Mixa, Käßmann, Koch und Co. "Verdacht der Amtsmüdigkeit"

SZ: Sie schreiben, die Abdankung sei "im System der Geschichte als eines Prozesses der Machtsteigerung nicht vorgesehen, da es bedeutet, aus der Geschichte auszuziehen". Haben all die aktuellen Rücktritte auch damit zu tun, dass die Politiker das Gefühl haben, keine Macht mehr zu haben und eben auch nicht mehr historische Personen sondern austauschbares Personal zu sein?

Roland Koch

Das Stehaufmännchen sagt tschüss

Mayer: Es drängt sich für mich zumindest bei Roland Koch und Ole von Beust eher der Verdacht der Amtsmüdigkeit auf. Wenn die beiden in eine hohe Position in der Wirtschaft wechseln, dann ist das kein Austritt aus der Geschichte. Der Austritt bedeutet ja die implizite Kritik an der Macht durch den Verzicht auf sie.

SZ: Sulla, Papst Cölestin und vor allem Karl V. haben immer wieder Künstler angeregt, siehe Mozarts "Lucio Silla", Reinhold Schneiders "Engelpapst" über das Ein-Tages-Interregnum Cölestins oder Verdis "Don Carlos". Taugen die Figuren, die im vergangenen Jahr abgedankt haben, für eine künstlerische Bearbeitung?

Mayer: Ich fürchte, dass einige von denen doch eher für die Satire in Frage kommen als zur Legendenbildung. Für mich strahlte allenfalls Margot Käßmanns Entschluss innere Stimmigkeit aus.

SZ: In den künstlerischen Bearbeitungen werden die Abdankenden meist zu Heiligen oder Heroen stilisiert. Warum? Welche Sehnsucht des Publikums wird durch die Abdankung bedient?

Mayer: Die Fähigkeit zu einer solchen Abdankung setzt voraus, dass ein Machthaber jenseits politischer Horizonte denken kann, dass er sich als moralisches, verantwortungsvolles Wesen wahrnimmt. Weshalb die geglückte Abdankung in früheren Zeiten oft mit einer religiösen Grundeinstellung verbunden war, dem Wissen um die eigene Endlichkeit.

SZ: Wird vielleicht auch deshalb Margot Käßmanns Rücktritt so anders wahrgenommen? Beeindruckt vielleicht gerade in unseren säkularen Zeiten jemand, der noch eine Art ethische Hintergrundstrahlung mitbringt? Käßmanns Satz, sie könne nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, wurde ja mantraartig oft zitiert.

Mayer: Das mag sein. Zumindest spürte man bei ihr ohne alles falsche Getue ein Bewusstsein für die menschlichen und damit auch eigenen Anfälligkeiten und Anfechtungen.

SZ: Sie skizzieren eine Ethik des Rückzugs, zu der die Geschichte und Politik weit weniger in der Lage sind als die Künste. Wie sieht diese Ethik aus?

Mayer: Ethik heißt dabei, den Mut aufzubringen, die eigenen Voraussetzungen in Frage zu stellen. Der Rückzug hat ja etwas Asketisches, bedeutet er doch Verzicht auf Reputation und Repräsentation. Deshalb ist er oft in der Nähe zur Religion zu sehen. In säkularen Zeiten wird man da freilich nicht oft dran denken.

SZ: Als Edmund Stoiber 2002 Gerhard Schröder unterlag, sprach der Psychoanalytiker Fritz B. Simon von einem merkwürdig interessanten Freiheitszugewinn durch den Akt des Verlierens: "Wer sich selbst zum Verlierer ernennt, braucht keine Bestätigung mehr von seinem Gegenüber." Erhard Eppler hat sich selbst einmal also solchen "befreiten Verlierer" definiert, als er ausschied aus dem Kabinett von Helmut Schmidt.

Mayer: Diese innere Befreiung habe ich weder bei Dieter Althaus noch bei Jürgen Rüttgers gesehen. Die sind eher ihrer endgültigen Entmachtung zähneknirschend zuvorgekommen.