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Nach der Bundestagswahl:Die Grünen müssen in einer Jamaika-Koalition ausgleichend wirken

Aus diesem Grund ist es für die Grünen wichtig, ja von zentraler Bedeutung, ob es ihnen gelingt, das sogenannte Vierzehner-Team tatsächlich zu einem neuen und neu denkenden Machtzentrum der Partei zu machen. Gerade weil nicht nur die Führungspersonen der vergangenen Jahre drin sitzen, sondern auch ein Jürgen Trittin, eine Claudia Roth, ein Reinhard Bütikofer. Mit ihnen besteht die Chance, der ganzen Partei ein neues Miteinander vorzuleben. Eines, das mit den Links-rechts-Reflexen aufhört und sich offen fragt, was die wichtigsten Themen, die entscheidenden Weichenstellungen, die am besten geeigneten Personen für eine Jamaika-Regierung sein könnten.

Dass das schwer wird, gerade auch gegen persönliche Träume und Hoffnungen mancher Spitzenkandidaten, steht außer Zweifel. Die wichtigere Frage fürs Überleben der Grünen ist aber, wie man nach vier Jahren gut, vielleicht sogar sehr gut aus einem Jamaika-Bündnis herauskommen möchte. Hat man für die Menschen etwas besser gemacht? Und hat man dabei so viele wie möglich mitgenommen? Hat man also nicht nur eigene Interessen, sondern das große Ganze im Blick behalten? Diese drei Fragen müssten die Grünen zu ihren zentralen Fragen erklären. Dann haben sie eine gute Chance, bei denen zu punkten, die sie trotz ihrer Rituale gewählt haben.

Das heißt mitnichten, die inhaltlichen Ziele wie den Klimaschutz, die Hilfe für Flüchtlinge oder den Kampf für gesunde Lebensmittel aufzugeben. Wegen dieser Fragen sind die Grünen gewählt worden. Aber es geht mehr denn je darum, ob sie diese Ziele nun für eine privilegierte Schicht der Bessergebildeten, der Besserverdienenden, der westdeutsch geprägten Mittelschicht durchsetzen wollen - oder ob sie ganz bewusst bereit sind, dabei auch auf die Sorgen derer einzugehen, die in Braunkohlerevieren oder in Autofabriken Angst vor der Zukunft haben. Und ob sie auch jene im Blick haben, die Halt und Heimat suchen, weil die Digitalisierung über sie hinwegfegt, weil die Globalisierung nicht nur Glück verheißt, sondern eben auch Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa gebracht hat. Und weil viele Politiker aller möglichen Parteien und Regierungen es zugelassen haben, dass es heute in Ost und West Regionen ohne Busverkehr, ohne Postamt, ohne Geburtstationen gibt.

Das sind die großen Probleme und Ängste der sogenannten kleinen Leute. Und wenn die Grünen darauf nur alte, reflexhafte Antworten haben, wird es für sie nicht gut ausgehen. Neu denken - das wird eine Mammutaufgabe.

Halt und Heimat geben

Diese Fragen richten sich natürlich nicht nur an die Grünen. Aber an die Grünen stellen sie sich besonders, auch weil sie nun in eine Regierung eintreten könnten, in denen das Soziale - jedenfalls auf den ersten Blick - nicht das Zuhause hat, das es haben müsste. Mehr als sie gedacht haben, fällt ihnen die Aufgabe zu, ausgleichend zu wirken. Jedenfalls dann, wenn man die bisherigen Äußerungen der FDP und der CSU ernst nimmt. Womit man wieder bei der Debatte vom Anfang ist. Halt und Heimat geben - man kann das als Grüner blöd finden. Aber dann zeigt man sehr deutlich, wie wenig man von diesem Wahlergebnis verstanden hat.

Halt und Heimat geben - das heißt, wenn man die Begriffe nicht überfrachtet, dass man diejenigen im Blick hat, die das Gefühl haben, Halt und Heimat verloren zu haben. Das hat, neutral betrachtet, nichts mit der AfD zu tun. Erst wenn man dies behauptet, wird es zu dem, was die AfD haben möchte: einem Mittel zur Spaltung in die da oben - und die anderen, die Halt suchen und sich nach Heimat sehnen. Wer diese Interpretation der Lage im Land zulässt, hat nichts verstanden. Auch wenn er Mitglied, Funktionär oder noch Wichtigeres bei den Grünen sein sollte.

Die Grünen stehen vor ihren wichtigsten Wochen. Ob sie aus denen gut herauskommen, liegt nicht so sehr an der Frage, ob sie bei Jamaika dabei sind oder am Ende aus guten Gründen Nein sagen. Es hängt allein davon ab, ob sie geschlossen und klug und für die Menschen erkennbar die großen Probleme des Landes angehen. Und dazu gehört auch seine derzeitige Spaltung. Oder, wie der Bundespräsident es ausgedrückt hat, es gehören die neuen, unsichtbareren Mauern dazu, die sich durchs ganze Land ziehen.

© SZ.de/plin
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