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NS-Vernichtungslager:Komplizen der deutschen Täter

Nationalsozialismus

Schild am Bahnhof in Sobibor: Auch in dem dortigen Vernichtungslager unterstützten in der NS-Zeit sogenannte Trawniki die deutschen Mannschaften.

(Foto: REUTERS)

Thomas Sandkühler erklärt, wie das NS-Regime ukrainische Hilfspolizisten rekrutierte. Sie machten selten freiwillig mit - ihr Beitrag zum Holocaust war aber essenziell.

Rezension von René Schlott

Im Sommer des vergangenen Jahres warnte der in Kanada lehrende polnische Historiker Jan Grabowski, zuerst in der israelischen Zeitung Haaretz, dann auch in deutscher Übersetzung im Freitag, vor einer Fokussierung der deutschen Holocaustwissenschaft ausschließlich auf die deutschen Täter.

Selbstverständlich komme den Deutschen die Tatherrschaft über die Vernichtung der europäischen Juden zu. Bei der Umsetzung ihres Mordprogramms seien sie aber überall auf die Hilfe der lokalen Bevölkerungen angewiesen gewesen. Nur allzu gerne würden die Regierungen einiger dieser Länder gegenwärtig im Zeichen eines neuen Nationalismus von ihrer historischen Mitverantwortung schweigen. Der Holocaust hat jedoch eine europäische Dimension, die auch die deutsche Geschichtswissenschaft stärker in den Blick nehmen sollte.

Wenngleich das neue Buch von Thomas Sandkühler selbstverständlich einen längeren Vorlauf hatte, folgt es der Forderung von Grabowski, indem es am Beispiel der "Ukrainischen Hilfspolizei" und der "Trawniki" nichtdeutsche Täter in das Zentrum einer Darstellung rückt. Nach dem im Ort Trawniki bei Lublin gelegenen Ausbildungslager der SS wurden Kriegsgefangene der Roten Armee bezeichnet, die vor allem in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka zur Unterstützung der deutschen Mannschaften eingesetzt waren.

Es handelte sich bei ihnen mehrheitlich um Ukrainer, aber auch um Balten und Russlanddeutsche, wobei letzteren die Führungspositionen innerhalb der "Trawniki" vorbehalten waren, weil man ihre Loyalität gegenüber den deutschen Besatzern als höher einschätzte. Sie fungierten als eine Art "Hilfspolizei" der SS bei der Verfolgung und Ermordung der Juden im besetzten Polen, während die ukrainische Hilfspolizei die deutsche Sicherheitspolizei vor allem beim Judenmord in Galizien in der Westukraine unterstützte.

Man kennt nur wenige Namen. Einer lautet Iwan Demjanjuk

In den deutschen Vernichtungslagern im Osten Polens stellten die "Trawniki" sogar die Mehrheit des Wachpersonals, auf 20 deutsche, kamen hier gut 120 nichtdeutsche Täter. Namentlich bekannt sind nur wenige der "Trawnikis".

Mit John (Iwan) Demjanjuk stand jedoch vor wenigen Jahren in Deutschland einer der ukrainischstämmigen SS-Helfer vor Gericht, der unter anderem in Sobibor tätig war. Der Prozess gegen Demjanjuk, der im Mai 2011 mit einem Schuldspruch endete, führte zu einer ganzen Reihe neuer Ermittlungsverfahren gegen noch lebende deutsche und nichtdeutsche Täter.

Der an der Berliner Humboldt Universität lehrende Sandkühler selbst legte in zwei dieser Verfahren als Sachverständiger schriftliche Gutachten vor. In einem Fall ging es um einen ehemaligen Wachmann im Vernichtungslager Belzec, in dem anderen Fall, um einen vormaligen ukrainischen Hilfspolizisten, dem die Beteiligung an Verbrechen gegen die jüdischen Einwohner Lembergs zur Last gelegt wurde.

Thomas Sandkühler: Das Fußvolk der „Endlösung“. Nichtdeutsche Täter und die europäische Dimension des Völkermords. WBG Theiss, Darmstadt 2020. 431 Seiten, 40 Euro.

Diese beiden Gutachten machen als Mikrostudien für die Beteiligung nichtdeutscher Täter am Holocaust den Kern des Buches aus. Das ist zugleich von Vor- und Nachteil für die von Redundanzen nicht ganz freie Darstellung, die ihrem Gegenstand angemessen sachlich-nüchtern verfasst ist, sich zugleich aber über weite Strecken trocken und solide liest.

Das Ausbildungslager Trawniki war auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik untergebracht und entstand nach dem Angriffskrieg des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion, als für die Kontrolle immer größerer Gebiete im Osten Europas durch die deutschen Besatzungsorgane mehr und mehr einheimische Polizeikräfte herangezogen werden mussten.

Besonders interessant sind die Zusammenhänge, die Sandkühler zwischen der deutschen Kolonialpolitik in Afrika und der Besatzungsherrschaft in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg zieht. So wurden die "Trawniki"-Männer, deren offizielle Bezeichnung "Wachmannschaften des SS- und Polizeiführers im Distrikt Lublin" lautete, von den Zeitgenossen umgangssprachlich als "Schwarze" oder nach den lokalen Kolonialtruppen in Deutsch-Ostafrika auch als "Askaris" bezeichnet.

Die "Trawniki" wurden zu Komplizen der deutschen Täter

Ihre Rekrutierung erfolgte aus den deutschen Kriegsgefangenenlagern, in denen die Insassen dem Hungertod ausgeliefert waren. Um diesem Schicksal zu entgehen, fanden sich genug "Freiwillige", die das Angebot der deutschen Besatzer das Lager zu verlassen und dafür in ihren Dienst zu treten, annahmen. Später rekrutierten die Deutschen auch Zivilisten, unter ihnen vor allem Jugendliche, für die "Trawniki"-Ausbildung und den Einsatz in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Mehr als 5000 Männer gingen in den gut drei Jahren seines Bestehens durch das Ausbildungslager. Sie erhielten einen Dienstausweis, eine eigene Uniform, eine Besoldung und verschiedene Dienstgrade. Die Dienstpläne in den Vernichtungslagern sahen ihren Einsatz in allen Stufen des Mordprozesses vor, so dass die "Trawniki" zu Komplizen der deutschen Täter wurden, ohne deren Mittun der Holocaust nicht hätte solche Dimensionen erreichen können.

Ähnliches gilt für die essenzielle Rolle der "Ukrainischen Hilfspolizei" bei der Umsetzung des deutschen Mordprogramms, die Sandkühler am Beispiel der Stadt Lemberg verdeutlicht. Dort waren die einheimischen Hilfspolizisten im August 1942 an der Deportation der jüdischen Bevölkerung in das Vernichtungslager Belzec entscheidend beteiligt, indem sie die Stadtgrenze gegen Fluchtversuche absperrten und mit äußerster Brutalität bei der Verhaftung von fast 20 000 Menschen vorgingen.

Beim FBI finden sich einige Quellen

Als Quellen für seine Untersuchung zieht Sandkühler Vernehmungsprotokolle aus früheren Strafverfahren gegen "Trawniki"-Männern in der Sowjetunion heran, nicht ohne ihren ambivalenten Stellenwert als Dokumente für die historische Forschung zu diskutieren.

Seit 2009 ist zudem ein als "Trawniki Central" bezeichneter Quellenbestand in den USA zugänglich, den das 1979 eingerichtete "Office of Special Investigations", eine Dienststelle des FBI, angelegt hatte, als es darum ging unter den seit 1945 eingewanderten Europäern untergetauchte Kriegsverbrecher ausfindig zu machen.

Inhaltlich schließt die Studie an den polizeigeschichtlichen Zweig der Täterforschung an, der in der Tradition der viel diskutierten Darstellungen von Christopher Browning ("Ganz normale Männer") und Daniel Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") steht.

Methodisch orientiert sich Sandkühler an der organisationssoziologischen Untersuchung von Stefan Kühl ("Ganz normale Organisationen") aus dem Jahr 2014 und fragt entlang der von Kühl vorgeschlagenen Parameter der Konsensfiktion, der Indifferenzzone und der Zwangsmitgliedschaft immer wieder nach der Motivation der nichtdeutschen Täter für ihre Beteiligung an den Massenverbrechen gegen jüdische Frauen, Männer und Kinder.

Einige "Trawniki" versuchten sich zwar der Mitwirkung an den Massenverbrechen durch Flucht und Desertion zu entziehen. Wenn sie aufgegriffen worden, bedeutete das aber ihr Todesurteil.

Auch wenn die Zahl der nichtdeutschen Hilfspolizisten die Zahl der deutschen SS- und Polizeikräfte überstieg, so konstatiert Sandkühler abschließend, dass seine Befunde weder geeignet seien die "Frage nach der Schuld neu zu beantworten", noch "die deutsche Nation zu exkulpieren", denn "die moralische Verantwortung bleibt in Deutschland".

René Schlott arbeitet am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

© SZ vom 04.01.2021/gal
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