Militäraktion in Syrien Ein Schlag mit vor allem symbolischer Wirkung

  • Die USA, Großbritannien und Frankreich haben mit einer seit Tagen erwarteten Militäraktion auf den mutmaßlichen Giftangriff auf Duma reagiert.
  • Ziele waren Anlagen nahe Damaskus und Homs, die im Zusammenhang mit der Produktion von Chemiewaffen stehen sollen.
  • US-Verteidigungsminister James Mattis stellte klar, dass zunächst keine weiteren Schläge gegen Syrien folgen würden.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Die USA, Frankreich und Großbritannien haben nach eigenen Angaben in der Nacht drei direkt mit dem geheimen Chemiewaffenprogramm in Syrien verbundene Anlagen angegriffen. Die Verbündeten entscheiden sich damit für einen eng begrenzten Militärschlag, der vor allem symbolische Wirkung hat. Geschuldet war dies offenkundig dem Bemühen, eine Eskalation zu vermeiden, die auch das Risiko einer direkten Auseinandersetzung mit Russland mit sich gebracht hätte - wie die angreifenden Staaten ebenfalls eine Atommacht.

US-Präsident Donald Trump betonte in einer kurzen Fernsehansprache, der Angriff habe zum Ziel, die internationale Ächtung von Chemiewaffen zu stärken, auf die sich die "zivilisierten Nationen nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs geeinigt" hätten. Die Abschreckung gegen ihre Nutzung und Verbreitung müssten bewahrt werden.

Von USA geführte Koalition hat Syrien angegriffen

Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in der Nacht zum Samstag Lager und Forschungseinrichtungen von Chemiewaffen in Syrien beschossen. US-Präsident Trump spricht von gezielten "Präzisionsschlägen", Frankreich von der Zerstörung eines "großen Teils" des Chemiewaffen-Arsenals. mehr ...

Zugleich kritisierte Trump Russland und Iran scharf dafür, das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu unterstützen. Russland müsse sich entscheiden, ob es "diesen dunklen Pfad weitergehen will oder zusammen mit zivilisierten Nationen eine Kraft für Frieden und Stabilität werden will". Er verband das mit einem neuerlichen Angebot für engere Zusammenarbeit. Verteidigungsminister James Mattis stellte klar, dass zunächst keine weiteren Schläge in Syrien folgen würden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, sein Land könne nicht zulassen, dass der Einsatz von Chemiewaffen trivialisiert werde. Er hatte noch am Freitag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert - auch das offenkundig ein Versuch, mögliche Missverständnisse über die Ziele des Militärschlags von vorneherein auszuräumen. Die britische Premierministerin Theresa May äußerte sich ähnlich: "Es geht nicht darum, in den Bürgerkrieg zu intervenieren", sagte sie. "Es geht nicht um einen Regime-Wechsel."

Damit haben sich in der US-Regierung die Befürworter eines eng umgrenzten Militäreinsatzes durchgesetzt, allen voran Verteidigungsminister Mattis, der am Donnerstag vor dem Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses gesagt hatte, seine größte Sorge sei, dass der Konflikt "auf strategischer Ebene außer Kontrolle gerät". Auch Macron hatte sich dafür ausgesprochen, nur Ziele anzugreifen, die in direktem Zusammenhang mit dem "verborgenen Chemiewaffen-Programm stehen".

UN-Sicherheitsrat tritt zu Dringlichkeitssitzung zusammen

Das hatte Russlands Präsident Putin gefordert. Irans Regierungschef Rohani versichert Assad, weiter an dessen Seite zu stehen. Kanzlerin Merkel bezeichnete den Angriff als "angemessen". mehr ...

Russland hatte gedroht, nicht nur anfliegende Raketen abzuschießen, sondern auch die Plattformen anzugreifen, von denen sie abgefeuert wurden. Bewohner von Damaskus berichteten zwar davon, dass Luftabwehrraketen abgefeuert wurden, über Gegenangriffe auf Schiffe und Flugzeuge der drei angreifenden Staaten aber wurde nichts bekannt.

Keine Bestätigung gab es für Berichte aus Syrien, im Großraum Damaskus seien auch Einrichtungen der Vierten Armeedivision getroffen worden, die unter dem Kommando von Maher al-Assad steht, dem Bruder des Präsidenten, sowie der Republikanischen Garden, einer weiteren Eliteeinheit.

Putin forderte mittlerweile eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats und verurteilte die Luftschläge scharf. Russlands Botschafter in Washington, Anatoli Antonow, erklärte: "Wir haben gewarnt, dass solche Handlungen nicht ohne Konsequenzen bleiben werden", führte dies aber nicht weiter aus. In der Vergangenheit hat es Moskau bei politischen Antworten belassen. Die USA haben offiziell etwa 2000 Soldaten in Syrien stationiert, die in einem Gebiet östlich des Euphrat gegen die Terrormiliz Islamischer Staat vorgehen. Bislang hat Russland dies geduldet und sowohl die USA als auch Jordanien in eine Vereinbarung über eine Deeskalationszone im Süden des Landes einbezogen.

Militärschlag hat doppelten Umfang wie der US-Angriff 2017

Russland sei von dem bevorstehenden Angriff zwar nicht formell gewarnt worden, sagte US-Generalstabschef, General Joseph F. Dunford. Man habe aber eine Standleitung mit dem russischen Militär genutzt, die 2016 eingerichtet worden war, um im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" Zwischenfälle zwischen russischen und amerikanischen Kampfjets und den versehentlichen Beschuss von Bodentruppen der anderen Seite zu vermeiden.

Diese Leitung verbindet den Kommandostand des russischen Luftwaffenstützpunktes Khmeimim an der syrischen Mittelmeerküste bei Latakia mit dem Hauptquartier der US-Luftwaffe für den Nahen Osten auf dem Militärflugplatz al-Udeid nahe der katarischen Hauptstadt Doha.

Russland und Syrien bestreiten, dass es in Duma einen Chemiewaffenangriff gab. Am Freitag dann beschuldigte Russland Großbritannien, diesen zusammen mit syrischen Gruppen fingiert zu haben.

Der Militärschlag in Syrien in der Nacht hatte nun etwa den doppelten Umfang wie der Angriff auf das Flugfeld Schayrat im April 2017. Damals hatte US-Präsident Trump in Reaktion auf einen nachweislichen Angriff mit Sarin auf den Ort Khan Scheikhun 58 Marschflugkörper abfeuern lassen. Diesmal trafen nun Marschflugkörper und Raketen, abgefeuert von drei US-Kriegsschiffen, einem britischen U-Boot und Kampfflugzeugen der beteiligten Staaten drei Ziele: Bei Damaskus eine Einrichtung in Barzah, die offenkundig zum Scientific Studies and Research Center gehört. Dieses gilt westlichen Geheimdiensten als Kern des syrischen Chemiewaffenprogramms und anderer Aktivitäten im Zusammenhang mit nicht-konventionellen Waffen und dem syrischen Raketen-Programm.

Überdies wurden zwei Ziele westlich von Homs angegriffen. Nach den Worten von US-Generalstabschef Dunford handelte es sich dabei um eine Produktionsstätte für den Nervenkampfstoff Sarin und eine Einrichtung, die Teil eines militärischen Kommandostandes war. Sie soll bei Chemiewaffen-Einsätzen eine Rolle gespielt haben.

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