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Nach dem Aufbruch in der Arabischen Welt:Amerika schaut einfach nur zu

Die Vereinigten Staaten haben für die Revolutionäre in der arabischen Welt keine Rolle gespielt und werden heute von den neuen Kräften furchtlos herausgefordert. Amerika hat seinen Einfluss in der Region verloren. Grund ist Obamas Politik, die gleichzeitig Wandel und Stillstand will.

Die ägyptische Regierung hat sich offenbar nicht zweimal überlegt, ob sie die Büros amerikanischer Menschenrechts- und Hilfsorganisationen (und auch deutscher Stiftungen) tatsächlich durchsuchen soll. Die Botschaft an den wichtigsten Geldgeber des Landes ist jedenfalls eindeutig: Mischt euch nicht ein mit euren Demokratie-Phantasien, dies ist eine ägyptische Angelegenheit, dies ist eine Auseinandersetzung zwischen den alten und den neuen Kräften.

Alt gegen Jung, Beharrung gegen Modernität, Privilegierte gegen Ausgegrenzte - in der arabischen Welt geht es seit einem Jahr in immer neuer Konstellation um das alte Thema von Aufbruch und Erneuerung. Der überalterte Westen kann aus der Lehnstuhlperspektive heraus studieren, wie Demographie plötzlich die Politik bestimmt.

Es ist also nicht zuletzt ein Generationenkonflikt, der in der arabischen Welt auch mit Waffengewalt ausgetragen wird, und selbstverständlich sind die Jungen getrieben vom Geist der Befreiung und der Offenheit. Das ist ihr Privileg - sie wollen der Enge und der Erstarrung ihrer Gesellschaften entfliehen.

Amerika ist kein Vorbild für die Revolutionäre

Umso erstaunlicher ist, dass die USA für die Revolutionsbewegung kaum eine Vorbildrolle genießen. Die ägyptischen Militärherrscher konnten relativ risikofrei die Symbolnation Amerika herausfordern und deren Emissäre in Sachen Demokratie und Menschenrechte einschüchtern - weder sind Repressionen aus Washington zu befürchten, noch werden deswegen die freiheitsliebenden Menschen in Kairo auf die Straße gehen.

Es ist eines der Kernmerkmale der arabischen Aufstände, dass sie ohne Zutun der USA ablaufen und dass der so viele Jahrzehnte dominierende Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn eine nachgeordnete Rolle spielt. All dies deutet hin auf einen gewaltigen Verlust von Einfluss und Gewicht der USA in der Region. Amerika ist reduziert - sowohl als klassischer militärischer und ökonomischer Machtfaktor als auch als Sehnsuchtsnation für die Freiheitsliebenden.

Für diese Schrumpfung gibt es offensichtliche Gründe: Amerikas Rolle an der Seite Israels; Amerikas langjährige Nähe zu den alten Herrschern, die eine komfortable Ruhe garantierten; Amerikas Intervention im Irak und die schrillen Bush-Jahre, die ein holzschnittartiges arabisches Feindbild produzierten.

Auch Obama unterstützt lieber berechenbare Kräfte

Bis heute hat sich Washington nicht wirklich von seinem klassischen Rollenverhalten in der Region gelöst. Auch die Regierung Obama unterstützt lieber berechenbare Kräfte, die im Zweifel mit Oppression für Ruhe und Ordnung im eigenen Land sorgen.

Saudi Arabien und andere Golf-Staaten erfreuen sich steter Waffenlieferungen (übrigens auch aus Deutschland, das den USA in nichts nachsteht). Bahrains innere Konflikte werden verdrängt - die strategische Lage des Staates und seine Funktion als Standort sind überwältigend wichtig. Und selbst in Syrien bietet ein Assad-Regime mehr Verlässlichkeit als all die Fraktionen, Religionen, Ethnien und Allianzen, die nach einer Explosion des Regimes erbittert um die Macht kämpfen werden.

Die USA haben ihre Rolle bewusst und aus einem alten super-realpolitischen Reflex heraus gewählt. Die Regierung Obama ist fixiert auf die größte denkbare Bedrohung: auf Iran und die wachsende Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten. Sie verlässt sich auf die einschüchternde Kraft des Militärs und auf Abschreckung, gerade gegenüber Iran.

Im Jahr eins nach dem Aufbruch in der arabischen Welt ist nicht sicher, wie sich die Machtverhältnisse ordnen werden, welche Nation - Ägypten oder die Türkei - eine führende Funktion übernehmen, welche Bedrohung für Israel entsteht, und ob die eigentliche Konfrontation mit Iran um die Dominanz in der Region noch aussteht.

Es liegt im Instinkt einer Großmacht wie den USA, dass sie sich in diesem fließenden Moment alle Optionen erhalten will. Mutige Investitionen müssen da von anderen kommen.

© SZ vom 31.12.2011/str
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