Myanmar:China fürchtet um seine Pipelines

Myanmar

Mit den Kämpfen kommt der Hunger: In Myanmars Region Shan, die an China angrenzt, warten die Menschen auf die Verteilung von Lebensmitteln.

(Foto: MNWM/AFP)

Der Militärputsch in Myanmar beunruhigt Peking offenbar sehr - darauf deuten Berichte über Truppenbewegungen an der Grenze zum Nachbarland. Neben dem Schutz von Milliardeninvestitionen könnte auch Covid-19 eine Rolle spielen.

Von Arne Perras und Lea Sahay, München

Dass China entlang seiner Grenze zu Myanmar Soldaten postiert, ist nicht ungewöhnlich, denn seit vielen Jahren wird auf der anderen Seite gekämpft, Rebellen der ethnischen Minderheiten in den Regionen Shan und Kachin sind immer wieder in Gefechte mit der myanmarischen Armee verwickelt. Dabei geht es auch darum, wer jeweils an den reichen Bodenschätzen verdient - oder auch an der Drogenproduktion, die in manchen der Gegenden die Geschäfte dominieren.

Seit dem Putsch der myanmarischen Armee am 1. Februar haben die Konflikte im Vielvölkerstaat allerdings vielerorts zugenommen, und das Militär kann sich nur an der Macht halten, indem es die Demokratiebewegung im Land brutal unterdrückt. In einem Beitrag für das East Asia Forum hat nun der Analyst John Walsh Berichte aus der Region aufgegriffen, wonach China seine Truppen an der Grenze bei Jiegao verstärkt habe. Eine offizielle Bestätigung solcher Bewegungen, über die zuerst im April berichtet wurde, gibt es aus Peking nicht.

In den chinesischen Medien sind diese bisher ebenfalls kein Thema. Anfang Juni erklärte Chinas Außenminister Wang Yi allerdings bei einer Konferenz des Landes mit Vertretern des Verbands Südostasiatischer Nationen (Asean), dass Myanmar ein enger Nachbar sei und die Situation im Land unmittelbar die Interessen Chinas betreffen würden. Man sei "höchst besorgt" über die Lage und bereit, auf seine eigene Weise eine konstruktive Rolle zu spielen.

Öl- und Gasleitungen sind das eine. Das andere eingeschleppte Covid-Fälle

Walsh interpretiert die Truppenbewegungen so, dass das chinesische Militär dort als eine schnelle Eingreiftruppe bereitstehe, um im Ernstfall zentrale chinesische Milliardeninvestitionen in Myanmar zu sichern: Zwei Pipelines, die Öl und Gas vom Indischen Ozean quer durch Myanmar nach China leiten.

Käme es tatsächlich soweit, wäre ein solcher militärischer Vorstoß allerdings ein Präzedenzfall mit enormer Tragweite. Er würde der bisher praktizierten Linie Pekings widersprechen, sich mit bewaffneten Interventionen im Ausland zurückzuhalten. In Pakistan, wo China ebenfalls Milliarden für die Neue Seidenstraße investiert, sind pakistanische Spezialtruppen abgestellt, die Chinas Arbeiter und Geschäftsleute beschützen sollen.

Offenkundig ist, dass Peking großes Interesse daran hat, die Ausbreitung von Covid-19 aus Myanmar nach China einzudämmen, vor allem der grenzübergreifende Handel mit Drogen und Edelsteinen gilt als Risiko. Während im Rest des Landes das Coronavirus bereits seit über einem Jahr zum größten Teil unter Kontrolle gebracht und das öffentliche Leben kaum noch eingeschränkt ist, verhängte die chinesische Grenzstadt Ruili am Montag erneut einen Lockdown, wie die staatliche Global Times berichtete.

Zum dritten Mal reagiert die Stadt an der Grenze zu Myanmar damit auf neue Corona-Fälle. Die dauerhaft niedrigen Infektionszahlen sind ein wichtiger politischer Erfolg für die KP, den sie auch durch eine weitestgehenden Schließung der Grenzen seit März 2020 erreicht hat.

Unklar ist, ob die Truppenpräsenz eher mit Sorgen zu tun hat, Covid-19 einzudämmen, oder ob doch strategische Erwägungen und der Schutz der Pipelines eine Rolle spielen. Die 770 Kilometer langen Leitungen quer durch Myanmar machen deutlich, welches strategische Gewicht das Land für Peking hat. Die Röhren öffnen eine alternative Rohstoffroute aus dem Indischen Ozean über Land nach Fernost, angeliefert werden Öl und Gas über Schiffe, die den von China ausgebauten Tiefseehafen Kyaukpyu anlaufen. Der Nachbar Indien beobachtet dies mit großer Aufmerksamkeit, weil es fürchtet, dass Kyaukpyu künftig auch militärisch von Peking genutzt werden könnte.

Erste Berichte über eine angebliche chinesische Truppenverstärkung gab es im April, zuvor sollen sich, wie damals das Online-Magazin Irrawaddy berichtete, chinesische Regierungsbeamte mit den neuen Machthabern in Myanmar getroffen haben, um sie zu drängen, den Schutz für die Pipelines zu erhöhen. In der Demokratiebewegung, die in den Untergrund gedrängt wurde, geht man von einer engen Allianz zwischen der Junta und der chinesischen Führung aus, was die Pipelines zu einem Ziel für mögliche Sabotageakte macht.

Das Kriegsrecht verhängte die Generäle nach einer Beschwerde Pekings

Anti-chinesische Reflexe in Myanmar sind verbreitet, sie führten schon vor Jahren dazu, dass Peking den Bau eines Staudamms einstellen musste. Im Frühjahr verhängten die Generäle das Kriegsrecht auf eine Klage der chinesischen Botschaft hin, nachdem Gebäude in einem Industrieviertel in Yangon in Flammen aufgegangen waren.

Proteste zielten im Frühjahr auch auf die Pipelines. "Chinas Gaspipeline wird verbrannt", skandierten Demonstranten in der Stadt Mandalay, wie die Nachrichtenagentur Reuters Mitte März berichtete. Und 770 Kilometer sind eine sehr lange Strecke, um sie abzusichern, selbst für eine so große Armee wie die in Myanmar.

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