Militäreinsatz der Türkei:Kurdischer Knoten

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Turkish forces are seen near Mount Barsaya

Türkisches Militär in Nordsyrien.

(Foto: REUTERS)

Ankaras Militäreinsatz in Syrien könnte sehr blutig werden und lange dauern. Denn dadurch wird der alte Konflikt mit den Kurden am Leben erhalten. Das gefährdet auch die Türkei selbst.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu gebrauchte jüngst eine Formulierung, die man aus dem Jugoslawien-Krieg in Erinnerung hat: "ethnische Säuberungen". Çavuşoğlu warf den sogenannten kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) in Syrien vor, sie würden Araber und auch Kurden, die ihre marxistische Ideologie nicht teilten, vertreiben und deren Rückkehr aus türkischen Flüchtlingslagern nach Nordsyrien verhindern. Beweise dafür führte er nicht an.

Die Beschwörung eines historischen Verbrechens aber sollte wohl den Rahmen abstecken für das, was wenige Tage später folgte: Türkische Truppen marschierten in Syrien ein. Sie haben dort den Auftrag, die YPG zu vertreiben, den Kanton Afrin "zu säubern", wie Çavuşoğlu nun sagt.

Der Krieg und seine Sprache - in der Türkei ist man geübt darin, nationale Interessen, aber auch nationale Traumata in drastische Worte zu kleiden. Die türkische Opposition, Kemalisten wie Ultranationalisten, unterstützt den Kriegseinsatz in Syrien. Sie übernehmen auch das Narrativ der Regierung, in Afrin gehe es darum, kurdische "Terroristen" zu stoppen, die später auch das türkische Staatsgebiet teilen könnten.

Selbst das Armenische Patriarchat in Istanbul wünscht der türkischen Armee "Erfolg". Wer darüber staunt, der kann sogar hundert Jahre in die türkische Geschichte zurückblenden, bis zur unrühmlichen Rolle kurdischer Clans bei den Massakern an den Armeniern. All die historischen Vergleiche und Beschwörungsformeln sind gefährlich, weil sie aktuelle Konfliktlösungen erschweren.

Kurdischer gegen türkischen Nationalismus - das Drama seit 40 Jahren

Denn eigentlich müsste sich die Türkei vor den syrischen Kurden nicht fürchten, wenn sie es endlich schaffen würde, mit den Kurden im eigenen Land Frieden zu schließen. Sie war - ausgerechnet angetrieben vom heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der nun den Syrien-Einsatz befiehlt - hier vor ein paar Jahren auf gutem Weg. Dann wurde die politische Partei der Kurden im türkischen Parlament so mächtig, dass sie Erdoğans absolute Mehrheit gefährdete.

Heute sitzt die Spitze der Kurden-Partei im Gefängnis. Die kurdisch-türkische PKK, der ideologische Übervater der syrischen YPG, hat die Eskalation mit Anschlägen mitbefeuert. Die PKK setzt ihren kurdischen Nationalismus gegen den türkischen. Das ist das Drama der Türkei seit 40 Jahren.

Die Türkei wäre gerne die regionale Großmacht

Der Zerfall Syriens hat den Kurden nun ein quasi autonomes Gebiet beschert, das sie Rojava nennen und als eine Art Verheißung betrachten, sie werden es mit aller Macht verteidigen. Der türkische Militäreinsatz könnte sehr blutig werden und lange dauern - auch wenn es Ankara gelingen sollte, eine 30 Kilometer breite "Sicherheitszone" an der Grenze zu schaffen. Dort müsste die Türkei dann wohl als Besatzungsmacht in Syrien bleiben.

Womöglich will die Türkei aber genau das: bei der Neuordnung der Machtverhältnisse in Syrien mitspielen - wie es Russland, Iran und die USA auch tun. Die Türkei wäre gern die regionale Großmacht, die an allen Verhandlungstischen sitzt. Ankara ist das umso wichtiger, je größer die Distanz zum Westen wird. Damit wird das Verhalten der Türkei ein immer größeres Problem für ihre bisherigen Bündnispartner. Die Türkei ist seit 65 Jahren Nato-Mitglied, alle Militärputsche seit 1960 haben daran nichts geändert, weil es die USA und Europa so wollten.

Die Militäraktion gefährdet auch die Türkei

Deshalb konnte die türkische Armee auch deutsche Leopard-Panzer erhalten. Immer wieder gab es daran Kritik, vor allem, wenn Panzer bei Kämpfen gegen die PKK in Anatolien gesichtet wurden. Diese Amateuraufnahmen waren meist verschwommen, es durfte gerätselt werden. Nun verbreitet die halbstaatliche Agentur Anadolu selbst gestochen scharfe Bilder von Leo-2-Panzern auf der Fahrt nach Syrien. Da wird nichts mehr verschleiert, es sind Bilder für Facebook und fürs Fernsehen, sie sollen den Gegner einschüchtern.

Das alles ist schwer erträglich. Aber was folgt daraus? Die Türkei wird die Nachrüstung für die deutschen Panzer jetzt nicht bekommen, auch wenn Sigmar Gabriel das seinem Kollegen Çavuşoğlu schon zugesagt hatte. Denn Deutschland würde jetzt in ein Kriegsgebiet liefern. Aber mit welchem Kriegsgerät die Türkei marschiert, ist nicht das eigentliche Problem.

Die Militäraktion ist nicht nur brandgefährlich, weil sie zu neuen Vertreibungen und Toten in Syrien führen wird, sie ist auch eine Gefahr für die Türkei selbst - weil sie den alten Konflikt mit den Kurden am Leben halten wird. Damit ist niemandem gedient. Das müssen die Verbündeten der Türkei sagen, immer wieder.

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