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Niederlande:"Wütende junge Männer, wie in den Sechzigerjahren"

Coronavirus - Krawalle in Rotterdam

Beschädigtes Restaurant in Rotterdam: Folge der Ausschreitungen in den Niederlanden.

(Foto: Peter Dejong/dpa)

Die Soziologin Jacquelien van Stekelenburg erklärt, warum Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in nächtelange schwere Krawalle ausarteten.

Interview von Thomas Kirchner

Die Niederlande wurden vor einigen Tagen von Gewaltexzessen erschüttert. Nachdem die Regierung eine nächtliche Ausgangssperre verfügt hatte wegen der noch immer hohen Infektionszahlen, kam es drei Nächte in Folge in mehr als einem Dutzend Städten im ganzen Land zu Randale, Plünderungen und Angriffen auf die Polizei. Jacquelien van Stekelenburg, Soziologin an der Freien Universität Amsterdam, erklärt den Hintergrund.

SZ: Wer macht mit bei den Protesten, wer bei den Ausschreitungen?

Jacquelien van Stekelenburg: Man muss den Kontext sehen. Es gab schon sehr viele Proteste gegen Corona-Maßnahmen hier, allein in Amsterdam waren es 128 zwischen Mai und November, und immer wieder eskalierten manche. Vor allem in den vergangenen Wochen waren auch einige verboten worden. Trotzdem kamen immer wieder Demonstranten zusammen. Eine sehr bunte Mischung. Hipster, Treehugger, Lehrer, Ladenbesitzer, aber auch Hooligans. Letztlich haben die Randalierer dann die eher friedlichen Demonstranten als Schild gegen die Polizei benutzt.

Aber warum geriet das gerade jetzt außer Kontrolle?

Schwer zu sagen. Es kam jedenfalls nicht völlig unerwartet. Die Corona-Maßnahmen wurden kontinuierlich verschärft in den Niederlanden, es gibt eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Und auch Krawalle gab es schon: im vergangenen Sommer, später wegen des Feuerwerksverbots, sowie in kleineren Orten wie Urk.

Warum waren so viele junge Menschen dabei, und aus welchen Schichten kommen sie?

Es ist eine ziemlich diverse Gruppe, und sie ist nicht nur aus der Unterschicht. Grundsätzlich gilt: Krawallmacher sind wütende junge Männer, wie schon in den Sechzigerjahren. Sie sind ungebunden, ohne Pflichten. Wobei offensichtlich an den Abenden überwiegend die ganz Jungen, eher Schüler, auf der Straße waren.

Was ist von der Aussage des rechten, islamkritischen Politikers Geert Wilders zu halten, es seien vor allem Migranten beteiligt gewesen?

Das kann ich nicht beurteilen. Damit wird jetzt natürlich Politik gemacht, schließlich sind bald Wahlen. Aber dass es auch in Kleinstädten auf dem Land zu Randale kam, spricht eher gegen die These.

Es gibt in den Niederlanden, wie überall, einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft, der sich völlig abgewendet hat von den traditionellen Parteien und auch von den Medien. Sind das auch jene, die überwiegend an solchen Protesten teilnehmen?

Noch mal: Das Spektrum der Teilnehmer ist recht groß. Und ja, diese Gruppe ist auch dabei, Menschen, die sich gegen den Staat wenden, Akademikern, Medien und Politikern misstrauen, Verschwörungsmythen und Fake News glauben.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Sie haben das kollektive Handeln verändert. Früher waren Demonstrationen ziemlich klar organisiert, mit sozialen Bewegungen, die ihre Anhänger mobilisierten, das Thema vorgaben, Banner erstellten, und so weiter. Die Polizei hatte Ansprechpartner. Heute kann jeder Organisator sein. Die Teilnehmer werden über dezentrale Netzwerke mobilisiert, und jeder hat seine eigene Agenda im Kopf. Siehe etwa die Gelbwesten. Es sind jeweils sehr heterogene Massen. Die Demos sind viel loser organisiert, deshalb ist es auch schwerer, mit den Verantwortlichen Vereinbarungen zu treffen.

Ein weiterer Punkt: Über die sozialen Medien können sehr viele Menschen sehr schnell und ohne Kosten emotional angesprochen und auch aufgewiegelt werden, etwa mit Videos. Man weiß auch, dass sich Gleichgesinnte auf den Weg machen, so bekommt das viel mehr Wucht.

Wie wird das weitergehen?

Es ist jetzt seit Tagen recht ruhig, nur einmal wurde wieder demonstriert und es gab Festnahmen. Die Erfahrung lehrt eigentlich, dass man die Menschen nicht auf Dauer so stark mobilisieren kann.

© SZ/bepe
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