SZ Europa Die EU entwickelt Muskeln

Theresa May auf Brexit-Mission am Donnerstag in Brüssel.

(Foto: AFP)

Brexit, Xi in Italien, Suspendierung der Fidesz: Der Blick auf die vergangene Woche zeigt, welche Kräfte auf diesem Kontinent wirken.

Europakolumne von Stefan Kornelius

Nichts ist dümmlicher als die Forderung, dass man nun dringend mehr Europa benötige, oder auch das Gegenteil: dass es nun höchste Zeit sei für weniger Europa. Mehr oder weniger Europa - das kann sich niemand mehr aussuchen. Europa ist in all seiner politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Macht ganz einfach eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich lieben es die Populisten, dieses Europa kleinzureden und seine Bürger in das Schneckenhaus der Nationalstaaten einzusperren. Auf der anderen Seite schwärmen die Fantasten vom europäischen Bundesstaat und der großen Gleichheit von Syrakus bis Inari. Beide Lager tun so, als ließe sich Europa über Nacht neu erfinden, als lebte man in einem bösen Spuk, der plötzlich verfliegen und den Weg frei machen könnte für eine gewaltige Fantasie.

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Das ist natürlich Unfug. Der Blick auf die vergangene europäische Woche zeigt, welche Kräfte auf diesem Kontinent wirken, wie Bürger, Institutionen, Parteien, Volkswirtschaften und das Schicksal ganzer Staaten untrennbar miteinander verwoben sind. Wofür eigentlich steht die Europäische Volkspartei, der Zusammenschluss der christlich-konservativen Parteien? Welche enorme erzieherische Wirkung hat dieser Parteienverbund auf den Populisten Viktor Orbán, der wiederum einzig und allein an seinem ökonomischen Überleben und die Anbindung Ungarns an diese Wunderwaffe Binnenmarkt interessiert ist? Oder Großbritannien, dieser dramatische Selbstfindungsprozess eines zutiefst irritierten Landes: Europa ist der Maßstab, ob es die Brexiteers wahrhaben wollen oder nicht. Der chinesische Präsident: Xi Jinping wirft seine Angelrute aus - und die italienische Regierung beißt an. Der erste G-7-Staat, der sich der chinesischen Wirtschaftsordnung qua Vertrag unterordnen will - wenn da nicht Europa wäre. Die EU zwingt Italien zur Einsicht. Europäische Regeln und chinesische Seidenstraßen-Gesetze harmonieren nun einmal nicht. Und siehe da: Italien und selbst China fügen sich. Europa entwickelt Muskeln.

Die Liste geht weiter: 5G in Deutschland, Google im Kartellverfahren, der bosnische Serbenführer vor Gericht - ohne Europa wäre alles nichts, mit Europa wächst die Bedeutung. Der Zusammenschluss von 28 Staaten zu einer Rechts- und Wertegemeinschaft ist ein unleugbarer Machtfaktor auf der Welt geworden, dessen Relevanz zunimmt, je länger Donald Trump in Washington oder Wladimir Putin in Moskau regieren.

Bis zum Wahltag in etwa neun Wochen (und natürlich darüber hinaus) wird dieses Europa den größten Test seines gut 60-jährigen Daseins durchlaufen. Die Europawahl wird zur Reifeprüfung für einen Kontinent, der die Idee der freiheitlichen Demokratie und des Multilateralismus retten will. Das friedfertige Zusammenspiel von Staaten, ein kluges Geben und Nehmen, das Geschäft zum Vorteil aller - das ist die Erfolgskonstruktion der EU, die wie nie zuvor in ihrer Geschichte von ihren Gegnern getestet werden wird.

Deshalb wird die SZ diese Europawahl in großer Intensität begleiten und einmal pro Woche die wichtigsten Europa-Themen in einem Newsletter bündeln. Deswegen werden wir in der gedruckten Zeitung, auf SZ.de und in der digitalen SZ, in Podcasts, Videos und multimedialen Erzählungen über den Wahlkampf, die großen Streitthemen des Augenblicks und die Ideen für die Zukunft berichten. Hier können Sie sich für SZ Europa anmelden: