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Muslimische NS-Helfer:Hitler wollte auf keinen Fall Kaffee trinken - auch nicht mit dem Mufti

Ende der Dreißigerjahre mahnte Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels die deutsche Presse zur Disziplin angesichts der neuen Propaganda-Sprachregel. Schmähungen gegen Muslime seien fortan unerwünscht.

Auch Berichte über Ähnlichkeiten zwischen dem Islam und dem Judentum, etwa die Speisevorschriften oder die rituelle Beschneidung, seien nunmehr zu unterlassen. Vielmehr sei der Islam als anti-bolschewistisch und antisemitisch zu loben.

Putschversuch in München

9. November 1923 - Hitlers vergeblicher Griff nach der Macht

Wobei, von "antisemitisch" sprachen die Nazis da schon nicht mehr. Um Araber nicht vor den Kopf zu stoßen, die sich von dem Begriff "semitisch" - der aus der Linguistik stammt - mitgemeint fühlen könnten, verwendete das Regime bereits nur noch den Ausdruck "antijüdisch".

Die Regierungsstelle für "Antisemitische Aktion" wurde in "Antijüdische Aktion" umbenannt, die Zeitungen sollten das Wort Antisemitismus aus ihrem Vokabular streichen. Und im September 1943 stellten die Nazis klar, dass die NSDAP auch "Deutschen, die Anhänger des Islam sind", offenstehe. Ein Partei-Rundschreiben, gezeichnet von Hitlers Parteisekretär Martin Bormann, erklärte, sie könnten "genauso Mitglieder der NSDAP sein wie die Anhänger christlicher Konfessionen."

Religiöse Flexibilität der braunen Truppe

Imam-Gebete für Hitler, religiöse Beschwörungen aus dem Munde von NS-Offizieren: Die Nazis erkannten eine strategische Chance darin, an religiöse Gefühle zu appellieren. Was die Details angeht, hatten sie sich da schon früh flexibel gezeigt. Noch auf der Weihnachtsfeier der NSDAP in München 1925 hatte Hitler erklärt, der Nationalsozialismus sei nichts als "eine praktisches Befolgung der Lehre Christi".

Im Zirkus Krone zu Beginn der Zwanzigerjahre, vor katholischen Kleinbürgern, entwurzelten Soldaten und deklassierten Akademikern, hatte er sich mit Jesus verglichen, wie sein Biograf Volker Ullrich zitiert: "Wir sind zwar klein, aber einst stand auch ein Mann auf in Galiläa, und heute beherrscht seine Lehre die ganze Welt."

Mohammed Amin al-Husseini bei Hitler

Adolf Hitler empfing Ende 1941 den Großmufti von Jerusalem. Der Gelehrte sollte bei den Arabern für NS-Ziele werben.

(Foto: SZ Photo)

Und in einem Brief an Bayerns konservativen Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr schrieb der NS-Propagandist Rudolf Heß 1921, Hitler sei "ein selten anständiger, lauterer Charakter, voll tiefer Herzensgüte, religiös, ein guter Katholik." Show? Natürlich, genauso wie die später plötzlich entdeckte Hochachtung für den Islam.

"Die deutsche Propaganda kombinierte den Islam mit antijüdischer Agitation", schreibt der Historiker Motadel, "und dies in einem Ausmaß, das die moderne islamische Welt bisher nicht kannte." Bilder von Juden als Feinden des Islam wurden von den Nazis oft mit Aufforderungen zur Solidarität mit den Palästinensern verbunden.

Als 1941 der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, in Berlin eintraf und als Gast der SS eine "arisierte" Villa bezog, nutzen die Nazis dies als Propaganda-Coup: Der Großmufti sollte in die arabische Welt hinein für NS-Ziele werben.

Als Hitler den Gast am 28. November 1941 in der Reichskanzlei empfing, vermied er es, die ausgestreckte Hand des Muslims anzunehmen, er gab ihm auch keine politischen Zusicherungen, keine Unterstützung für einen Palästinenser-Staat, die der Großmufti sich erhoffte, und später nie wieder eine Audienz.

Ende des Zweiten Weltkriegs 1945

Die letzten Tage des "Tausendjährigen Reiches"

Tatsache ist, dass die Nazis ihren muslimischen Kollaborateuren überhaupt nirgends politische Wünsche zu erfüllen bereit waren, weder auf dem Balkan noch in Zentralasien noch in den arabischen Ländern, sondern dass sie stets nur nach sich überschneidenden Interessen suchen.

Nach Angaben eines Dolmetschers des Treffens in der Reichskanzlei weigerte sich Hitler, mit seinem Besucher gemäß arabischer Tradition Kaffee zu trinken. Auf den vorsichtigen Hinweis des Dolmetschers hin schnauzte Hitler, er lasse es nicht zu, "dass überhaupt jemand im Hauptquartier Kaffee trinkt", ließ seinen Gast stehen und verschwand wutschnaubend für einige Minuten aus dem Raum. Nach seiner Rückkehr um Höflichkeit bemüht, ließ er dem Großmufti von Jerusalem durch einen SS-Mann ein Glas Limonade bringen.