Mord an Boris Nemzow:Ein Abgeordneter der Regierungspartei spricht von einem "Sakralmord"

Lesezeit: 5 min

Wjatscheslaw Nikonow, Abgeordneter der Regierungspartei Einiges Russland und Leiter der Stiftung "Russische Welt" ergänzt: "Diese Morde gehören zur Technologie der Regimewechsel." Er spricht von einem Sakralmord, ein Begriff, den auch schon der Leiter der obersten Ermittlungsbehörde benutzt hatte.

Die Ermittler schließen auch einen islamistischen Hintergrund nicht aus. Nachdem Nemzow sich Anfang des Jahres öffentlich mit dem Satiremagazin Charlie Hebdo solidarisiert habe, habe es Drohungen gegen ihn gegeben.

Welche Theorien gibt es sonst noch über den Mord?

Spekulationen gibt es viele. Ein Armee-Sender meldet, der Rechte Sektor aus der Ukraine stecke hinter der Tat. Ein Fernsehsender spekulierte, ein enttäuschter Liebhaber von Nemzows Freundin könnte der Täter sein; von einer Abtreibung in der Schweiz ist die Rede. Anna Durizkaja hat sich von der Möglichkeit einer Eifersuchtstat mittlerweile distanziert.

Nach Informationen der dpa warnte die nationale Ermittlungsbehörde angesichts der Vielzahl von Fernsehberichten vor einer "Desinformation" der Öffentlichkeit. Eine Aussage mit Brisanz: Der Vorwurf, mit Propaganda Desinformation zu betreiben, trifft die russische Regierung sonst aus den Reihen ihrer Kritiker. So spricht der amerikanische Historiker Timothy Snyder davon, dass die russische Propaganda im Krieg in der Ukraine gezielt Verwirrung stifte, indem viele, einander widersprechende Theorien gestreut würden. Diese würden den Glauben an den Journalismus untergraben und die Wahrheit quasi abschaffen.

Was ist bisher über den oder die Täter bekannt?

Nicht viel. Nach Berichten des staatlichen Fernsehsenders Rossija 24 hat Nemzows Freundin, Anna Durizkaja, den Täter beschrieben: Kurzes, dunkles Haar, Jeans und Pullover, etwa 1,70 Meter groß. Durizkaja, die nach eigenen Angaben tagelang festgehalten worden war, traf am späten Montagabend am Flughafen in Kiew ein. Sie sei aus Sicherheitsgründen tagelang in Moskau festgehalten worden und habe nicht in die Ukraine ausreisen dürfen. Das bestätigte sie in einem Telefonat mit einem Reporter der Bild-Zeitung.

Regierung wie Ermittler gehen laut Kommersant davon aus, dass die Täter keine Profis waren. Dafür spreche erstens der Umstand, dass sie in Nemzows Freundin die Hauptzeugin am Leben ließen. Zweitens hätten sie Patronen verwendet, die zum Teil fast 30 Jahre alt sind. Von den insgesamt sechs abgefeuerten Patronen stammten vier aus der Region Tscheljabinsk, hergestellt 1986, zwei andere sollen 1992 in Tula, einer Provinzstadt südlich von Moskau, hergestellt worden sein.

Stellte Nemzow eine politische Gefahr für Wladimir Putin dar?

Wladimir Putin ließ diese Frage durch seinen Sprecher mit einem klaren Nein beantworten. "Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt", sagte Kreml-Sprecher Peskow in einem Radiointerview. Nemzow sei "lediglich etwas mehr als ein normaler Bürger" gewesen.

Diese Ansicht wird auch von vielen unabhängigen Beobachtern geteilt: Putin genießt derzeit Zustimmungsraten von 85 Prozent und mehr in der russischen Bevölkerung. Die Opposition ist schwach. Nemzow hatte in den Neunzigerjahren zwar eine rasante politische Karriere gemacht - mit 33 Jahren jüngster Gouverneur der russischen Geschichte, mit 37 stellvertretender Ministerpräsident und inoffizieller Kronprinz Boris Jelzins -, doch sein Einfluss war mit dem Aufstieg Wladimir Putins gesunken. Nemzow wurde Putins schärfster Kritiker, aber nach den Maßstäben der Macht kein ebenbürtiger Gegner.

Dennoch richteten sich die politischen Kampagnen gegen "Volksverräter" und eine "fünfte Kolonne" in Russland immer wieder auch und im Besonderen gegen Nemzow. In der hetzerischen TV-Dokumentationsreihe "Anatomie des Protests" sollte sich die Folge vom vergangenen Sonntag eigentlich Boris Nemzow widmen. Nach seinem Tod wurde sie stillschweigend aus dem Programm genommen.

Es sind diese Diffamierungen, wegen derer viele Russen und ausländische Beobachter Putin zwar keine direkte Beteiligung, aber mindestens eine Mitverantwortung an dem Mord an Nemzow geben. Der Kreml und die von ihm gelenkten Medien hätten ein Klima des Hasses geschaffen. Kritiker wie Nemzow, auf den in den vergangenen Jahren bereits wiederholt Anschläge verübt worden waren, seien quasi zum Abschuss freigegeben worden.

Auf dem Trauermarsch für Nemzow am Sonntag hielten Demonstranten Schilder hoch, auf denen "Propaganda tötet" zu lesen war. "Die Bluttat selbst ist eine direkte Folge des von den Machthabern eingeschlagenen Kurses einer Mobilisierung der Gesellschaft", kommentierte die Moskauer Zeitung Wedomosti. "Der Krieg in der Ukraine und die Schaffung eines Feindbildes mit den Mitteln der Propaganda - das führt zur Spaltung der Gesellschaft in Eigene und Fremde."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema