwischen dem 18. Dezember und Heiligabend nur fünf Tage liegen - weniger, als nach aktuellem Wissensstand die Inkubationszeit beträgt. Ein Rüffel für Laschets Rechenkünste? "Die Botschaft von Scheinsicherheit zu senden, das können wir so nicht verantworten", lässt das SPD-regierte Bildungsministerium jedenfalls wissen. Sachsen wiederum betont die Rücksicht auf die Eltern. "Wir haben dann ein veritables Betreuungsproblem", sagt Kultusminister Christian Piwarz (CDU), der sich für zwei Tage mehr Ferien offenbar nicht zu aufwendigen Notprogrammen durchringen will.

Auch die SPD-geführte Senatsverwaltung für Bildung in Berlin lehnt die Idee ab. Allerdings stellt sich die Frage dort auch anders. In der Hauptstadt ist der 18. Dezember ohnehin der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Das Gleiche gilt für acht weitere Bundesländer.

© SZ/lwei
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