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Michail Prochorow will Russlands Präsident werden:Ein Kandidat des Kreml?

Und doch ist es wohl kein Zufall, dass unter den Prochorow-Anhängern im Konferenzsaal auch viele sind, die sich zugleich wohlwollend über Putin äußern. Denn trotz seiner Kritik am Kreml sind längst nicht alle in Russland von Prochorows politischer Unabhängigkeit überzeugt. Ist er im Gegenteil sogar ein Kandidat des Kreml, ein liberaler Köder für die unzufriedene Mittelschicht? Prochorow weist diese kursierende Vermutung zurück. Aber er bleibt das größte Rätsel in diesem Wahlkampf.

Die Kontrollsucht des Kreml und die Praxis der vergangenen Jahre sprechen dagegen, dass ein Milliardär einfach so in die große Politik preschen und das bestehende Machtgefüge angreifen darf, ohne zugleich seinen Besitz zu gefährden. Prochorow hatte das Fundament seines Reichtums in den wilden neunziger Jahren gelegt. Er begann früh mit dem Verkauf von Jeans, schon als Student konnte er sich einen eigenen Lada leisten. Damals war das eine Seltenheit.

Zwei Jahre später verdiente er seine erste Million, als er sich dem Geschäftsmann Wladimir Potanin anschloss und die beiden gemeinsam eine Aktionärsbank eröffneten. Später wurde Prochorow Leiter des Weltkonzerns Norilsk Nickel mit Tausenden Mitarbeitern. Er versucht dies nun als eine Art Regierungserfahrung zu verbuchen. "Das Unternehmen war wie eine kleine Stadt", sagt er. Damals durfte er wie viele andere Oligarchen in Ruhe Geschäfte machen, solange er sich aus der Politik, der oppositionellen zumal, heraushielt. Das tat er auch.

Im Sommer wurde Prochorow dann überraschend Chef der Partei Gerechte Sache, die der Kreml einst als Scheinopposition geschaffen hatte. Kurz darauf scheiterte das Projekt in einem Eklat. Prochorow wurde als Parteichef abserviert, er selber beschuldigte deswegen den Kreml-Strategen Wladislaw Surkow und bezeichnete ihn als "Puppenspieler". Inzwischen ist Surkow als wichtigster Strippenzieher des Kreml abgelöst worden.

Und Prochorow ging als Präsidentschaftskandidat in die Politik zurück. Zwei Millionen Unterschriften musste er der Wahlkommission für seine Bewerbung vorlegen. Während der demokratische Konkurrent Grigorij Jawlinskij wegen zu vieler ungültiger Unterschriften ausgeschlossen wurde, lag die Zahl der ungültigen Stimmen bei Prochorow knapp unterhalb der zulässigen Grenze. Glück, Zufall, oder Berechnung?

Wahlen sind in Russland stets geplant worden. Womöglich darf sich Prochorow als Kritiker so weit vorwagen, weil der Kreml davon ausgeht, dass die Mehrheit der Russen einen Milliardär ohnehin nicht wählen wird. "Ich weiß auch nicht, ob er im Auftrag des Kremls antritt", sagt ein langjähriger Freund Prochorows recht ratlos, "zu 50 Prozent ja, zu 50 Prozent nein".

Im Hotelsaal von Sotschi ist die Meinung weniger geteilt. "Ich glaube nicht, dass Prochorow eine Marionette des Kreml ist", sagt der Wirtschaftsstudent Bagarjan Wartekes. "Dazu hat er zu unterschiedliche Ansichten." Aber sollte sich Putin durchsetzen, muss Prochorow sie auch nie beweisen. Eines seiner Versprechen scheint schon jetzt aussichtslos zu sein. Als eine junge Frau den reichen Junggesellen per Zettel fragt, ob er sie heiraten werde, da sagt er: "Lass uns das nach den Wahlen ausmachen."