Nachruf auf Kofi Annan Ein Mann für die großen Aufgaben

In seiner langen Karriere als Diplomat hatte es Kofi Annan mit Völkermorden, Kriegen und Korruption zu tun. Nun ist der Friedensnobelpreisträger und ehemalige UN-Generalsekretär im Alter von 80 Jahren gestorben.

Von Valentin Dornis

Kofi Annan war ein Mann für die großen Kämpfe. Nicht weniger als der Wunsch nach Frieden und einer gerechteren Wirtschaftsordnung war der Antrieb für seine Arbeit, die ihn in die Krisenherde dieser Welt brachte. Als Generalsekretär der Vereinten Nationen hatte er den Ruf, unabhängig und gerecht an einer friedlicheren Zusammenarbeit der Staaten zu arbeiteten. Nun ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben.

Als er 1938 geboren wurde, war Ghana unter dem Namen "Goldküste" noch eine Kronkolonie der Briten. Über seine berufliche Karriere ist viel bekannt, mit Informationen über sein Privatleben hielt sich Annan stets sehr zurück. Er entstammte einer Familie, die über Generationen wichtige politische Funktionen in Westafrika innehatte. Als junger Erwachsener erlebte er, wie seine Heimat unabhängig wurde - eine prägende Zeit, wie er später sagte. Seine Zwillingsschwester Efua verstarb 1991, mit ihr hatte er den gemeinsamen Zweitnamen Atta, was übersetzt Zwilling bedeutet. Aus einer geschiedenen Ehe mit der Nigerianerin Titi Alakija hat er zwei Kinder. Seine zweite Frau, Nane Maria Lagergren, hat eine Tochter aus einer früheren Ehe.

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Der Kampf Afrikas um Unabhängigkeit und Wachstum blieb sein ganzes Leben lang eines von Annans wichtigsten Themen. Er studierte Ökonomie, unter anderem in den USA und auch in Genf. Dort, in einer der Diplomaten-Hauptstädte der Welt, begann er nach der Uni auch seine Karriere: 1962 trat er eine Stelle bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf an.

In den folgenden Jahrzehnten übernahm er unter anderem verschiedene Posten für die Vereinten Nationen in Afrika. Er handelte 1990 die Ausreise von knapp 900 UN-Angestellten und westlichen Staatsbürgern aus dem Irak aus, auch als Sondergesandter im ehemaligen Jugoslawien erarbeitete er sich einen guten Ruf.

Kofi Annan galt als charismatischer Diplomat, der sich nicht vor Auseinandersetzungen scheute. Als er am 13. Dezember 1996 von der UN-Vollversammlung zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt werden sollte, leisteten einige Länder Widerstand. Denn Annan plante eine "stille Revolution" der UN, wollte sie unabhängiger von einzelnen Mitgliedern machen und ihre veralteten Strukturen überarbeiten. Die Vereinten Nationen hatten aus der Zeit des Kalten Krieges nicht den besten Ruf. Annan wollte aus dem Verband wieder eine echte Gemeinschaft formen und den Menschen ins Zentrum seiner Arbeit rücken. Ein Motto, das seine gesamte Zeit als Generalsekretär prägte.

Seine Ankündigungen setzte er nach seiner Wahl zum Generalsekretär zielstrebig um, er schuf eine schlankere Bürokratie und sparte Geld in der Verwaltung ein. Dafür stärkte er die humanitäre Hilfe, indem er eine Nothilfekoordination aufbaute und den UN-Menschenrechtsrat gründete. Außerdem trieb er die Entwicklung der Milleniumsziele voran, die für die ersten Jahrzehnte der 2000er Jahre als Maßstab für eine nachhaltige und gerechtere Entwicklung gelten sollten.

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Für sein Engagement wurde Kofi Annan 2001 zusammen mit den Vereinten Nationen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Doch in dieses Jahr fiel noch ein weiteres Ereignis, das die internationale Politik und auch Annans Arbeit prägen sollte: Bei den Anschlägen vom 11. September in New York kamen fast 3000 Menschen ums Leben. Den anschließenden "Krieg gegen den Terror", den die USA anführten, kritisierte Annan von Beginn an.

US-Präsident George W. Bush ließ seine Truppen 2003 mit einer "Koalition der Willigen" in den Irak einmarschieren. Kofi Annan sagte später: "Nach unserer Auffassung sowie gemäß der UNO-Charta war dieser Krieg illegal." In seiner letzten Rede als UN-Generalsekretär betonte er noch einmal: "Keine Nation kann sich Sicherheit verschaffen, indem sie die Vorherrschaft über andere sucht." Ein Zitat, das Beobachter als neuerliche Kritik an den USA werteten und das bis heute für viele Staaten gelten dürfte.

Doch auch Annan stand immer wieder in der Kritik. In seine Zeit als UN-Diplomat fiel unter anderem der Völkermord in Ruanda 1994, den Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen nicht verhinderten. Auch das Versagen der UN beim Massaker von Srebrenica, wo militante Serben 1995 etwa 8000 Bosnier ermordeten, wurde heftig kritisiert. Annan übernahm eine persönliche Mitverantwortung. Nach seiner Pensionierung versuchte er erfolglos, in den Verhandlungen im Syrienkrieg zu vermitteln.

Nach seiner Zeit als UN-Generalsekretär engagierte er sich weiterhin

Annan konnte seine Fehler einräumen, eine Eigenschaft, die auf höchster weltpolitischer Ebene nicht selbstverständlich ist. Vor allem, wenn es um das persönliche Umfeld geht. Denn dort passte nicht alles zu den hehren Zielen, denen sich Kofi Annan selbst verschrieben hatte. Einer seiner drei Söhne, Kojo Annan, war in eine Korruptionsaffäre um das "Öl für Lebensmittel"-Programm für den Irak verwickelt und besaß mehrere Briefkastenfirmen in Steueroasen. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung im November vergangenen Jahres sagte Kofi Annan: "Wenn etwas Unrecht ist, dann ist es für alle Unrecht. Man spricht Verwandte oder Söhne nicht von ihrer Verantwortung frei."

In diesem Interview sprach er auch über das Thema, dem er sich nach dem Ende seiner Amtszeit als UN-Generalsekretär 2006 mit seiner Stiftung widmete: dem Kampf gegen Steuerflucht und gegen die Ausplünderung des afrikanischen Kontinents. "Afrika ist nicht arm, es ist ein reicher Kontinent mit sehr vielen armen Menschen. Afrika verliert sehr viel Geld durch illegale Finanzströme und Steuerflucht", sagte Annan. Seine Stiftung prangerte in einem jährlichen Forschrittsbericht die Korruption in afrikanischen Staaten an, förderte junge Studierende und Projekte zur nachhaltigen Entwicklung. In seinem letzten Tweet vom 7. August mahnte er: "Wir haben die Mittel und das Vermögen, unsere Probleme zu lösen, wenn wir nur auch den politischen Willen dazu haben."

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