bedeckt München -2°

Mike Pence:"Nach allem, was ich für ihn getan habe ..."

Die Demokraten wollen, dass Mike Pence den 25. Zusatzartikel aktiviert.

(Foto: Erin Schaff/AP)

Vizepräsident Pence war Trump bis zur Selbstaufgabe treu. Jetzt muss er entscheiden, ob er den abgewählten US-Präsidenten aus dem Oval Office wirft. Oder ihn weitermachen lässt. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass er einen Entschluss gefasst hat.

Von Thorsten Denkler, New York

In der Nacht zu vergangenem Donnerstag kommt um 3.41 Uhr Washingtoner Zeit der Moment, der Mike Pence zum Verräter macht. Zumindest in den Augen von US-Präsident Donald Trump und seinen Anhängern.

Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten steht nach einem langen und verstörenden Tag hinter seinem Pult im Sitzungssaal des Repräsentantenhauses und kommt seiner letzten Amtspflicht nach. Er liest in der gemeinsamen Sitzung von Repräsentantenhaus und Senat die Zahlen vor, die das Ende seiner Amtszeit bedeuten: 306 Stimmen aus dem Wahlleutegremium für Biden und Harris. Für Trump und ihn 232 Stimmen.

Sein Ton ist fest, nüchtern, technisch. Ein Sprechroboter hätte die Aufgabe nicht präziser ausführen können. Pence scheint jeden Eindruck vermeiden zu wollen, irgendeinen Einfluss auf das Geschehen zu haben.

Tausende Trump-Anhänger hatten anderes von ihm erwartet. Sie hatten am Nachmittag zuvor das Kapitol gestürmt, um den Zertifizierungsprozess zu verhindern. Wütende Horden waren das, die marodierend durch die Gänge zogen, das Heiligtum der US-amerikanischen Demokratie befleckten, Büros verwüsteten. Schüsse fielen. Fünf Menschen hat dieser Tag das Leben gekostet. Der Sturm auf das Kapitol wird in die Geschichte der USA eingehen.

Es war Trump, der in einer Rede vor dem Weißen Haus die Menge aufgestachelt hat, zum Kapitol zu ziehen. Darum wollen ihn die Demokraten wegen "Anstiftung zu einem Aufstand" spätestens am Mittwoch impeachen, also vor dem Senat anklagen.

Pence geben die Demokraten vorher noch die Chance, selbst aktiv zu werden. Per Abstimmung wollen sie ihn an diesem Dienstag im Repräsentantenhaus auffordern, innerhalb von 24 Stunden den 25. Zusatzartikel zur Verfassung zu aktivieren. Was bedeutet, dass er in der Zeit das Kabinett zusammenrufen müsste, das dann mehrheitlich Trump für amtsunfähig erklären soll.

"Hängt Mike Pence! Hängt Mike Pence!", rufen Aufständische

Pence hat sich bisher dazu nicht öffentlich geäußert. Aber er wird der Aufforderung, nach allem was bekannt ist, nicht folgen. Auch wenn er sich angeblich den 25. Verfassungszusatz in den vergangenen Tagen durchaus als Option offengelassen haben soll. Für den Fall, dass Trump noch einmal zu einer Gefahr wird.

Am Montagabend, sechs Tage nach dem Sturm, wird bekannt, dass Pence und Trump immerhin wieder miteinander gesprochen haben. Ein Regierungsvertreter teilte mit, es sei ein "gutes Gespräch" gewesen. Es sei im Weißen Haus auch um die Ausschreitungen gegangen. Beide hätten bekräftigt, dass Gesetzesverstöße beim Sturm auf das Kapitol nicht im Einklang mit der Trump-Bewegung stünden. Sie hätten auch die nächsten Tage besprochen. Trotz deutlicher Absetzbewegungen sieht es also so aus, als würde Pence nicht versuchen, den 25. Zusatzartikel zu aktivieren. Als würde Pence auch ein letztes Mal zu Trump halten.

Mike Pence hätte vieles vielleicht verhindern können. Etwa, als Trump im Frühjahr 2017 FBI-Chef James Comey feuerte, in der Hoffnung, damit die Russland-Ermittlungen zu beenden. Damals soll der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein intern die Frage diskutiert haben, ob das ein Grund sein könne, Trump aus dem Amt zu entfernen. Oder nachdem herauskam, dass Trump den ukrainischen Präsidenten genötigt hatte, gegen seinen möglichen Herausforderer Joe Biden zu ermitteln. Dieser, wie Trump bis heute behauptet, "perfekte" Anruf, führte zum ersten Impeachment gegen Trump.

In beiden Fällen ist es Pence nicht in den Sinn gekommen, zu handeln. Pence hätte damit wohl auch seine eigene politische Zukunft begraben. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, selbst eines Tages als gewählter Präsident ins Weiße Haus einzuziehen. Das Vizepräsidentenamt sollte für ihn das Sprungbrett ins Oval Office sein. Auch deshalb hat er sich dieses eine Mal gegen Trump entschieden.

Vergangenen Dienstag, als Trump noch Zugang zu seinem Twitter-Konto hatte, postete er, dass "wir die Präsidentschaft gewinnen", wenn Pence ihn statt Biden zum Sieger der Wahl ausruft. Pence stand endgültig vor der Frage, deren Beantwortung er unbedingt vermeiden wollte: Sollte er sich zu einem Komplizen von Trump machen in dessen Bestreben, ein rechtsgültiges Wahlergebnis zu kippen? Oder sich seinen verfassungsmäßigen Pflichten unterwerfen?

Er entschied sich für die Verfassung. Im letzten Moment. Und damit zum ersten Mal gegen Trump. Am Mittwochmorgen erst ließ er eine Erklärung veröffentlichen, in der er sich als außerstande beschreibt, eine Verfassung zu verletzen, der er im Namen Gottes seine Treue geschworen habe.

Trump soll die Wut gepackt haben. Er twitterte, Pence "fehle der Mut", das Nötige zu tun. Kurz danach trat Trump vor dem Weißen Haus vor Zehntausenden seiner Anhänger auf und forderte von ihnen, zum Kapitol zu marschieren. Sie sollten dort den "Schwachen" unter den Republikanern zeigen, was der rechte Weg sei.

Was der rechte Weg für Pence sein sollte, da hatten einige von Trumps Anhängern sehr konkrete Vorstellungen: direkt in die Hölle. Wenig später erschallten vor dem Kapitol die Rufe: "Hängt Mike Pence! Hängt Mike Pence!" Aufständische errichteten vor dem Kapitol einen Galgen für Pence. Nur symbolisch, wie es schien.

Ein Pressefotograf der Agentur Reuters aber berichtet später, er habe mindestens drei Aufständische sagen gehört, sie suchten den "Verräter" Pence, um ihn im Kapitol aufzuknüpfen. Und im Weißen Haus soll Trump den Quellen von Jonathan Swan zufolge, einem Reporter der Nachrichtenseite Axios, die Fernsehbilder des Aufstandes mit einer "gewissen Genugtuung" verfolgt haben.

Trump und Pence, das war immer ein Zweckbündnis. Eines, in dem sich Pence von Trump benutzen ließ in der Hoffnung, sich eines Tages Trump zu Nutzen machen zu können. Eine Hoffnung, die Pence am 6. Januar begraben musste.

Der langjährige Senator James Inhofe aus Oklahoma sagte seiner Heimatzeitung Tulsa World, er habe noch am Abend des Aufstands lange mit seinem alten Freund Pence gesprochen. Er habe Pence nie so verärgert gesehen. An einer Stelle habe der Vizepräsident ihm über Trump gesagt: "Nach allem, was ich für ihn getan habe ..."

Die Enttäuschung mag echt sein. Aber Pence hätte all das wohl ahnen können. Wenn er gewollt hätte.

© SZ/jsa
Zur SZ-Startseite

SZ PlusUSA
:Donald - allein zu Haus

Der US-Präsident verbringt die letzten Tage seiner Amtszeit damit, wenig zu machen. Die Demokraten setzen derweil alles daran, ihn früher aus dem Weißen Haus zu entfernen und bringen ein zweites Impeachment-Verfahren auf den Weg.

Von Christian Zaschke

Lesen Sie mehr zum Thema