Israel Im Garten liegt Raketenschrott

  • 60 Raketen waren in der Nacht von Montag auf Dienstag von militanten Palästinensern über die Grenze Richtung Israel geschossen worden.
  • Auf den Straßen rund um den Gazastreifen sind viele Militärtransporte unterwegs, vor allem Panzer werden in die Region gebracht.
  • Dies nährt Spekulationen über eine mögliche Bodenoffensive.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Kibbuz Alumim

"Die einen sammeln Briefmarken, er sammelt Raketen", meint Esther Marcus und blickt auf den Haufen rostfarbener Teile im Garten ihres Nachbarn Rafi Babayan. Bis zu einem halben Meter lang sind die Geschosse, die der 58-Jährige zusammengetragen hat. Der Großteil sind Kassam-Raketen der Hamas, auch einige silberfarbene Bestandteile des israelischen Raketenabwehrsystems Iron Dome (Eisenkuppel) sind dabei.

Diese Teile sind in den vergangenen Jahren in und um Alumim gelandet. Rund hundert Familien leben hier in Sichtweite des Gazastreifens, Babayan wohnt seit rund 30 Jahren in dem Kibbuz. Die Mörsergranaten hat er zu einem Klangspiel verarbeitet, das neben der Terrasse in seinem Garten steht. "So wird aus Waffen Musik", sagt Babayan. Seit 28 Jahren ist er der Sicherheitsbeauftragte der Region Sdot Negev, er hat alle Gazakriege erlebt und ist überzeugt: "Die Hamas will uns alle töten."

Auch die Nacht zu diesem Mittwoch, die zweite in Folge, mussten Babayan, seine Frau Orit und die Zwillinge Amit und Alon, zwei Jahre und neun Monate alt, im Schutzraum des Hauses verbringen. Der etwa acht Quadratmeter große Raum ist ausgestattet mit einer verstärkten Decke, einer Spezialtür und nur einem kleinen Fenster. Das Doppelbett ist noch nicht gemacht, die Plüschtiere der Kinder liegen herum, auch ein Spielzeug-Rettungsauto ist dabei. "Wir können den Kindern physischen Schutz bieten, aber natürlich bekommen sie auch etwas mit", sagt Babayan.

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Am Dienstagabend gab es kurz nach 20 Uhr wieder Raketenalarm, in der Nacht davor sei es zwischen Mitternacht und drei Uhr früh am schlimmsten gewesen, erzählt Esther Marcus. 15 Sekunden bleiben nach dem Ertönen der Sirenen, um Schutz zu suchen, ehe eine Rakete einschlagen kann. "Zum Glück gibt es Iron Dome", sagt sie und zeigt auf die beiden Raketenabwehrsysteme, die von ihrem Garten aus zu sehen sind.

60 Raketen waren in der Nacht von Montag auf Dienstag von militanten Palästinensern über die Grenze Richtung Israel geschossen worden. Die israelische Armee griff nach eigenen Angaben 15 Ziele in der Küstenenklave Gaza an: Vor allem Gebäude der Hamas, darunter das Büro des Anführers Ismail Hanija, und ein "geheimes Hauptquartier" sowie Militäreinrichtungen auch des Islamischen Dschihad. In den frühen Morgenstunden wurden weitere Militäranlagen der Hamas in Deir al-Balah bombardiert. Von Panzern wurden auch Militärposten beschossen. Zumindest drei Menschen wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza verletzt.

"Ruf Bibi an, er soll das stoppen"

Israel reagierte mit seinen Luftschlägen auf einen Raketenangriff aus dem Gazastreifen, bei dem am Montagmorgen ein Haus nordöstlich von Tel Aviv zerstört worden war. Sieben Menschen erlitten Verletzungen, darunter Kleinkinder. Dass von der Politik und auch von Seiten der Armee heftiger reagiert werde, wenn Raketen auf den Zentralraum Israels abgeschossen werden - vor zehn Tagen nach Tel Aviv und am Montag nach Mishmeret - "schmerzt" Babayan, wie er sagt: "Wir kommen uns schon manchmal etwas verlassen hier vor."

Die Bewohner des Kibbuz und der umliegenden Gemeinden stellen sich darauf ein, dass die militärische Konfrontation diesmal länger dauern könnte. Auf den Straßen rund um den Gazastreifen sind viele Militärtransporte unterwegs, vor allem Panzer werden in die Region gebracht. Auf einer Wiese nahe Yad Mordechai am nördlichen Gazastreifen wurden Panzer abgestellt. Dies nährte Spekulationen über eine mögliche Bodenoffensive. Zumindest am Dienstag blieben die Schulen in den grenznahen Orten geschlossen, aber auch jene der nahe gelegenen Städte Beersheba, Aschkelon und Aschdod. Die Menschen wurden aufgefordert, nur unbedingt notwendigen Arbeiten nachzugehen - unter der Bedingung, dass sie sich in der Nähe eines Schutzraumes aufhalten.

Im Kibbuz Alumim wurde Rasen gemäht und ein Dach gedeckt - ein normaler Alltag. "Normal ist hier schon lange nichts mehr", meint dagegen Esther Marcus. Die gebürtige Engländerin ist vor 20 Jahren an den Gazastreifen in diesen Kibbuz gezogen. Ihr Mann kenne noch andere Zeiten, er habe am Strand von Gaza gebadet. Ihr jüngster Sohn, 19 Jahre alt, sei dagegen mit dieser permanenten Bedrohungssituation aufgewachsen. "Man denkt sich, im nächsten Monat ist es vorbei. Dann werden plötzlich Jahre daraus." Nicht alle kämen mit diesem Zustand klar, dass man ständig nach Schutzmöglichkeiten Ausschau halten müsse. Die 54-Jährige arbeitet im Krisenzentrum der Region, sie hat ein Notfallhandy dabei. Ab fünf Uhr früh habe es geläutet. Eine Mutter habe um Rat gefragt, weil ihre Tochter ständig weinte. "Ruf Bibi an, er soll das stoppen", habe sie gefordert.

Mit Bibi ist Benjamin Netanjahu gemeint. Der israelische Premierminister, der auch Verteidigungsminister ist, eilte am Dienstagnachmittag nach seiner abgekürzten USA-Reise direkt ins Hauptquartier der Armee in Tel Aviv. Dort wurde das weitere Vorgehen beraten. Am Abend wurde bekannt gegeben, dass eine weitere Infanterie-Brigade sowie ein Artillerie-Bataillon in den Süden Israels verlegt sowie weitere Reservisten einberufen werden.

Auch im Gazastreifen wurde mit Bangen auf die weitere Entwicklung gewartet. "Gott sei Dank ist uns nichts passiert. Aber es war eine sehr unruhige Nacht. Wir wissen auch nicht, wie es weitergehen wird", antwortete Abed Schokry auf eine Frage per E-Mail. Der 47-jährige vierfache Familienvater hat in Deutschland Maschinenbau studiert und lehrt inzwischen Ingenieurwissenschaften in Gaza. Er schrieb nun: "Es ist nicht gerade beruhigend, wenn andere für uns und über uns, unser Leben und unseren Tod entscheiden, ohne dass wir gefragt werden."

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