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Netzwerk Wissenschaftsfreiheit:Austeilen und Einstecken

Ab 2016 geht es dem Uni-Nachwuchs besser

Wie steht es um die Freiheit von Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen? Nicht gut, finden die Mitglieder des "Netzwerks Wissenschaftsfreiheit".

(Foto: Fabian Stratenschulte/dpa)

70 kluge Köpfe gründen das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit", um Forschung und Lehre gegen ideologische Einschränkungen zu verteidigen. Ist das nötig?

Von Jan-Martin Wiarda

Es war das wissenschaftspolitische Thema der vergangenen Woche. Rund 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zumeist deutscher Hochschulen haben das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet. Sie wollen die Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen verteidigen, für die sie politisierte Studierende und Kollegen verantwortlich machen. Diese "Agenda-Wissenschaftler", erläuterte die Migrationsforscherin und Netzwerk-Sprecherin Sandra Kostner in der Zeit, kennzeichne "ein absoluter Wahrheitsanspruch. Kritik begegnen sie nicht mit Argumenten, sondern mit moralischer Diskreditierung, sozialer Ausgrenzung und institutioneller Bestrafung."

Bedroht werde die Wissenschaftsfreiheit auch durch den hohen Anteil befristeter Arbeitsverträge und durch eine Wissenschaftspolitik, die dem Leitbild einer "unternehmerischen Universität" mit einer Überhöhung von Leistungsindikatoren und Drittmitteln folge. Folgt man der Argumentation der 70, führt die übertriebene Political Correctness also zu einer Cancel Culture und, in Verbindung mit der Ökonomisierung der Wissenschaft, zu einem zunehmenden Konformitätsdruck und einer Selbstzensur der Wissenschaft.

In sich ist das stimmig argumentiert. Doch bei genauerem Hinschauen tauchen viele Fragezeichen auf. Warum etwa gibt die Mehrheit der Gründungsmitglieder laut dem Historiker und Mitinitiator Andreas Rödder an, sie selbst hätten noch "keine negativen Erfahrungen" gemacht? Warum sind die als Beleg für die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit angeführten Beispiele meist genau die paar wenigen, die seit Jahren durch die Öffentlichkeit geistern? Die Studierendenproteste gegen einen Auftritt Thilo Sarrazins an der Uni Siegen zum Beispiel - der dann doch stattfand. Oder die Aufregung um eine angeblich islamfeindliche Konferenz über das Kopftuch an der Goethe-Uni in Frankfurt - die ebenfalls stattfand. Oder der moralische Druck, das Gendersternchen einzusetzen.

Klar ist: Einige der Mitglieder stehen tatsächlich unter Druck

Wenn der akademische Diskurs bereits so eingeschränkt ist wie behauptet, wenn die offene Rede so viel Mut erfordert - warum dann findet die Nachricht von der Netzwerk-Gründung so viel Beachtung in der Mainstream-Presse wie kaum ein wissenschaftspolitisches Ereignis der vergangenen Monate? Und warum kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, das Ökonomisierungs- und Befristungsthema werde vom neuen Netzwerk vor allem deshalb mit auf die Agenda gesetzt, um die (bürgerliche) Cancel-Culture-Debatte für ein breiteres akademisches Publikum anschlussfähig zu machen?

Klar ist: Es gab und gibt sie, Fälle inakzeptabler Hörsaalbesetzungen, des Niederschreiens unliebsamer Vortragender und der digitalen Verleumdung Andersdenkender. Und einige der Netzwerk-Mitglieder sehen sich in ihrem Wirken tatsächlich unter Druck. Der Historiker Jörg Baberowski etwa von der Humboldt-Universität (HU) in Berlin, der sich seit Jahren der harten Kritik linker Studierendengruppen ausgesetzt sieht, unter anderem nachdem er im Zusammenhang mit Merkels Flüchtlingspolitik vom "Gerede von der Willkommenskultur" sprach. HU-Präsidentin Sabine Kunst sprach 2017 von Kampagnen, "die nichts mehr mit der Auseinandersetzung im Universitären zu tun haben".

Als die juristische Fakultät 2019 ihre Unterstützung für ein von ihm geplantes Zentrum zur vergleichenden Diktaturforschung zurückzog, sah Baberowski den Druck von Studierenden und Medien als Grund und sagte laut FAZ, die HU habe sich längst vom Prinzip der Wissenschaftsfreiheit verabschiedet. Die Hochschulleitung wies das zurück. Zwei Studentinnen wiederum, die die Zentrums-Pläne kritisiert hatten, bezeichnete Baberowski in einem später gelöschten Facebook-Post als "linksextremistische Fanatiker" und "unfassbar dumm" - worauf diese ihn anzeigten.

Dem renommierten Entwicklungsbiologen Axel Meyer von der Uni Konstanz, ebenfalls unter den 70 Mitgliedern des neuen Netzwerks, hatte sein damaliger Rektor 2015 die Prüfung disziplinarrechtlicher Maßnahmen angedroht. Grund: Meyer hatte in einem FAZ-Artikel die Mehrheit der Studenten als verwöhnt, faul und teils unehrlich beschrieben. "In jeder Hinsicht wird ihnen der Hintern gepudert und mit viel Fürsorge und Verständnis jede Faulheit und Inkompetenz vergeben." Später bat Meyer um Entschuldigung. Die Genderforschung und die Geschlechterpolitik wiederum nahm Meyer mit seinem Buch "Adams Apfel und Evas Erbe" aufs Korn - und wurde 2016 zur Diskussion über das Buch sogar von der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka eingeladen.

Einzelfälle - oder Teil einer systematischen Schieflage?

Beide Beispiele zeigen indes, dass Austeilen und Einstecken im akademischen Diskurs oft dicht beieinanderliegen. Und eine Frage beantworten auch sie nicht: Sind das nur reichlich beachtete Einzelfälle, oder sind sie Teil einer systematischen Schieflage?

Systematisch sind in jedem Fall andere Schieflagen im deutschen Wissenschaftssystem. Die zum Beispiel, dass 75 Prozent der Professoren männlich sind und über 90 Prozent einen deutschen Pass haben. Dass in der Corona-Krise Forscherinnen mit Kindern mit zusätzlichen Karriereeinbußen bezahlen. Dass Akademikerkinder immer noch dreimal so häufig den Weg an die Hochschule finden wie junge Menschen, deren Eltern nicht studiert haben.

Eine Verengung der Perspektiven und des akademischen Diskurses ist insofern nichts Neues, sondern hat Tradition an deutschen Hochschulen. Statistiken zeigen ganz klar: Meist haben genau jene das Wort, die auch unter den 70 Netzwerk-Mitgliedern die übergroße Mehrheit (59 von 70) stellen - Männer. Zumeist ohne Migrationshintergrund. Vertreter von Fächern wie Jura, Philosophie, Geschichte oder Politologie - mit teilweise langen Traditionen und sicherem universitären Standing. Im Gegensatz zu häufig prekär finanzierten und politisch unter Druck stehenden Disziplinen wie den Gender Studies, die es trotzdem geschafft haben, ihre Themen auf die Agenda zu bringen.

Womöglich reflektiert der Gründungsaufruf des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit ja genau das: Die Perspektivenvielfalt in der deutschen Wissenschaftslandschaft nimmt (sehr langsam!) zu. Und denen, die bislang in der Hierarchie unangefochten an der Spitze standen, wird mulmig zumute.

© SZ/pamu
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