Mord an Boris Nemzow:Wo die Wahrheit in Spekulationen ertrinkt

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Opposition leader Boris Nemtsov shot in Moscow

Ermittler am Tatort nahe des Kreml. Bisher wird in alle Richtungen ermittelt.

(Foto: dpa)

Wer erschoss Boris Nemzow? Die Antworten sind bisher so verschwommen wie die offenbar einzige Videoaufnahme der Tat. Theorien und Spekulationen gibt es dafür im Überfluss. Gut möglich, dass das Methode hat.

Von Alexandra Perlowa und Paul Munzinger

Im Fall des ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow gibt es viele Fragen und wenige Antworten. Ein Überblick:

Was ist über den Tathergang bekannt?

Am Tag seines Todes, dem vergangenen Freitag, war Boris Nemzow von 20 bis 21 Uhr zu einem Gespräch beim liberalen Radiosender Echo Moskaus zu Gast. Das Interview, in dem Nemzow Wladimir Putins Ukraine-Politik scharf kritisierte, gilt nun als sein politisches Vermächtnis. Nach dem Gespräch aß Nemzow mit seiner Lebensgefährtin, dem 23-jährigen ukrainischen Model Anna Durizkaja, zu Abend. Anschließend gingen sie über den Roten Platz Richtung Nemzows Wohnung, die auf der anderen Seite der Moskwa liegt. Auf der Großen Moskwa-Brücke, in Sichtweite des Kreml, wurde Nemzow kurz nach halb zwölf Uhr nachts erschossen.

Ein Unbekannter feuerte aus einer Pistole vom Typ Makarow mindestens sechs Mal von hinten auf Boris Nemzow, drei Kugeln trafen ihn in den Rücken, eine in den Kopf. Der oder die Täter flohen in einem weißen Auto.

Eine Überwachungskamera hat die Tat offenbar aus großer Entfernung aufgezeichnet. Einzelheiten sind schwer zu erkennen, das Bild ist verschwommen, dazu verdeckt ein Räumfahrzeug die Sicht auf den unmittelbaren Tathergang. Bis nach der Tat der erste Streifenwagen am Tatort eintrifft, vergehen zwölf Minuten - trotz der unmittelbaren Nähe zum Kreml. Ein weiteres Video zeigt den Wagen in Nahaufnahme.

Wieso gibt es nicht mehr Videoaufnahmen?

Abgesehen von dem Überwachungsvideo sind bisher keine Aufnahmen der Tat aufgetaucht. Dabei wird der Kreml, dessen Mauern nur etwa 100 Meter vom Tatort entfernt beginnen, von unzähligen Kameras überwacht. Warum es dennoch keine Bilder gibt, darüber gibt es bisher unterschiedliche Meldungen. Die russische Zeitung Kommersant hatte am Montagmorgen zunächst berichtet, einige Kameras seien für Reparaturarbeiten ausgeschaltet gewesen, andere hätten nur unscharfe Aufnahmen geliefert. Die Stadt Moskau wies diese Berichte zurück. Später schrieb Kommersant, die Kameras seien doch alle funktionstüchtig und eingeschaltet gewesen. Das Fehlen von Bildern erklärte die Zeitung nun damit, dass keine der am Kreml angebrachten Kameras auf den Tatort gerichtet gewesen sei. Die Große Moskwa-Brücke werde von ihnen grundsätzlich nicht erfasst.

In welche Richtung ermitteln die russischen Behörden?

Das "brutale Attentat", sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow am Wochenende, trage die "Zeichen eines Auftragsmordes" und sei "eine große Provokation". Das oberste russische Ermittlungskomitee sagte, der "minutiös" geplante Mord sei ein "Versuch zur Destabilisierung im Land". Ermittelt werde in die unterschiedlichsten Richtungen.

Am Montag berichteten russische Medien, dass General Igor Krasnow die Ermittlungen im Mordfall Nemzow leiten wird. Seine Sonderkommission soll aus zwölf Leuten bestehen. Krasnow gilt als Experte für Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund, seine (bisher offiziell noch nicht bestätigte) Ernennung wird somit als Indiz gewertet, die Ermittlungen könnten sich auf diesen möglichen Tathintergrund konzentrieren.

Doch die Rede von der "Provokation" und der gewünschten "Destabilisierung" des Landes soll den Verdacht auch auf andere mögliche Hintermänner lenken: Westliche Geheimdienste, die Ukraine oder sogar die russischen Liberalen selbst, die - so der krude Verdacht - einen der Ihren geopfert hätten, um den Mord Putin in die Schuhe zu schieben.

Der Chef der Kommunisten in Russland, Gennadi Sjuganow, gab im russischen Staatsfernsehen indirekt den USA die Schuld am Mord an Nemzow. "Wem nützt das Verbrechen?", fragt Sjuganow in der Sendung laut Deutschlandfunk, um dann selbst eine mögliche Antwort zu geben: "Dem Kreml nicht. Der Opposition nicht. Der regierenden Partei auch nicht. Es nützt denen, die das Bombardement Jugoslawiens organisiert haben, die die Kriege im Nahen Osten und den Maidan entfacht haben." Gemeint sind die USA.

Ein Abgeordneter der Regierungspartei spricht von einem "Sakralmord"

Wjatscheslaw Nikonow, Abgeordneter der Regierungspartei Einiges Russland und Leiter der Stiftung "Russische Welt" ergänzt: "Diese Morde gehören zur Technologie der Regimewechsel." Er spricht von einem Sakralmord, ein Begriff, den auch schon der Leiter der obersten Ermittlungsbehörde benutzt hatte.

Die Ermittler schließen auch einen islamistischen Hintergrund nicht aus. Nachdem Nemzow sich Anfang des Jahres öffentlich mit dem Satiremagazin Charlie Hebdo solidarisiert habe, habe es Drohungen gegen ihn gegeben.

Welche Theorien gibt es sonst noch über den Mord?

Spekulationen gibt es viele. Ein Armee-Sender meldet, der Rechte Sektor aus der Ukraine stecke hinter der Tat. Ein Fernsehsender spekulierte, ein enttäuschter Liebhaber von Nemzows Freundin könnte der Täter sein; von einer Abtreibung in der Schweiz ist die Rede. Anna Durizkaja hat sich von der Möglichkeit einer Eifersuchtstat mittlerweile distanziert.

Nach Informationen der dpa warnte die nationale Ermittlungsbehörde angesichts der Vielzahl von Fernsehberichten vor einer "Desinformation" der Öffentlichkeit. Eine Aussage mit Brisanz: Der Vorwurf, mit Propaganda Desinformation zu betreiben, trifft die russische Regierung sonst aus den Reihen ihrer Kritiker. So spricht der amerikanische Historiker Timothy Snyder davon, dass die russische Propaganda im Krieg in der Ukraine gezielt Verwirrung stifte, indem viele, einander widersprechende Theorien gestreut würden. Diese würden den Glauben an den Journalismus untergraben und die Wahrheit quasi abschaffen.

Was ist bisher über den oder die Täter bekannt?

Nicht viel. Nach Berichten des staatlichen Fernsehsenders Rossija 24 hat Nemzows Freundin, Anna Durizkaja, den Täter beschrieben: Kurzes, dunkles Haar, Jeans und Pullover, etwa 1,70 Meter groß. Durizkaja, die nach eigenen Angaben tagelang festgehalten worden war, traf am späten Montagabend am Flughafen in Kiew ein. Sie sei aus Sicherheitsgründen tagelang in Moskau festgehalten worden und habe nicht in die Ukraine ausreisen dürfen. Das bestätigte sie in einem Telefonat mit einem Reporter der Bild-Zeitung.

Regierung wie Ermittler gehen laut Kommersant davon aus, dass die Täter keine Profis waren. Dafür spreche erstens der Umstand, dass sie in Nemzows Freundin die Hauptzeugin am Leben ließen. Zweitens hätten sie Patronen verwendet, die zum Teil fast 30 Jahre alt sind. Von den insgesamt sechs abgefeuerten Patronen stammten vier aus der Region Tscheljabinsk, hergestellt 1986, zwei andere sollen 1992 in Tula, einer Provinzstadt südlich von Moskau, hergestellt worden sein.

Stellte Nemzow eine politische Gefahr für Wladimir Putin dar?

Wladimir Putin ließ diese Frage durch seinen Sprecher mit einem klaren Nein beantworten. "Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt", sagte Kreml-Sprecher Peskow in einem Radiointerview. Nemzow sei "lediglich etwas mehr als ein normaler Bürger" gewesen.

Diese Ansicht wird auch von vielen unabhängigen Beobachtern geteilt: Putin genießt derzeit Zustimmungsraten von 85 Prozent und mehr in der russischen Bevölkerung. Die Opposition ist schwach. Nemzow hatte in den Neunzigerjahren zwar eine rasante politische Karriere gemacht - mit 33 Jahren jüngster Gouverneur der russischen Geschichte, mit 37 stellvertretender Ministerpräsident und inoffizieller Kronprinz Boris Jelzins -, doch sein Einfluss war mit dem Aufstieg Wladimir Putins gesunken. Nemzow wurde Putins schärfster Kritiker, aber nach den Maßstäben der Macht kein ebenbürtiger Gegner.

Dennoch richteten sich die politischen Kampagnen gegen "Volksverräter" und eine "fünfte Kolonne" in Russland immer wieder auch und im Besonderen gegen Nemzow. In der hetzerischen TV-Dokumentationsreihe "Anatomie des Protests" sollte sich die Folge vom vergangenen Sonntag eigentlich Boris Nemzow widmen. Nach seinem Tod wurde sie stillschweigend aus dem Programm genommen.

Es sind diese Diffamierungen, wegen derer viele Russen und ausländische Beobachter Putin zwar keine direkte Beteiligung, aber mindestens eine Mitverantwortung an dem Mord an Nemzow geben. Der Kreml und die von ihm gelenkten Medien hätten ein Klima des Hasses geschaffen. Kritiker wie Nemzow, auf den in den vergangenen Jahren bereits wiederholt Anschläge verübt worden waren, seien quasi zum Abschuss freigegeben worden.

Auf dem Trauermarsch für Nemzow am Sonntag hielten Demonstranten Schilder hoch, auf denen "Propaganda tötet" zu lesen war. "Die Bluttat selbst ist eine direkte Folge des von den Machthabern eingeschlagenen Kurses einer Mobilisierung der Gesellschaft", kommentierte die Moskauer Zeitung Wedomosti. "Der Krieg in der Ukraine und die Schaffung eines Feindbildes mit den Mitteln der Propaganda - das führt zur Spaltung der Gesellschaft in Eigene und Fremde."

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