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Amokläufe:Wieso Amerika von Waffen besessen ist

Resigniert Amerika angesichts der Amokläufe? Strengere Waffengesetze sind jedenfalls illusorisch. Das liegt aber nicht an der Stichhaltigkeit der Argumente der Waffenlobby.

So offen hatte Barack Obama seine Wut lange nicht mehr gezeigt. Nach dem Amoklauf in Oregon mit zehn Toten sprach er bitter von "Routine": Die Medien würden berichten, er selbst trete immer wieder erschüttert ans Rednerpult und überhaupt sei das ganze Land "abgestumpft" und "betäubt" angesichts der schrecklichen Regelmäßigkeit, mit der sich in den USA tödliche Schießereien ereignen.

Obama selbst ist nicht abgestumpft, doch er weiß, wie mächtig seine Gegner sind. Wenige Ereignisse haben ihn mehr schockiert als der 14. Dezember 2012, als in der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 20 Grundschüler und sechs Lehrer niedergemetzelt wurden. Der Washingtoner Polit-Betrieb habe ihn nie stärker "angewidert" als im Frühjahr 2013, als der Senat gegen eine leichte Verschärfung der Waffengesetze stimmte, sagte er vor einem Vierteljahr.

Obwohl er mit all seinem politischen Gewicht dafür geworben hatte, potenzielle Waffenkäufer besser zu überprüfen und den Verkauf von Sturmgewehren zu verbieten, war Obama gescheitert. Es klingt zynisch, doch auch der US-Präsident weiß: Wenn sich nach einem Massaker in einer Grundschule (!) mit 26 weißen (!!) Toten in einem von Demokraten (!!!) dominierten Senat keine Mehrheit für etwas strengere Gesetze findet, dann klappt es nie. Heute stellen die Republikaner 55 der 100 Senatoren. Obama bleibt nur die - begrenzte - Macht des Wortes, um der Nation immer wieder ins Gewissen zu reden - und das wird er weiterhin tun.

Amoklauf in Oregon "Muster von Schießereien, das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt" Video
Dokumentation
Barack Obama

"Muster von Schießereien, das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt"

Er tröstet, weint, wütet: Immer wieder muss Obama über Waffengewalt sprechen - zuletzt nach den 14 Toten von San Bernardino. Seine Reden zeigen, wie das den US-Präsidenten verändert hat.   Von Sebastian Gierke

Der Todesschütze von Oregon besaß nach Angaben der Waffenkontrollbehörde ATF dreizehn Waffen - alle wurde legal erworben.

In Westeuropa ist nur schwer nachvollziehbar, warum sich so viele US-Bürger und Abgeordnete dagegen sperren, die Regeln für den Waffenbesitz zu verschärfen. Wer kann es, bei klarem Verstand, ablehnen, den Kauf von Waffen über das Internet zu verbieten? Die gängigsten Argumente in der Debatte um Amerikas gun culture zeigen, wie sehr Gewehre und Waffen die Vereinigten Staaten prägen:

"Waffen sind Teil der amerikanischen Kultur"

Schätzungen zufolge gibt es in den USA mehr als 300 Millionen Waffen - auf fast jeden Einwohner, egal ob Mann, Frau oder Kind kommt eine Pistole oder ein Gewehr. Im amerikanischen Bewusstsein sind Waffen auf vielfältige Art verankert: Sie symbolisieren Freiheit, Tradition, Lebensart und Selbständigkeit. In Texas oder im amerikanischen Westen erinnern guns viele Menschen daran, dass ihre Vorfahren einst Cowboys waren oder das Land mit Waffengewalt erobert hatten.

Viele Amerikaner gehen gern zur Jagd und erzählen ausländischen Besuchern davon, wie der eigene Vater oder Großvater ihnen das Schießen beigebracht hat. Politische Überzeugungen sind da nebensächlich: Es sind längst nicht nur Republikaner, die jegliche Einschränkung ablehnen. Wer als Demokrat in den Südstaaten oder im Mittleren Westen gewählt werden will, der posiert in Videos mit der Knarre in der Hand - exemplarisch dieser Clip von Alison Grimes aus Kentucky.