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Polizei-Einsatz gegen Flüchtlinge:Ellwangen, drei Monate danach

Polizeieinsatz im Flüchtlingsheim

In der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen werden zwei gefesselte Männer von einem maskierten Polizisten abgeführt. Nachdem es bei der gescheiterten Abschiebung eines 23-jährigen Togolesen zu Ausschreitungen gekommen war, läuft ein Großeinsatz der Polizei in der Flüchtlingsunterkunft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Ort war Schauplatz eines Polizei-Großeinsatzes gegen Flüchtlinge. Nun fragen sich die Leute, ob sie die große Asyl-Unterkunft noch haben wollen. Dabei funktioniert das Zusammenleben erstaunlich gut.

Ein paar Meter abseits der Bundesstraße 290 steht der Schlagbaum. Ein Zaun umschließt das Gelände, der Stacheldraht ist gespannt. Mitarbeiter einer Security-Firma öffnen das Eisentor erst nach Prüfung der Person. Die Flüchtlingsunterkunft Ellwangen begrüßt ihre Gäste kühl. Sie hat den Charme einer ehemaligen Kaserne, jahrzehntelang beherbergte der Ort Soldaten und Kriegsgerät. Jetzt leben hier Menschen, die vor Gewalt, Zerstörung, Armut geflohen sind. Der Ort trägt den sperrigen deutschen Namen "Landeserstaufnahmestelle".

Einmal drinnen, beginnt die Stille. Menschen unterschiedlichster Hautfarbe stehen an diesem heißen Vormittag im Schatten unter den Bäumen und blicken auf ihre Smartphones. Ein Mann trägt einen Wäschesack über die Straße, eine Frau nutzt dafür einen Einkaufswagen. Im Kindergarten trägt ein Junge einen kleinen Korb schief auf dem Kopf als Hut und verhandelt mit den Kumpels, ob sie nun im Sand graben oder am Gerüst klettern wollen. Alle grüßen, sagen "Hallo" oder "Guten Morgen". Die Landeserstaufnahmestelle, die alle nur Lea nennen, wirkt sehr friedlich. Leiter Berthold Weiß sagt: "Das Leben fließt hier sehr ruhig."

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Es ist nicht lange her, da herrschte ein Lärm, der durch die ganze Republik hallte. Anfang Mai waren Mannschaftsbusse der Polizei mit mehreren Hundert Beamten angerückt. Ellwangen stand für Widerstand gegen die Staatsgewalt, einen "Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung", wie es Bundesinnenminister Horst Seehofer ausdrückte. Weil die Rückführung eines Togoers nach Italien am Protest der Mitbewohner gescheitert war, zeigte der Staat, wer der Stärkere ist. Die Polizei trat Türen ein, fesselte Männer mit Kabelbindern, durchsuchte Häuser. Sie führte den Mann aus Togo ab, kontrollierte fast 300 Bewohner, kündigte Ermittlungen wegen Drogendelikten, Diebstahls und Hausfriedensbruchs an. Drei Monate später heißt es in der Lea, die Beamten hätten nicht mehr gefunden als bei einer Razzia in einem Schullandheim. Kleinigkeiten, kaum der Rede wert.

Einrichtungsleiter Berthold Weiß sitzt auch für die Grünen im Gemeinderat, sieht sowohl beruflich wie privat die Unterbringung von Flüchtlingen in der Lea positiv. Er sagt: "Was mich bis heute in Wallung bringt, ist die Behauptung, hier habe es einen rechtsfreien Raum gegeben. Als ich das gehört habe, da dachte ich mir schon: Hoppla!" Er achte streng darauf, dass die Regeln eingehalten werden. So erhalte sein Vorgesetzter im Regierungspräsidium Stuttgart E-Mails, wenn in Ellwangen was nicht stimme. Der wundere sich dann über Meldungen, weil ein Bewohner an der Pforte mit zwei Flaschen Bier erwischt wurde, was gegen das Alkoholverbot verstößt. "Das ist bei uns schon ein Vorfall", sagt Weiß und macht große Augen, "ich habe das Gefühl, dass wir hier von Politikern instrumentalisiert worden sind".

Anfangs kamen die Leute vor allem aus Syrien, darunter viele Familien

Für die CSU etwa war der Polizeieinsatz ein Mosaikstein im großen Angriff auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Er passte ins Bild eines angeblich zu laschen Umgangs mit Asylbewerbern, die sich nun noch erdreisten, sich gegen die Polizei aufzulehnen.

In Ellwangen hat der Tag Eindruck hinterlassen. Mit dem großen Polizeieinsatz kam die Unsicherheit in die Stadt. "Bürger fragten kritisch: Können wir uns hier noch sicher fühlen", erzählt Oberbürgermeister Karl Hilsenbek. Der parteilose Politiker wurde vor allem im Internet übel beschimpft, bekam anonyme Drohungen per Mail. Herbert Hieber, Gemeinderat der SPD und ehrenamtlicher Deutschlehrer in der Lea, erhielt einen Anruf: "Sie wollen in Ellwangen das Kalifat einführen", sagte jemand und legte wieder auf. All jene, die für die Einrichtung kämpfen und sich dort engagieren, fürchten, dass der Vorfall in der Bevölkerung die Stimmung kippen ließ. Hilsenbek forderte mehr Polizei für die Lea und die Stadt an, um das Sicherheitsgefühl zu stärken. Heute glaubt er: "Das ist gelungen."

Ellwangen (Jagst) liegt am östlichen Rand von Baden-Württemberg, der Ort mit 24 000 Einwohnern ist konservativ und katholisch geprägt. Eine Wallfahrtskirche thront am Schönenberg über der Stadt, seit 1830 gibt es die Marienpflege für Kinder in Not, die katholischen Comboni-Missionare betreiben einen Standort. Hilfsbereitschaft hat Tradition und als Ende 2015 4700 Flüchtlinge in der Lea wohnten, bewältigten Angestellte sowie Hunderte Freiwillige die Situation mit einer Mischung aus Enthusiasmus, Fleiß und schwäbischem Ordnungssinn. Seither lebt Ellwangen mit Ankömmlingen aus aller Welt. Von der Unterkunft bis zur Stadtgrenze sind es nur zwei Kilometer, der Bus 303 bringt die Menschen zum Einkaufen in die Innenstadt oder einfach nur, um einmal aus der alten Kaserne rauszukommen. Anfangs kamen die Leute vor allem aus Syrien, darunter viele Familien. Die Ellwanger, so heißt es, mochten die Syrer.