Michail Prochorow will Russlands Präsident werden:Kandidat unter Marionettenverdacht

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Er ist der drittreichste Mann Russlands, besitzt einen amerikanischen Basketball-Klub und ist Chef eines Investmentfonds. Jetzt will Michail Prochorow angeblich Wladimir Putin herausfordern und Präsident werden. Aber längst nicht alle sind von seiner politischen Unabhängigkeit überzeugt. Ist er gar ein Kandidat des Kreml?

Frank Nienhuysen, Moskau

Für Jelena Michailowna hat sich das Kommen gelohnt, denn sie hält plötzlich einen Strauß roter Rosen in ihrem Arm. Sie steht gerade zufällig da, direkt an der Seitentür, durch die Michail Prochorow den Saal verlässt. Und so drückt er ihr schnell die Blumen in die Hand, die er gerade selber erst geschenkt bekommen hat. Denn natürlich will Prochorow keine roten Rosen durch den langen Tag schleppen.

Milliardär Prochorow zur Kremlwahl zugelassen

Michail Prochorow, 46, drittreichster Mann Russlands: Angeblich will er bei der Wahl gegen Wladimir Putin antreten.

(Foto: dpa)

Er muss schnell zum nächsten Treffen mit örtlichen Unternehmern und dann in sein Flugzeug, das schon wartet, um ihn zurück nach Moskau zu bringen. Sein Mitarbeiter macht ihm ohnehin schon hektische Zeichen, kreuzt die erhobenen Unterarme und macht Prochorow so deutlich, dass er nun wirklich Schluss machen müsse. Wahlkampf heißt eben auch, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit für sich zu gewinnen.

Bei der neuen Blumenbesitzerin Jelena Michailowna scheint ihm das gelungen zu sein. "Ich werde für Prochorow stimmen", sagt sie und flüstert, "wir wollen doch alle Veränderungen." Natascha Sergejewna sieht das alles noch nicht so klar. Vor einer Stunde sagte sie noch bestimmt, sie werde am 4. März Wladimir Putin wählen. Und sie hat dafür auch ihre Gründe: Die junge Frau mit den kurzen dunklen Haaren ist Tourismus-Studentin in Sotschi, und wenn Putin in einer russischen Region den Tourismussektor antreibt, dann ist es dieser Badeort am Schwarzen Meer, in dem in zwei Jahren mit Putins Hilfe die Olympischen Winterspiele stattfinden. Jetzt aber hat Prochorow gerade seine einstündige Plauderstunde mit jungen Bürgern aus Sotschi beendet - und auf die Frage, ob sie nun immer noch Putin wählen werde, sagt Natascha Sergejewna: "Ich bin mir da jetzt nicht mehr so sicher."

Eigentlich ist Prochorow ja bereits Präsident. Er ist Präsident des russischen Biathlon-Verbandes, und deshalb ist er an diesem Morgen ans Schwarze Meer geflogen und von dort weiter ein Stückchen die Berge hinaufgefahren nach Krasnaja Poljana, wo er eine neue Biathlonstrecke eingeweiht hat. Aber Prochorow reicht das nicht. Dem Milliardär und drittreichsten Mann in Russland genügt es auch nicht, dass er den amerikanischen Basketball-Klub New Jersey Nets besitzt, dass er Chef des Investmentfonds Onexim ist und sich mit Bergbau, Banken, Immobilien und Nanotechnologie beschäftigt. Diese Welt ist dem zwei Meter großen Mann offenbar zu klein geworden. Jetzt will er auch Präsident von Russland werden und Wladimir Putin herausfordern. Zumindest sagt er das.

Nur ein paar Schritte vom wogenden Schwarzen Meer entfernt hat Prochorow die junge Generation in den Saal eines Luxushotels gebeten. Die liberale Jugend, Russen aus dem jungen städtischen Mittelstand, die ehrgeizig sind und die Zukunft noch vor sich haben, die mehr wollen als nur Stabilität, mit der Putin wirbt, das ist Prochorows größte Anhängerschaft. Und wer hört das in diesem Saal nicht gern, dass er, der Präsidentschaftskandidat, als Student und auch danach noch acht Jahre lang seine Urlaube in Sotschi verbracht habe, praktisch gleich nebenan, im Sommerlager "Sputnik". So lange liegt das ja noch nicht zurück. 46 Jahre ist er jetzt alt, und wenn man ihm zuhört, klingt das so, als wolle dieser reiche Unternehmer in sechs Jahren Präsidentschaft das Land umkrempeln.

Er sagt: "Was derzeit in Russland passiert, ist eine Katastrophe." Die Hälfte aller Studenten - und im Saal sind viele Studenten - werde später nicht in dem Job arbeiten können, für den sie ausgebildet sind. Prochorow möchte das Land von seinen Fesseln befreien, "die Staatsmonopole zerschlagen", sagt er. Als ihn jemand fragt, ob es unter ihm Zensur im Fernsehen geben werde, beschwört er Russland als Nation von Puschkin, Dostojewskij und Tolstoj, "und nicht als Land der Raketen". "Nehmen Sie doch nur den Ersten Kanal", sagt er und meint den linientreuen Staatssender. "Sie können dagegen etwas tun: am 4. März, bei der Wahl. Wir dürfen der Macht keine Chance lassen, Stimmen zu unterdrücken. Die Bürgeropposition muss auf das Regime und die Wahllokale Einfluss nehmen, sodass auch jede Stimme gezählt wird."

Prochorow, der eigentlich ein ruhiges Gemüt hat, ist jetzt in Fahrt. Er dreht sich nach links und nach rechts und hinter sich auf die Bühne, wo noch einmal etwa 50 Menschen in zwei Stuhlreihen sitzen, je nachdem, von wo gerade die nächste Frage kommt. Er scheint zu denken, wenn die Menschen in Russland Veränderungen wollen, dann wird er sie ihnen versprechen.

Er gibt sich als liberaler Anti-Putin, setzt sich für die Beerdigung Lenins ein, für den Bau von Schulen und Kindergärten. Er will den beliebten jungen oppositionellen Volkstribun Alexej Nawalnyj in den Rechnungshof holen, Militärausgaben einsparen und dafür sorgen, dass die Anhänger von Dieben und Gaunern, gemeint ist das Putin-Lager, weniger werden. "Putin ist zwölf Jahre an der Macht", er habe ohne Zweifel seine Verdienste, sagt Prochorow, "aber jetzt wird es Zeit für einen Jüngeren."

Prochorow will also gegen Putin gewinnen, zumindest in die Stichwahl will er es schaffen. Er hat sogar angekündigt, den inhaftierten Putin-Feind Michail Chodorkowskij freizulassen - sollte er gewinnen.

Ein Kandidat des Kreml?

Und doch ist es wohl kein Zufall, dass unter den Prochorow-Anhängern im Konferenzsaal auch viele sind, die sich zugleich wohlwollend über Putin äußern. Denn trotz seiner Kritik am Kreml sind längst nicht alle in Russland von Prochorows politischer Unabhängigkeit überzeugt. Ist er im Gegenteil sogar ein Kandidat des Kreml, ein liberaler Köder für die unzufriedene Mittelschicht? Prochorow weist diese kursierende Vermutung zurück. Aber er bleibt das größte Rätsel in diesem Wahlkampf.

Die Kontrollsucht des Kreml und die Praxis der vergangenen Jahre sprechen dagegen, dass ein Milliardär einfach so in die große Politik preschen und das bestehende Machtgefüge angreifen darf, ohne zugleich seinen Besitz zu gefährden. Prochorow hatte das Fundament seines Reichtums in den wilden neunziger Jahren gelegt. Er begann früh mit dem Verkauf von Jeans, schon als Student konnte er sich einen eigenen Lada leisten. Damals war das eine Seltenheit.

Zwei Jahre später verdiente er seine erste Million, als er sich dem Geschäftsmann Wladimir Potanin anschloss und die beiden gemeinsam eine Aktionärsbank eröffneten. Später wurde Prochorow Leiter des Weltkonzerns Norilsk Nickel mit Tausenden Mitarbeitern. Er versucht dies nun als eine Art Regierungserfahrung zu verbuchen. "Das Unternehmen war wie eine kleine Stadt", sagt er. Damals durfte er wie viele andere Oligarchen in Ruhe Geschäfte machen, solange er sich aus der Politik, der oppositionellen zumal, heraushielt. Das tat er auch.

Im Sommer wurde Prochorow dann überraschend Chef der Partei Gerechte Sache, die der Kreml einst als Scheinopposition geschaffen hatte. Kurz darauf scheiterte das Projekt in einem Eklat. Prochorow wurde als Parteichef abserviert, er selber beschuldigte deswegen den Kreml-Strategen Wladislaw Surkow und bezeichnete ihn als "Puppenspieler". Inzwischen ist Surkow als wichtigster Strippenzieher des Kreml abgelöst worden.

Und Prochorow ging als Präsidentschaftskandidat in die Politik zurück. Zwei Millionen Unterschriften musste er der Wahlkommission für seine Bewerbung vorlegen. Während der demokratische Konkurrent Grigorij Jawlinskij wegen zu vieler ungültiger Unterschriften ausgeschlossen wurde, lag die Zahl der ungültigen Stimmen bei Prochorow knapp unterhalb der zulässigen Grenze. Glück, Zufall, oder Berechnung?

Wahlen sind in Russland stets geplant worden. Womöglich darf sich Prochorow als Kritiker so weit vorwagen, weil der Kreml davon ausgeht, dass die Mehrheit der Russen einen Milliardär ohnehin nicht wählen wird. "Ich weiß auch nicht, ob er im Auftrag des Kremls antritt", sagt ein langjähriger Freund Prochorows recht ratlos, "zu 50 Prozent ja, zu 50 Prozent nein".

Im Hotelsaal von Sotschi ist die Meinung weniger geteilt. "Ich glaube nicht, dass Prochorow eine Marionette des Kreml ist", sagt der Wirtschaftsstudent Bagarjan Wartekes. "Dazu hat er zu unterschiedliche Ansichten." Aber sollte sich Putin durchsetzen, muss Prochorow sie auch nie beweisen. Eines seiner Versprechen scheint schon jetzt aussichtslos zu sein. Als eine junge Frau den reichen Junggesellen per Zettel fragt, ob er sie heiraten werde, da sagt er: "Lass uns das nach den Wahlen ausmachen."

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