Witwe von Kremlkritiker Nawalny:"Ich danke dir für 26 Jahre absolutes Glück"

Witwe von Kremlkritiker Nawalny: Russland, Kirow, im Jahr 2013: Alexej Nawalny umarmt seine Frau Julija Nawalnaja, als er von einem Gericht freigelassen wird.

Russland, Kirow, im Jahr 2013: Alexej Nawalny umarmt seine Frau Julija Nawalnaja, als er von einem Gericht freigelassen wird.

(Foto: Dmitry Lovetsky/dpa)

Julija Nawalnaja verabschiedet sich in einem Video mit bewegenden Worten von ihrem Mann. Aus Sicherheitsgründen war sie nicht nach Moskau zur Beerdigung gereist, an der Tausende Menschen teilnahmen und trotz Repressionen dem Kremlkritiker die letzte Ehre erwiesen.

Julija Nawalnaja, die Witwe des in Moskau beerdigten Kremlgegners Alexej Nawalny, hat zum Abschied von ihrem Mann per Videoclip eine Liebesbotschaft mit markanten Szenen aus ihrem gemeinsamen Leben veröffentlicht. Sie werde Alexej immer lieben, schrieb die 47-Jährige bei Instagram.

In dem Post heißt es weiter: "Ljoscha, ich danke dir für 26 Jahre absolutes Glück. Ja, sogar für die letzten drei Jahre des Glücks. Für die Liebe, dafür, dass du mich immer unterstützt hast, dass du mich sogar im Gefängnis zum Lachen gebracht hast, dass du immer an mich gedacht hast." Ljoscha ist die Koseform des Namens Alexej.

Nawalnaja fuhr fort: "Ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll, aber ich werde mein Bestes geben, damit du dich da oben für mich freust und stolz auf mich bist. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe oder nicht, aber ich werde es versuchen. Ich bin sicher, dass wir uns eines Tages treffen werden. Ich habe so viele unerzählte Geschichten für dich, und ich habe so viele Lieder für dich auf meinem Handy gespeichert, alberne und lustige und im Allgemeinen, ehrlich gesagt, schreckliche Lieder, aber sie handeln von uns, und ich wollte so gerne, dass du sie dir anhörst. Und ich wollte so gerne sehen, wie du sie dir anhörst und lachst und mich dann umarmst. Ich werde dich immer lieben. Ruhe in Frieden."

Nawalnaja, Tochter Darja und Sohn Sachar waren nicht in Moskau zur Beerdigung - aus Sicherheitsgründen. Die Witwe hatte Kremlchef Wladimir Putin die Ermordung Nawalnys vorgeworfen. Sie muss in Russland mit einer Festnahme rechnen. Sie hat außerdem angekündigt, den politischen Kampf ihres Mannes gegen Putin fortzusetzen. Nawalny war am 16. Februar unter bislang ungeklärten Umständen in einem russischen Straflager ums Leben gekommen, wo er eine lange Haftstrafe absitzen musste.

Trauerfeier mit starker Polizeipräsenz

Dutzende Einsatzfahrzeuge, Absperrgitter, Personenkontrollen, gedrosseltes Mobilnetz: Der russische Machtapparat war darum bemüht, die Trauerfeier für Nawalny, zu stören.

Gegen Mittag kam der Sarg in der Kirche für die Trauerfeier an. Nawalnys Team zeigte in einem Live-Stream auf Youtube, wie Männer ihn aus einem schwarzen Transporter zogen und dann im Gleichschritt in die Kirche trugen. Hunderttausende verfolgten die Übertragung, vor der Kirche warteten Tausende Menschen teils mit Blumen in der Hand. Viele skandierten "Nawalny", "Nawalny", "Nawalny". Einige riefen auch: "Du hattest keine Angst. Und wir haben keine Angst." Der dpa zufolge schrien sie auch "Putin ist ein Mörder!" und: "Nein zum Krieg!"

Witwe von Kremlkritiker Nawalny: Ein Leichenwagen steht vor der Kirche zu Ehren der Gottesmutterikone "Lindere meine Trauer" im Moskauer Bezirk Marjino zwischen den Menschen.

Ein Leichenwagen steht vor der Kirche zu Ehren der Gottesmutterikone "Lindere meine Trauer" im Moskauer Bezirk Marjino zwischen den Menschen.

(Foto: Stringer/REUTERS)

In dem Stream war auch zu sehen, wie in der Kirche der Leichnam von Blumen bedeckt im offenen Sarg liegt, umgeben von zahlreichen Menschen. Zu sehen war auch Alexej Nawalnys Gesicht. Seine Mutter, die eine Kerze in der Hand hielt, und sein Vater saßen während der Zeremonie am Sarg.

Witwe von Kremlkritiker Nawalny: Auf diesem vom Nawalny-Team veröffentlichten Foto erweisen ihm Angehörige und Freunde am offenen Sarg die letzte Ehre.

Auf diesem vom Nawalny-Team veröffentlichten Foto erweisen ihm Angehörige und Freunde am offenen Sarg die letzte Ehre.

(Foto: Uncredited/dpa)

Die Trauerfeier fand in der Kirche zu Ehren der Gottesmutterikone "Lindere meine Trauer" im südöstlichen Bezirk Marjino statt. Zu ihr kamen auch westliche Botschafter, darunter der Deutsche Alexander Graf Lambsdorff.

Witwe von Kremlkritiker Nawalny: Vier Männer tragen den Sarg in die Kirche zur Trauerfeier.

Vier Männer tragen den Sarg in die Kirche zur Trauerfeier.

(Foto: STRINGER/AFP)

Schon am Donnerstagabend waren erste Polizeipatrouillen rund um den Borissow-Friedhof im Südosten Moskaus gesichtet worden, wo Nawalny später beigesetzt werden soll. Am Freitag hatte sich die Präsenz der Uniformierten noch einmal verstärkt: Dutzende Einsatzfahrzeuge mit Uniformierten bezogen schon am frühen Morgen Stellung, Uniformierte überprüfen Dokumente und persönliche Gegenstände von Passanten, wie russische Medien melden. Auch das mobile Internet sei heruntergeregelt worden. An der Kirche hing den Berichten zufolge eine Aufforderung, nicht zu filmen oder zu fotografieren.

Nawalnys Unterstützer haben vor Polizeigewalt gegen Trauernde gewarnt, nachdem bereits in den vergangenen zwei Wochen russlandweit Hunderte Menschen beim Ablegen von Blumen festgenommen wurden. Am Tag vor der Beisetzung beklagte Nawalny-Sprecherin Kira Jarmysch zudem auf der Plattform X, dass die Behörden die Vorbereitungen für die Trauerfeier weiter behinderten. So sei es noch immer nicht gelungen, einen Leichenwagen zu organisieren, schrieb sie. Die Moskauer Bestattungsunternehmen erhielten Drohanrufe von Unbekannten, die sie davor warnten, den Leichnam zu transportieren.

Witwe von Kremlkritiker Nawalny: Viele junge Menschen sind in die Kirche gekommen, um Alexej Nawalny die letzte Ehre zu erweisen.

Viele junge Menschen sind in die Kirche gekommen, um Alexej Nawalny die letzte Ehre zu erweisen.

(Foto: Stringer/REUTERS)

Bereits zuvor hatte Nawalnys Team Druck und Erpressungsversuche vonseiten der russischen Behörden beklagt. Diese wollen sie dazu zwingen, die Beisetzung des populären Politikers heimlich abzuhalten, wie etwa Nawalnys Mutter Ljudmila Nawalnaja mehrfach sagte.

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